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Campen gegen Kohle und Kapital

Umweltaktivisten debattierten über globale Probleme und blockierten für Stunden einen Bagger des RWE-Konzerns

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Neun Tage lang versammelten sich Hunderte Aktivisten im Klimacamp im Rheinischen Braunkohlerevier. Die Gegend zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach gilt als klimaschädlichste Region Europas.

Winzig wirkten sie vor dem riesigen Schaufelrad-Bagger. So winzig, dass sich sogar der Vergleich mit David, der gegen Goliath kämpft, verbietet. Er käme einer Untertreibung gleich. Doch die 22 Demonstranten tanzten am Fuße des Ungetüms, spielten Samba-Rhythmen und riefen Slogans wie »System Change, not Climate Change«. Möge sich das politische und ökonomische System ändern, nicht das Weltklima!

Auch einen konkreten Beitrag zur Schonung des Planeten leisteten die Aktivisten am Freitag der vergangenen Woche: Die Abbaumaschine, die hier im Tagebau Garzweiler II tonnenweise Braunkohle zu fördern pflegt, die dann im Umland kohlendioxid-intensiv verstromt wird, konnte sich nicht weiter ins Gelände fressen. Sie stand still.

Oberhalb des Tagebau-Kraterrandes standen 50 weitere Aktivisten, feuerten die Blockierer an, einige ketteten sich aneinander und an den Boden, eine Aktionsform, die sich zur Verzögerung von Castortransporten bewährt hat. Sie wollten den Bagger auch dann noch stoppen, wenn die Blockade unten abgeräumt ist. Doch noch stand der Werkschutz des Energiekonzerns RWE vor seinen weißen Geländewagen und konnte nichts tun gegen die offensichtlich nervige Aktion. Auch die herbei gerufene Polizei wirkte zunächst ratlos.

Der Freitag am Bagger war der Aktionstag des rheinischen Klimacamps, das bis gestern bei Erkelenz-Holzweiler auf einem Bolzplatz stattfand. Hunderte Klimaaktivisten - vom lokalen Vorsitzenden des Bundes für Umwelt- und Naturschutz bis hin zum Öko-Anarchisten - trotzten Hitze, Hagel und lokaler Obrigkeit, diskutierten auf teils hohem Niveau zu mannigfaltigen Themen und feierten auch zusammen. Solarzellen lieferten Strom für Kühlschrank, Beamer und eine Handvoll Laptops.

Schon um zehn Uhr morgens begann das Camp-Programm mit Veranstaltungen zu Energiethemen, Kohleausstieg, Postwachstum, Klimagerechtigkeit, Anarchismus, Kompost und dem, was man in früheren Jahrzehnten die Dialektik von Reform und Revolution nannte. Viele Menschen im Camp waren jung und ein wenig punkig gekleidet. Bei allen Unterschieden und aller Diskussionsfreudigkeit dominiertn wachstumskritische und antikapitalistische Positionen. Und auch die »Verbotskultur«-Debatte färbte auf die Diskussionen ab: Verordnen kann man radikalen Klimaschutz nicht, da waren die meisten sich sicher. Erkämpfen schon. Hoch im Kurs standen auch Utopien wie die von GartenCoop aus Freiburg im Breisgau, eine Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft, die Marktmechanismen aushebelt.

Es war bereits das fünfte Klimacamp im Rheinischen Revier und der Ort gut gewählt: RWE betreibt hier mehrere Tagebaue und Kohlekraftwerke, weswegen die Gegend zwischen Aachen Köln und Mönchengladbach als klimaschädlichste Region Europas gilt. Menschen aus der Region, unmittelbar Betroffene also, waren eher rar gesät und wenn sie doch kamen, kamen sie ohnehin schon als RWE-Gegner. Aus reiner Neugierde schaute wohl niemand vorbei.

Den in NRW mitregierenden Grünen war es zwar gelungen, einen grünen Klima- und Umwelt-Minister in der Landesregierung zu etablieren, doch der pflegt zum Rheinischen Revier ebenso zu schweigen wie zur Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau. Im letzten Jahr besetzten Klimacamper deswegen die Landesgeschäftsstelle der einstigen Öko-Partei, deren Vorstand mit Strafanzeigen reagierte.

Am kommenden Donnerstag wird zehn der Besetzer, die beteuern, friedlich und kooperativ agiert zu haben, der Prozess gemacht. Beide grünen Landeschefs wollen als Belastungszeugen aussagen. Auf dem Camp wurden daher auch Unterschriften als Protest gegen die NRW-Grünen gesammelt.

Die LINKE, die jüngst in Brandenburg dem Ausbau des Braunkohle-Tagebaus Welzow-Süd zustimmte, wird ihr Fett erst ab dem 16. August abbekommen. Auf dem Lausitzer Klima- und Energiecamp. Nordrhein-Westfalens LINKE-Landesverband ist derweil dezidiert braunkohle-kritisch und solidarisierte sich mit den Campern, lobte deren »wichtiges Bürgerengagement für die Energiewende« und forderte ein Kohleausstiegsgesetz nach Vorbild des Atomausstieges.

