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Von Menschen und Marionetten

Wissenschaftler kritisieren berühmtes Experiment der Psychologie. Von Martin Koch

Der Name des US-Psychologen Philip Zimbardo steht bis heute für den Aufsehen erregenden Versuch, menschliches Verhalten unter den Bedingungen einer konkret erlebten Gefangenschaft zu studieren. An der Stanford University ließ Zimbardo zu diesem Zweck eine Art Gefängnis bauen, in dem 1971 das sogenannte Stanford-Prison-Experiment stattfand. Daran nahmen 24 männliche Studenten teil, die für 15 Dollar pro Tag entweder als Wärter oder Gefangene agierten.

Die Wärter erhielten Schlagstöcke und Uniformen und waren befugt, die Gefangenen einzuschüchtern oder sie anderweitig zu drangsalieren. Etwa indem sie diese in der Nacht weckten und ihnen befahlen, sich nackt auszuziehen. Die Gefangenen wiederum trugen typische Haftkleidung und waren nicht mit ihrem Namen, sondern allein mit einer Nummer aufzurufen.

Schon nach wenigen Tagen eskalierte das Experiment und musste wegen massiver Übergriffe der Wärter abgebrochen werden. Zimbardo war zwar schockiert, aber dennoch zufrieden, eine Erkenntnis gewonnen zu haben. Das Böse, so meinte er, stecke nahezu in jedem Menschen und könne etwa dadurch aktiviert werden, dass jemand eine Uniform trage und große Machtbefugnisse über andere erhalte.

Obwohl es früh Zweifel an einer solchen radikalen Schlussfolgerung gab, gehört Zimbardos Modell bis heute zum Grundbestand der Sozialpsychologie. 2001 wurde darüber ein Spielfilm gedreht (»Das Experiment«), in dem die Brutalität der Wärter zu Todesopfern führt. Das ging selbst Zimbardo zu weit, und er klagte erfolgreich gegen den Titelzusatz des Films: »… beruht auf einer wahren Begebenheit.«

Ein Jahr darauf machten sich die Psychologen Alex Haslam und Steve Reicher daran, das Zimbardo-Experiment für eine BBC-Dokumentation zu wiederholen. Und siehe da: Von einer sich gleichsam lawinenartig ausbreitenden Brutalität unter den Wärtern war diesmal nichts zu bemerken. Manche Wärter fühlten sich sogar unwohl in ihrer Rolle und solidarisierten sich mit den Gefangenen. Diese wiederum bildeten rasch eine Gruppe, die gegen die Wärter opponierte. Weil damit die ursprüngliche Rollenverteilung verloren ging, wurde die BBC Prison Study vorzeitig beendet.

Wie sind die erstaunlichen Unterschiede zu erklären? Tatsache ist, dass Zimbardo den Wärtern gleich am Anfang seine Erwartungen mitteilte: »Wir nehmen den Gefangenen ihre Individualität, um sie in völlige Hilflosigkeit zu stürzen.« Die mit Geld belohnten Studenten wollten den Versuchsleiter offenbar nicht enttäuschen und waren zugleich überzeugt, etwas Richtiges zu tun. Zimbardos Probanden handelten keineswegs passiv, sondern mit Bedacht, resümieren Haslam und Reicher, die ihren Testteilnehmern keine Vorgaben machten. Unter diesen Umständen passten sich die meisten nicht ihrer Rolle an. Sie waren also keine Marionetten der Umstände, sondern reagierten wie mit Verstand und Gefühl begabte Individuen.

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Fachwelt von dieser Methodenkritik inzwischen Kenntnis genommen hat. Der US-Psychologe Richard Griggs wollte es genauer wissen und nahm sich 13 aktuelle Psychologie-Lehrbücher vor. Sein Fazit: Zwar finden sich in sechs Büchern ethische Einwände gegen das klassische Zimbardo-Experiment. Die BBC Prison Study wird dagegen bis auf eine Ausnahme nirgends erwähnt (»Teaching of Psychology«, Bd. 41, S. 195).

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