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In Deutschland nicht mehr verlegt

Weltautor James Baldwin bekommt in New York zum 90. Geburtstag eine Straße

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In der DDR waren seine Bücher, die in den 70er und 80er Jahren erschienen, für mich auch als heterosexuellen Teenager eine Offenbarung. James Baldwin: Wie eindringlich, wie gekonnt seine Dialoge, wie offen, modern und mutig die Sprache. Moderne Literatur eben. Und eine hochpolitische dazu, beschrieb sie doch die individuell oft sieglos verlaufenden Kämpfe entrechteter Schwarzer in den USA (in einer Erzählung wird das Lynchen eines Südstaaten-Farbigen beschrieben, der es gewagt hatte, eine Weiße zu lieben) wie die Diskriminierung von Homosexuellen. Beide Themen sind lebenslang Baldwins Spielfelder.

Im August 2014 wird in Harlem eine Straße nach ihm benannt, es ist ein Abschnitt der 128. Straße zwischen Fifth und Madison Avenue. Das Brocklyn Museum zeigt gleichzeitig in der aufwendigen, dem Unruhejahr 1964 gewidmeten Ausstellung »witness« Fotografien und Collagen über die Lage der Schwarzen. Baldwin spielt eine zentrale Rolle.

Das deutsche Monatsmagazin »Merkur« hat in seiner Juli-Ausgabe 2014 Baldwins Werk in einem Artikel gewürdigt. Bemerkenswert dabei eine nüchterne Feststellung: »In Deutschland, wo Baldwin einmal große Popularität genossen hat, wird er kaum noch gelesen, seine Werke sind derzeit nur antiquarisch erhältlich.« In der Tat gibt es (anders als in den USA) im Literaturland Deutschland keinen Verlag, der James Baldwin im aktuellen Programm führt. Warum ist das so? Und: Warum erscheinen jeden Monat gefühlt Hunderte billiger Krimis und Unterhaltungsbücher?

Zur Erinnerung: Im Leseland DDR fand James Baldwin ein Millionenpublikum. Der Band mit den Erzählungen »Rückkehr aus der Wüste« erschien 1972 bei Volk und Welt, wenig später in der schwarzen Spektrum Paperback-Reihe. Der Roman »Eine andere Welt« wurde vom Aufbau-Verlag editiert. Und den »Beal Street Blues« veröffentlichte die für 80 Pfennige zu habende Romanzeitung. In der schwarzen Reclam-Reihe findet sich 1981 und 1987 »Giovannis Zimmer«. Bereits 1972 inszenierte das Fernsehen mit »Blues for Mister Charlie« Baldwins bekanntestes Werk. Der zweite DDR-Kanal nahm das Stück, das auf einem realen Vorfall basierte, als ein Weißer den Schwarzen Emmet Till 1955 in Mississippi folgenlos ermordete, in einem Kellertheater in Leipzig auf.

Übrigens: Das Stück »Blues for Mister Charlie«, uraufgeführt am Broadway 1964, wurde für den schmächtigen Schwarzen ein überwältigender USA-Erfolg. Bereits 1963 sorgte sein kompromissloser Essayband »The Fire Next Time« für Furore. Er traf den Zeitnerv und wurde eine Million mal verkauft. »Time« hievte 1963 Baldwin aufs Titelblatt und lobte, es gebe keinen zweiten USA-Schriftsteller »der die dunklen Realitäten des Lebens der Schwarzen mit einer solchen Schärfe und Konsequenz darstellt«.

James Baldwin wurde am 2. August 1924 von der alleinstehenden Emma Jones in Harlem geboren. Die Mutter heiratet den Baptistenprediger David Baldwin, einen ungeliebten Stiefvater. Der Junge ist schon als Teenager ein leidenschaftlicher Leser, zeitweise ein Jugend-Prediger. Ab 1946 schreibt Baldwin Buchbesprechungen und Essays. Da er den Rassismus in den USA nicht länger erträgt, lebt er ab 1948 vor allem in Frankreich. Im August 1963 trifft er in den USA Künstler wie Marlon Brando und Harry Belafonte, um den »Marsch auf Washington für Jobs und Freiheit« vorzubereiten - die größte Politaktion in der USA-Geschichte.

Als der Vietnamkrieg tobt und immer mehr Schwarze in Zinksärgen nach Hause kommen, engagiert sich Baldwin in Stockholm auf dem Anti-Kriegs-Tribunal. Die »Zeit« veröffentlicht 1967 seinen Essay »Die weiße Anmaßung«. »Ich fordere jeden Amerikaner heraus, und besonders Lyndon Johnson und Dean Rusk und Robert McNamara, mir und der schwarzen Bevölkerung der USA zu verraten, wie sie Südostasien befreien wollen, wenn sie doch nicht einmal ihre Brüder befreien können ...«

Nach dem gewaltsamen Tod der Bürgerrechtsführer Malcom X und Martin Luther King Jr. zieht sich Baldwin - nun illusionslos - ganz nach Europa zurück. Bis 1974 arbeitet er in St. Paul de Vence an »If Beale Street could talk«, einer Abrechnung mit seinen Feinden. 1982 erscheinen Gedichte unter dem bezeichnenden Titel »Jimmy's Blues«. Baldwin stirbt 1987 mit 63 Jahren an Magenkrebs.

Und heute? Viele Lexika listen Baldwin als einen der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auf. Sein Erbe ist lebendig. Zwei Beispiele. Das Non-Profit-Projekt »project1voice« sammelte in den USA 2012 mit einer landesweiten Aktion Geld für das unabhängige Schwarze Theater. Im Mittelpunkt stand das James-Baldwin-Stück »The Amen Corner« (1954), das in 18 Städten von Schauspielern gelesen wurde.

Auch in Deutschland gibt's Hoffnung. Im Mai 2013 wurden bei den Oberhausener Filmtagen etwa 450 Filme eingereicht. Doch der Große Preis der Stadt ging an den deutsch-türkischen Regisseur Aykan Safoglu. In seinem Film, einer Hommage an Baldwin, wurden mittels ungewöhnlicher Montagetechnik Fiktionen und Fakten miteinander verbunden.

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