Werbung

Ideologisch unzuverlässig

Der Bulgare Alek Popov attackiert den Partisanen-Mythos

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Er ist ein großer Spötter vor dem Herrn, dieser Alek Popov aus Sofia, Jahrgang 1966. Und ein lesenswerter Autor. Für seine Grotesken in Prosa erhielt er etliche Preise. Der Stoff seiner Satiren stammt mal aus der weiten Welt des Westens (Popov war Diplomat, Kulturattaché in Großbritannien und Nordirland), mal aus der Heimat im Osten. Der zweite Roman, »Die Hunde fliegen tief« (deutsch 2008), führte daheim über Wochen die Bestsellerlisten.

Die Story des jüngsten Buchs: Anfang der Vierziger wollen zwei Mädchen aus Sofia zu den Partisanen - die Zwillinge Kara und Jara, Töchter eines Pelzhändlers. Sie sind hübsch (wie Schneeweißchen und Rosenrot), sie sind klug, ideologisch aber noch auf der Suche; irgendwas Militantes sollte es sein, rechts, links, egal. Im Gymnasium haben sie eine politische Dummheit begangen: Sie entstellten ein Gemälde des Landesvaters Zar Boris III. Uniformierte kommen, die Mädchen fliehen, nun möchten sie gegen die Nazis kämpfen. Mit Mühe überleben die Mädchen die Gefechte im Gebirge, sie reifen - und gehen nach dem Krieg seltsame Wege. Kara wird General der bulgarischen Staatssicherheit, eine Hardlinerin, hartherzig. Jara aber setzt sich ab: zum Klassenfeind, nach London.

Es wird viel getötet und gestorben in diesem Buch. Es gibt Heldentum und Hinterhalte, Verwegenheit trifft auf Verrat, der Leser fühlt sich an einen groben Thriller erinnert, manchmal auch an Monty Python. Aber diese Fabel, schlicht und kolportagehaft, war dem Autor vermutlich nicht so wichtig. Popov wollte mehr. Er parodierte einen Mythos der sozialistischen Ära in Bulgarien - den Mythos vom heroischen Kampf der Kommunisten gegen die Faschisten. Popovs Mittel: Slapstick und derbe Action, dargeboten von sonderbaren Protagonisten mit einer seltsamen Sprache und Denkart. Die Utopie von der besseren Welt - bei Alek Popov endet sie in Klamauk und Absurditäten.

Der Autor nimmt die Diktion der Stalinzeit beim Wort und kehrt sie ins Lächerliche. Die Figuren - Kampfname: »Lenin« oder »Totengräber des Kapitalismus« - üben sich schon wegen Lappalien in Selbstbezichtigungen (wie bei den Schauprozessen der Dreißiger); sie nutzen beherzt die Vokabeln des wissenschaftlichen Kommunismus, sind in Mehrheit aber abergläubische Bauern.

Eine Figur sticht hervor in diesem Panoptikum, der Chef der Einheit, breit und kurz, mit finsterem Gesicht: Medved, geformt und gestählt in der Sowjetunion. Brigadekommandeur Bär. Ein Bär wie in Grimms Märchen von den zwei Schwestern. Eine Armee sollte dieser Bär befehligen, die Erste Balkangardedivision, das hatten ihm die Genossen 1942 versprochen. Doch diese Gardedivision besteht nun nur aus knapp zwei Dutzend Sonderlingen.

Was bietet Popovs Werk literarisch? Nicht viel. Aber man wird gut unterhalten. Man merkt: Hier hat sich ein Autor an der Ideologie seiner Jugend abgearbeitet. Indes: Die Stalinzeit scheint kein guter Stoff für eine Burleske zu sein. Unvermittelt, zwischen komischen Szenen, scheint im Buch das Grauen hervor. Medved, die kommunistische Legende, berichtet sterbend von seiner prägenden Zeit, von achtzehn Jahren im sowjetischen Exil. Nein, dieser Bär ist kein Königssohn, kein Erbe von Glück und Wohlstand, er hat seine beste Zeit im Gulag verbracht, in einem »Umerziehungs- und Arbeitslager« in Karelien. »Schaffst du die Norm, bekommst du zu essen. Schaffst du sie nicht, hungerst du. Nach der Arbeit kommt ein Schlitten und sammelt die Leichen auf. So wurde der Belomorkanal, der Weißmeer-Ostseekanal gebaut.« Die Mädchen Kara und Jara erfahren nach knapp 300 Seiten: Das Märchenland, das rote Paradies - es ist die Hölle.

Die Geschichte endet mit einem überraschenden Schlenker. Wir erleben Kara als Offizierin des Geheimdiensts, 1953, in Bulgariens Londoner Botschaft. Es ist der Tag von Stalins Tod - und Genossin Kara, die verdienstvolle Kämpferin, ideologisch noch immer unzuverlässig, geht shoppen. Sie kauft sich einen dekadenten westlichen Hut. Nein, Popov der Spötter nimmt nicht nur die Heiligen und Helden des Sozialismus aufs Korn, er attackiert jede Art Ideologie. Auch die des Konsums.

Alek Popov: Schneeweißchen und Partisanenrot. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Residenz Verlag. 328 S. geb., 22,90 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen