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Die Begriffsbestien des Bologna-Blablas

Ein Sammelband analysiert die neueren hochschulpolitischen Diskurse und universitären Zustände

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Das sprachliche Instrumentarium der Lobbyisten und ihnen dienstbarer Funktionäre bestimmt das Denken an den Universitäten. Aber es gibt auch Bemühungen, die Begriffe in die Freiheit zu entlassen.

Aus den letzten großen Uni-Protesten in Deutschland 2009 ging eine Buchreihe hervor. Münchner Studierende brachten zunächst zwei Sammelbände zum Thema Universität heraus. Der eine versammelte vor allem aktuelle Forderungen von Uni-Personal in verschiedenen Ländern, der andere »Essays, Positionen und Untersuchungen aus zwei Jahrhunderten« und überwiegend von berühmten Philosophen. In der Reihe »Unbedingte Universitäten« - ein Begriff, den der 2004 verstorbene Philosoph Jacques Derrida geprägt hatte - erschienen dann Einzelessays ausländischer Uni-Angehöriger.

2013 wurde ein Nachschlagewerk vorgelegt: Das »Bologna-Bestiarium«, so der Titel, versammelt rund 40 Schlagworttexte. Der Sammelband »versteht sich als ein sprechpolitischer Einschnitt«, ist im Vorwort zu lesen. Es geht um »das wilde Sprechen« von Menschen, die auf der Grundlage ihrer Studier-, Lehr- oder Forschungspraxis den offiziellen Diskursen etwas entgegenhalten. Diese Diskurse hätten hochschulpolitische Begriffe gezähmt, was sich im 2006 von der Hochschulrektorenkonferenz herausgegebenen mehrsprachigen »Bologna-Glossar« manifestiere, ist im Eintrag »Bestiarium« zu lesen. »Die durch die Zähmung zu Bestien gewordenen Wörter sollen durch eine Freisetzung ihre ursprüngliche Unbestimmbarkeit zurück erlangen«, heißt es weiter über die eigene Absicht.

Neben etlichen sehr aufschlussreichen Texten gibt es leider viele, die wenig fundiert sind. Hingegen zeigt Erich Ribolits, Privatdozent an mehreren österreichischen Universitäten und bis zu seiner Pensionierung Forscher am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien, dass ein solcher Text ohne expliziten Bezug zu den jüngsten europäischen Hochschuldiskursen auch in diesem Sammelband sehr wertvoll sein kann. Sein Eintrag »Bildung, kritische« rechnet, angefangen mit Immanuel Kant, fundamental mit jenem deutschen Diskurs ab, der »Bildung« als Kurzform dafür nimmt, dass an deutschen Schulen und Hochschulen in der Masse zivilisiertere und intelligentere Menschen herangezogen werden können als woanders, und der sogar so tut, als sei ihm wirklich an kritischem Bewusstsein gelegen. Dass dem nicht so ist, macht Ribolits auf beeindruckende Weise deutlich. »Bildung« meinte nie »äußere Freiheit« im Sinne der Kritik an gesellschaftlichen Autoritäten, sondern immer nur »innere Freiheit«, die Kant bekanntlich an Selbstbeherrschung knüpfte - der Diskurs um »Bildung« ist für Ribolits somit »die Regierungstechnik der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft«.

Auf anregende Weise gehen zwei weitere Artikel über die gegenwärtigen Hochschuldiskurse hinaus. In »Intellektuelle« wird, ausgehend von der Definition, dass Intellektuelle »professionelle Kompetenzen überschreiten und sich andernorts einmischen«, erörtert, inwieweit das durch die jüngeren Hochschulreformen eher befördert oder zurückgedrängt wird. Und »Sammelband« kritisiert nicht nur das Überhandnehmen von Sammelbänden ohne schlüssiges Konzept, sondern schlägt gleich ein neues Konzept wissenschaftlichen Publizierens vor: Anthologien, bei denen bewährte Texte nicht nur »neu gelesen«, sondern auch weitergeschrieben werden können.

Gute Einführungen in Themenfelder bieten die Stichworte »Klausur«, »Lebensführung, studentische«, »Lehrauftrag«, »Leistungspunkte/ECTS«, »Lernen, lebenslanges«, »Peer Review/Publikationsliste« und »Überschneidungsfreiheit« - und dann gibt es noch ein halbes Dutzend Einträge, in denen es richtig zur Sache geht. Am nützlichsten für das Verständnis des aktuellen europäischen Hochschulgeschehens ist das »Bologna-Bestiarium« dort, wo es eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Bologna-Sprech bietet. Vor allem unter den Stichworten Bologna-Prozess, Employability, Evaluation, Kompetenz, Lebenslauf, Rankings und Schlüsselqualifikationen versammeln sich faktengesättigte und überzeugend vorgetragene fundamentale Begriffskritiken und Analysen politischer Hintergründe. So wird deutlich, dass die Schaffung des europäischen Hochschulraums im Errichten eines Kommerzialisierungs- und Kontrollregimes besteht, dessen begriffliches Instrumentarium geradezu lächerlich undurchdacht und inkonsistent ist.

Das Blabla der Lobbyisten und ihnen dienstbarer Funktionäre hat nicht nur das Denken über die Universitäten, sondern auch deren Strukturen stark geprägt - all dem entgegenzusetzen ist nicht »eloquent-larmoyantes Gejammer« nach mehr kritischer Bildung, wie Ribolits schließt, sondern der Boykott und die »systemunterlaufende Tat«.

Bologna-Bestiarium, diaphanes, 342 Seiten, brosch., 24,95 Euro

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