Werbung

Polen gedenkt des Warschauer Aufstands

Seit sieben Jahrzehnten wird die Gesellschaft die Frage nach dem Sinn so vieler Opfer nicht los

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Als »Kampf um die Einheit der Nation« bezeichnete Polens Präsident Bronislaw Komorowski den blutig niedergeschlagenen 63-tägigen Warschauer Aufstand, der am 1. August 1944 begonnen hatte.

Pünktlich um 17 Uhr erstarb am Freitag in Polens Hauptstadt wie an vielen anderen Orten im Lande jeglicher Verkehr. Bei Glockengeläut und Sirenengeheul hielten die Menschen inne und schwiegen. So gedachten sie der Stunde »W«, in der vor 70 Jahren auf Befehl der Führung der Heimatarmee (AK) der Warschauer Aufstand ausgebrochen war.

Er dauerte 63 Tage, war im Zweiten Weltkrieg die blutigste Schlacht in einer Stadt, kostete etwa 20 000 Aufständische und bis zu 200 000 Zivilisten das Leben und endete mit der Vertreibung einer halben Million Überlebender und der von Hitler befohlenen »Ausradierung Warschaus«.

Die Polen werden seit sieben Jahrzehnten die Frage nach dem Sinn dieser Hekatombe von Opfern nicht los. War es politisches Kalkül, Unverantwortlichkeit oder gar Wahnwitz der Befehlsgeber, eine heroische Erhebung der polnischen patriotischen Jugend gegen die deutschen Okkupanten oder ein Verbrechen? Oder alles zusammen? Ein Phänomen zwischen Verherrlichung und Verdammung? Der öffentliche Disput darüber war, ist und bleibt fest in der Politik und in der jeweiligen ideologischen Hegemonie verankert.

Seit Jahren entscheidet über die genannten Fragen die Rechte. Allgegenwärtig ist die Interpretation, die vom »Museum des Warschauer Aufstands«, einer vor zehn Jahren eingerichteten staatlichen »Institution zur patriotischen Erziehung künftiger Generationen« verbreitet wird. Fast 5 Millionen Polen, darunter die Hälfte Kinder und Jugendliche, haben dort Geschichtsunterricht genommen. Die linke Zeitschrift »Przegląd« schrieb, für die Kinder werde da ein seltsames »Disneyland« geöffnet, sie können unter anderem eine »richtige Barrikade« bauen oder durch einen »Kanal« kriechen.

Infolge der offiziellen rechten »Geschichtspolitik« sind nach Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts CBOS 68 Prozent der Polen der Meinung, dass es richtig war, den Aufstand zu beginnen. Auch in der Geschichtsschreibung wird der entgegengesetzte Standpunkt von einer Minderheit vertreten, nimmt aber an Bedeutung zu. Neuauflagen historischer Werke und auch neuere Publikationen mit objektiven Wertungen des kontrovers behandelten Themas stehen jedoch gegenüber dem »Gründungsmythos der Solidarnosc und des nach 1989/90 freien Polens« und gegenüber der politisierten Popkultur auf verlorenem Posten. Am Freitag liefen im Fernsehen den ganzen Tag über alte und neue Dokumentar- und Spielfilme, im Radio ertönten Kampflieder und Interviews mit Aufstandsteilnehmern - alles unter dem Motto »Gloria Victis« - Ehre den Besiegten. So lautet der Titel einer Novelle von Eliza Orzeszkowa aus dem Jahre 1910, in der die Tragödie des antizaristischen Aufstands von 1861 beweint wird.

»Gloria Victis« war auch der Tenor beim »Appell der Gefallenen« am Donnerstag auf dem Platz der Helden, während der feierlichen Wachablösung vor dem Grab des Unbekannten Soldaten auf dem Pilsudskiplatz, der Kranzniederlegung auf dem Powazki-Militärfriedhof wie auch an etwa 20 Stellen in verschiedenen Warschauer Stadtteilen, vorwiegend in Wola und Ochota, wo insgesamt 50 000 zivile Warschauer von Einheiten der SS und der »Russischen Volksbefreiungsarmee« (RONA) niedergemetzelt worden waren. Umrahmt wurde dies alles von der These, die Staatspräsident Bronislaw Komorowski verkündet hatte: In den 63 Tagen des Aufstands sei »eine Republik des freien Polens als Vorbild für uns heute« geschaffen worden.

Im Stadtteil Cerniakow, unmittelbar am westlichen Weichselufer gelegen, wurde am Abend auf einem Erdhügel ein Feuer entfacht, das 63 Tage brennen wird. Ungefähr an dieser Stelle waren am 15. September 1944 Soldaten der 1. Division der Polnischen Armee gelandet, die am Vortag an der Seite der Roten Armee den am anderen Flussufer gelegenen Stadtteil Praga befreit hatten. Einen Tag darauf erkämpften Soldaten der 2. Division einen Brückenkopf in der Nähe der Zitadelle. Beide Landungsoperationen der aus dem Osten unter General Zygmunt Berling herangerückten polnischen Soldaten wurden von der Wehrmacht am 20. September zurückgeschlagen. Von denen, die den Aufständischen zur Hilfe eilen wollten, fielen mehr als 1500. Auch in der vor Mitternacht vom »Muzeum Powstania« organisierten theatralischen Vorstellung nach Miron Bialoszewskis sehr ehrlichem »Tagebuch des Aufstands« wurde dies jedoch verschwiegen. Im Namen der »Einheit der Nation«? Siehe auch Seite 23

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!