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Zum Tod des Filmemachers, Essayisten, Videokünstlers Harun Farocki

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 3 Min.

Ernste Spiele/ Serious Games« heißt die vierteilige Werkreihe, die Harun Farocki 2009/10 geschaffen hat und die in Berlin im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart gezeigt wird (»nd«, 5.7.). Perfide, sagt, wer die Videoinstallation gesehen hat, ist das, was uns Farocki da vor Augen führt: wie junge Soldaten ausgebildet werden, nämlich indem kriegssimulierende Computertechnik eingesetzt wird - Kriegsspiel fein säuberlich wie blanke Unterhaltung. Den Horror der Traumatisierung danach als Mitgift. In dem Zyklus sind es US-Amerikaner in Vorbereitung auf den Irak-Krieg, es könnte auch jede andere Brandstelle mit den zu verheizenden Soldaten sein. Farocki gibt in diesen Dokumentaraufnahmen wie in seinen anderen Filmarbeiten mit scheinbar lakonischer Präsentation der Tatsachen die entscheidende Aufgabe dem Betrachter auf: Du sollst Dir ein Bild machen! Und: Du sollst Dir die Augen nicht verkleistern lassen.

Ob es der Krieg ist (»Nicht löschbares Feuer«, 1969, über den Vietnamkrieg und die Interessen der Industrie am Einsatz chemischer Waffen und die Verstrickung der Wissenschaftler), ob es die nicht-blutige, teils subtile, doch ebenso gewaltsame Machtausübung Weniger ist wie die inzwischen allgegenwärtige Überwachung mittels Kamera, auch die militärische, das Vorgaukeln, die Manipulation allerorten - Farocki guckt quasi hinter die Bilder, die dabei entstehen, sodass der Betrachter derjenige ist, der die Show entlarvt. Es ging Farocki immer darum, »Wie man sieht« (so ein Filmtitel, 1986), denn nur wer klar sieht, kann eingreifen, kann verändern. So verstand er Jean-Luc Godards Worte, wonach nicht politische Filme zu machen seien, sondern Filme politisch.

In Neutitschen, dem von den Deutschen annektierten Nový Jičín (Tschechien), 1944 geboren, lebte er 40 Jahre in Berlin. Am 30. Juli ist er im Alter von 70 Jahren gestorben. Er gehörte zum ersten Studentenjahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, mit Hartmut Bitomsky, Holger Meins, Wolfgang Petersen, Gerd Conradt. Wegen politischer Aktivitäten flogen sie alle dort raus. Die Mechanismen, wie Kapitalismus funktioniert im Sozialen, Ökonomischen, in allen Bereichen, aufzudecken - das war immer sein Thema.

Farocki schrieb als Redakteur und Autor Jahrzehnte für die Zeitschrift »Filmkritik«, unterrichtete an Film- und Kunsthochschulen und -Akademien, war Mitglied der Akademie der Künste. »Deep Play«, eine analytische Arbeit, war Farockis faszinierender Beitrag auf der documenta 2007. Die 12 Bildschirme der Installation zeigten alle dasselbe Ereignis, ein Medien-Ereignis: das Finale der Fußballweltmeisterschaft 2006 im Berliner Olympiastadion, Frankreich gegen Italien. Zwölf Perspektiven, von jeweils einer anderen Überwachungs- oder TV-Kamera aufgenommen, die »Szenen« mit Vektornetzen und Infografiken verbunden, jede Einzelbewegung jedes Fußballers (zur Freude jedes Fußballtrainers gemessen und berechnet) als Resultat von Physik und Mathematik - Sport nicht als schönes Spiel von Zufall, Charme und Laune, sondern als Synonym für kapitalistischen Effizienzfetisch.

Dem Regisseur Christian Petzold war Farocki Koautor vieler Drehbücher - zu Filmen wie »Die innere Sicherheit«, mit denen beide 2001 den Deutschen Filmpreis in Gold gewannen. Im Herbst wird ihr letzter gemeinsamer Film, »Phoenix«, über eine Auschwitz-Überlebende, die erst durch ein Rollenspiel wieder in der Familie aufgenommen werden kann, in die Kinos kommen.

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