Zurück zum Bagger und der Protestgruppe. Beifall brandete auf, denn die Aktivisten hatten erfahren, dass noch ein weiterer Bagger besetzt wurde und ein Werkstor, das zum Tagebau Garzweiler führt, länger als die geplanten symbolischen zehn Minuten unpassierbar war. Doch dann marschierte ein Dutzend Polizisten auf, umzingelte die Aktivisten am Fuße des Schaufelrad-Baggers. Einige Uniformierte schubsten die Kohle-Gegner. Ohne es zu merken, wurde die Staatsmacht so Teil der Aktion: Denn nun stand man der Maschine gemeinsam im Wege. Für mehrere Stunden.

Als blockiert gelten musste aber nicht nur das gigantische Artefakt aus RWEs Fahrzeugpark. Gleiches gilt seit Jahren schon für die internationalen Klimaverhandlungen. Daher starteten die ersten deutschen Klimacamps, auch jenes im Rheinland, bereits 2010 - ein Jahr nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen.

Für Camp-Mitorganisatorin Dorothee Häusermann war Kopenhagen ein Schlüsselerlebnis. Die Klima-Bewegung habe aus Kopenhagen einen systemkritischen Ansatz mitgebracht, erinnere sich die Aktivistin von AusgeCO2hlt. Hinzu kam eine eine grundsätzliche Kritik am Gipfelhopping: »Warum«, so Häusermann, »sollten wir immer dahin reisen, wo die anderen sich treffen?«

In und nach Kopenhagen entstanden neue Vernetzungen. Man beschloss, »dezentral vor Ort die fossile Infrastruktur anzugreifen und konkrete Kohlendioxid-Quellen abzuschalten«. »Es geht aber nicht nur um die Kohle«, stellte Häusermann klar. »Wir wollen keine Windräder vor Rüstungsfabriken und keine überflüssigen Produkte, die mit Solarstrom hergestellt werden, aber nach anderthalb Jahren kaputtgehen.«

Doch wie verhält man sich künftig zu den Klimagipfeln, die Jahr um Jahr stattfinden, weil die UN-Klima-Rahmenkonferenz nun einmal jährliche Vertragsstaaten-Konferenzen vorschreibt, auch wenn klar ist, dass die Verhandlungen ergebnislos enden werden?

Das Thema wird von den Klimacampern kontrovers behandelt. Einige wollen rein dezentral agieren. Andere mobilisieren bereits jetzt mit großem Aufwand zum Klimagipfel Ende 2015 in die französische Hauptstadt Paris. Geplant sind Gegenaktionen und ein »Salon der Alternativen«. In vierzig europäischen Städten gibt es bereits Vorbereitungsgruppen. Man verweist auf ein 48-seitiges Methoden-Handbuch, ein 35-minütiger Mobilisierungsfilm und die Webseite Alternatiba.eu.

Ein wenig aus dem Camp-Rahmen fiel ein gediegen wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart. Er hatte einen leicht bayrischem Akzent und verbreitete marxistischen Ideen. Helmut Selinger heißt der Mann, er ist gelernter Physiker und arbeitet ehrenamtlich für das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e. V. , das regelmäßig faktengesättigte Berichte mit kämpferischen Titeln veröffentlicht.

Der 68-Jährige war einer der wenigen im Camp, die Klimagipfel - und zwar nicht die Gegenaktionen - für eine wichtige Sache halten. Und er hatte einen Verbesserungsvorschlag für die Herrschenden im Gepäck: »Gerechte Grundsätze« sollen die zwischenstaatlichen Verhandlungen aus der Sackgasse führen. Das zielt auf eine möglichst präzise Aufteilung von Emissionsrechten nach egalitären Prinzipien.

Weil die USA, aber auch Deutschland, ihre »Klimakonten« längst überzogen hätten, wie Selinger überzeugend darlegt, sollen sie in einen neu zu gründenden Internationalen Klimafonds einzahlen. Und zwar 40 US-Dollar pro Tonne Kohlendioxid oberhalb des Budgets, das Selinger ihnen zuweist. Für die USA entspräche das einer Summe von rund 250 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Insgesamt soll der Fonds über einen Jahresetat von einer halben Billion Dollar verfügen und Klimaschutz und Klimaanpassung im globalen Süden finanzieren. Selinger hofft auf den Druck von China und von Entwicklungsländern, die notfalls den Pariser Klimagipfel im nächsten Jahr platzen lassen sollen. Ob das realistisch ist? Selingers Publikum blieb überwiegend skeptisch.

Bis in die späten Abendstunden stand der Schaufelradbaggers in Garzweiler. Dann begann er plötzlich wider mit seiner Arbeit - obwohl droben am Kraterrand noch Aktivisten angekettet waren.

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