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Die Coole und das Rüstungsbiest

Himmelfahrtskommando: Von der Leyens neue Staatssekretärin soll Militärs wie Industrie Zügel anlegen

Das Verteidigungsministerium hat eine neue Staatssekretärin. Katrin Suder ist vor allem für Rüstung zuständig, und es heißt, sie habe einen großen Besen mit harten Borsten mitgebracht.

Auch wenn am gestrigen Freitag ihr offiziell erster Arbeitstag im Berliner Bendler-Block war - ganz unbekannt ist das Ministerium der 42-jährigen einstigen Direktorin des Wirtschaftsberatungsunternehmens McKinsey nicht. Da die studierte Physikerin und Theaterwissenschaftlerin, die auf dem Gebiet der Neuroinformatik promovierte, ein rationaler Typ ist, hat sie schon seit ein paar Wochen ausprobiert, ob der neue Job, den ihr Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) angeboten hat, neben der Herausforderung auch eine Aussicht auf Erfolg verspricht.

Von der Leyen kennt Suder aus ihrer Zeit als Arbeitsministerin. Damals fertigte diese für McKinsey eine Studie zum Fachkräftemangel an. Nun, so sagt Suder, habe sie versucht, sich »mit der Kultur der Bundeswehr auseinanderzusetzen«. Erstaunlich, doch sie hält die Innere Führung für eine »hochinteressante und faszinierende Führungsphilosophie«.

Vermutlich ist es nur ein Gerücht, dass Wetten abgeschlossen worden sind, wer zuerst fertig ist, die neue Staatssekretärin oder der erste deutsche A400M-Luftwaffentransporter. Für das Flugzeug, das Jahre hinter seinem Einsatztermin zurück ist, werden im südspanischen Airbus-Endmontagewerk San Pablo nahe Sevilla gerade Teile zusammengefügt. Ende November soll die Maschine mit dem deutschen Kreuz am Rumpf dann einsatzbereit sein. Wer das Gerücht weiterträgt, transportiert stets eine gewisse Hoffnung mit. So oder so. Denn Suder hat als Bürogrundausstattung mitbekommen, was im Luftwaffentransporter nicht eingebaut wird: den Schleudersitz. Als ihre Chefin das Ministerium zu Jahresbeginn übernommen hatte, wollte sie sich den Stand der 15 wichtigsten Rüstungsprojekte erklären lassen. Was sie von den zuständigen Abteilungsleitern hörte, war Gestammel: zu spät, zu teuer, nicht mit den vereinbarten Leistungen zu bekommen ... Kurzum, alles war so, wie es schon immer war.

Als die Rede auf absehbare Risiken in Höhe von drei Milliarden Euro kam, beendete die Ministerin ihren freien Fall und zog die Reißlinie. Während sie aus medialer Sicht langsam sicheren Grund unter die Füße bekam, stellte sich heraus, dass sich die Schirme für den zuständigen Rüstungsstaatssekretär Stéphane Beemelmans und dessen Abteilungsleiter Detlef Selhausen nicht geöffnet hatten. Jeder bekam einen unterkühlten Dank zum Abschied - und ein Konsortium aus KPMG, P3 Ingenieurgesellschaft und Taylor Wessing den Zuschlag bei einer Ausschreibung zur Überprüfung der Beschaffungsvorhaben A400M und »Eurofighter«. Die Aufklärungsdrohne, der Kampfhubschrauber »Tiger«, der Transporthubschrauber NH90, der Nachfolger des Luftverteidigungssystems MEADS kommen hinzu. Auch der Schützenpanzer »Puma« und die neue Fregattenklasse 125 sowie die sogenannte streitkräftegemeinsame Funkausstattung müssen technisch, wirtschaftlich und rechtlich auf den Prüfstand.

Die genannten Vorhaben schlagen mit einem Gesamtvolumen von über 50 Milliarden Euro zu Buche. Insgesamt gibt es im Verteidigungsministerium rund 1200 Rüstungsvorhaben, davon rund 100 mit einem Volumen von mehr als 25 Millionen Euro.

Bis Ende September soll das 30-köpfige externe Prüferteam Ergebnisse vorlegen. Aus ihren Empfehlungen für die einzelnen Rüstungsprojekte soll das ministerielle Management dann generell neue Sichten auf die Rüstungs- und Beschaffungspolitik entwickeln. Spätestens dann wird Katrin Suder erfahren, warum ihre uniformierten Kollegen zu extrem gefährlichen und wenig Erfolg versprechenden Operationen »Himmelfahrtskommando« sagen und warum - egal, was ihre neue Chefin behauptet - die Bundeswehr kein ganz normales Unternehmen ist.

Bislang ging die frisch ernannte Elitefrau ihren Job recht clever an. Sie sprach ausgiebig mit ihren Untergebenen, fasste alles schriftlich zusammen und ließ die Gesprächspartner gegenzeichnen. Wenn sie dann im Herbst der Industrie so manche schlechte Nachricht überbringen muss, wird sie spüren, wie kompliziert es ist, das bislang stets ebenso eng wie undurchschaubar geknüpfte Netz zwischen Verteidigungsministerium, nachgeordneten zivilen und militärischen Dienststellen und Industrie zu entwirren.

Zudem werden vor allem die großen Rüstungslieferanten Bettelteller aufstellen und in einstudierter Scheinkonkurrenz darüber klagen, dass sie ja auch die von Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel (SPD) beabsichtigten Kürzungen beim Rüstungsexport zu verkraften hätten. Standardargument: 200 000 Arbeitsplätze sind gefährdet. Das ist zwar fast zehnfach übertrieben, doch lässt es sich medial bestens vermarkten. Noch ist Katrin Suder zu jung im Amt, um sich so einfach über den Tisch ziehen zu lassen.

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