Werbung

Die Poesie der Dampframme

»World peace is none of your business« - zehntes Soloalbum von Patrick Morrissey

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Margaret Thatcher ist seit 2013 tot. Ist die Welt in den Augen Steven Patrick Morrisseys dadurch besser geworden? Natürlich nicht, die Erde ist immer noch derselbe, einsamste Planet im Universum, Liebe und Sex sind nicht dasselbe und ein Mann, egal ob Don Juan, Casanova oder fetter fleischfressender Kumpeltyp, der im Umkleideraum über dreckige Witze lacht, will der 59-Jährige auch nicht sein. »World peace is none of your business«, das zehnte Soloalbum des früheren Smiths-Sängers, hakt fast systematisch alle Themen ab, die sich durch das mehr als 30-jährige Œuvre des in Manchester Geborenen ziehen: radikaler Vegetarismus, die Ohnmächtigkeit des kleinen Mannes gegenüber sinisteren und moralisch verkommenen Eliten und Politikern im titelgebenden Song, den tödlichen Leistungsdruck in Bildungsanstalten (»Staircase at the university«) und überhaupt, die Einsamkeit und die Schändlichkeit der Menschheit im Allgemeinen (»Mountjoy«)

Aus dem Zweifler und dem Zauderer Morrissey ist in den letzten Jahren immer mehr der Zerstörer »Mozzer« geworden, dessen Lyrik kaum noch etwas mit der von ihm verehrten und 1986 im Smiths-Song »Cemetry Gates« als seine lyrischen Bundesgenossen aufgeführten Keats, Yeates und allen voran dem Genie Oscar Wildes gemeinsam hat. Dort, wo früher Fragen waren, kommt heute die poetische Dampframme, die eben keine Fragen mehr offen lässt: Blieb er früher bloß verwundert und erstaunt ob der manchmal unerklärlichen weiblichen Psyche allein am Strand zurück, empfiehlt er heute angehenden Ehemännern, die Bräute doch lieber gleich vom Kirchenschiff zu treten, um den Tag noch irgendwie zu retten (»Kick the bride down the aisle«): Schließlich will die Braut doch nur einen Verdiener-Sklaven, um für den Rest des Lebens auf der faulen Haut zu liegen. Und die Kühe auf dem Feld wüssten eh mehr als die Frau. Fairnesshalber bekommen Männer ebenso ihr (vor allem tierisches) Fett weg.

In den letzten Jahren lebte Morrissey wahlweise in Los Angeles, Rom und der Schweiz; an Fragen der englischen Identität hatte er sich 2004 zuletzt musikalisch im zurecht gefeierten Album »You are the quarry« abgearbeitet. Im neuen Album umspannt der Blick den ganzen Globus. Und Morrissey senkt den Daumen: »Brazil and Bahrain, Egypt and Ukraine, so many people in pain«. Schmerz gibt es eben nicht nur in winterlich verlassenen englischen Seebädern, Schmerz ist überall, wo Menschen sind. Selbst Spanien wird erst schön, wenn die Stierkämpfer anstelle der Stiere sterben (»The bullfighter dies«), vorher ist es nur »mad in Madrid, ill in Seville« und »gaga in Malaga«. Nur Gaga oder Dada? Morrissey selbst hat die Messlatte mit seinen früheren Songs teilweise so hoch gelegt, dass kaum zu glauben ist, was da an Herumreimerei zu hören ist.

Unglücklicherweise zerren die Texte und Musik auch noch in unterschiedliche Richtungen: Produzent Joe Chiccarelli verpasste der Platte einen teilweise zu rockigen Anstrich, der in die etwas feinfühligeren Momente samt Harfe und Glockengeläut ziemlich abrupt mit Hilfe von Gitarren rein- und sie damit auch niedergrätscht. Stimmlich ist Morrissey jedoch auf einer Höhe wie lange nicht, in seiner fast achtminütigen Suada gegen die Männlichkeit oder dem, was er sich darunter vorstellt (»I´m not a man«), reizt er sie fast in Musicalmanier aus. Und genau so verlässlich, wie beim ersten Hören seiner letzten Alben immer zuerst eine leichte, aber erwartete, Enttäuschung ob seiner Holzhammerzeilen einsetzt, bleibt mindestens ein Song im Ohr und lässt nicht mehr los: »Kiss me a lot« kommt mit dem wenigsten Text aus, Bläser werden losgelassen, und wenn Du mich nur stürmisch küsst, ist vielleicht doch noch Rettung möglich.

2009 sagte Morrissey noch, dass die Chancen sehr gering sind, als Sänger weiterzumachen. Jetzt mit 59 hat er zumindest Margaret Thatcher überlebt, die er wegen der Zerstörungen, die sie in der britischen Gesellschaft anrichtete, 1988 am liebsten auf der Guillotine gesehen hätte. Zumindest Morrisseys innerer Frieden ist jetzt nicht mehr ihre Angelegenheit.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!