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»Mit Überzeugung mitgemacht«

Der berühmte Wissenschaftler Otto Hahn war im Ersten Weltkrieg maßgeblich an Gasangriffen beteiligt

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Sein Eintreten gegen Atomwaffen brachte Otto Hahn einen pazifistischen Ruf ein. Im Ersten Weltkrieg jedoch war er Funktionär des Gaskriegs. Göttinger Initiativen wollen ihn nicht mehr als Ehrenbürger.

Otto Hahn, Entdecker der Kernspaltung, Nobelpreisträger und einer der bedeutendsten Chemiker der Geschichte, ist Ehrenbürger von Göttingen. Sein Porträt hängt als Ölgemälde im Ratssaal. Ein Gymnasium, eine Straße und das größte Veranstaltungszentrum der Stadt sind nach ihm benannt. Weil er 1956 gemeinsam mit anderen Nobelpreisträgern öffentlich auf die Gefahren der Atombombe aufmerksam machte, ein Jahr später die »Göttinger Erklärung« von 18 Professoren gegen die nukleare Bewaffnung der Bundeswehr mitverfasste und mehrmals für internationale Entspannung und atomare Abrüstung warb, hat er bis heute den Ruf eines Friedensmahners.

Recherchen des Göttinger Atomkraft- und Atomwaffengegners Martin Melchert werfen jedoch Licht auf eine bislang weitgehend unbekannte, dunkle Seite des Wissenschaftlers: Hahn (1879 - 1968) war demnach zwischen 1915 und 1918 »rechte Hand« des »Vaters des Gaskriegs«, Fritz Haber, bei der Entwicklung von Giftgasen wie Phosgen und Zyklon A - er füllte auch eigenhändig Hunderte Chlorgasgranaten und organisierte im 1. Weltkrieg zahlreiche deutsche Giftgasangriffe. Melchert beschäftigt sich seit etwa Jahren mit deutschen (Kriegs-)Forschungen zu Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen.

Die Internetenzyklopädie Wikipedia widmet Hahns Wirken im 1. Weltkrieg gerade einmal zwei schmale Absätze. Erwähnt wird lediglich seine Mitgliedschaft in der von Haber geleiteten Spezialeinheit für chemische Kriegsführung, die Giftgas für »Kriegszwecke« entwickelte und produzierte sowie deren Einsatz an der Front vorbereitete und überwachte. Andere Biografien gehen auf diese Zeit gar nicht ein.

Melchert zufolge hat sich Hahn zu Kriegsbeginn freiwillig aus »anerzogenem Pflichterfüllungsprinzip« zu einem Landwehrregiment gemeldet und bereits nach kurzer Zeit eine Maschinengewehrabteilung geleitet. Gleichzeitig liefen in Deutschland die Vorbereitungen zum Gaskrieg. Haber zog alle zur Verfügung stehenden Chemiker, auch Hahn, sowie Physiker und Meteorologen zusammen, um die Forschung zu bündeln. »Ich wusste, dass nach der Haager Konvention die Verwendung von Gift im Krieg verboten war«, zitiert Melchert aus Hahns »Erinnerungen«. »Ich war damals noch gegen Giftgas, aber nachdem mir (...) Haber auseinandergesetzt hatte, worum es ging, hatte ich mich bekehren lassen - und später durchaus mit Überzeugung mitgemacht.«

Anfang 1915 wurde das Gasregiment 35 gegründet, im Februar der erste große Gasangriff vorbereitet. Er erfolgte am 22. April in Flandern. Auf einer Breite von 20 Kilometern wurden Tausende Gasflaschen zeitgleich aufgeschraubt. 170 Tonnen Chlorgas trieben als Wolke auf die feindlichen Schützengräben zu. Die kanadische Division und algerische Kolonialsoldaten wurden völlig überrascht, das Gas verätzte ihre Atemwege, es entstand Panik. Hahn war als Mitorganisator und »Frontbeobachter« vor Ort. Seine Mitarbeiterin Lise Meitner gratulierte ihm zu dem »schönen Erfolg bei Ypern«.

Weitere Gasattacken in Flandern und an der Ostfront in Galizien folgten. Dort war Hahn »nicht nur beim Angriff persönlich anwesend, er trieb die zögerlichen Angreifer auch regelrecht voran«, schreibt Melchert. Hahn selbst erinnerte sich: »Der Angriff wurde ein voller Erfolg; die Front konnte auf sechs Kilometer Breite um mehrere Kilometer vorverlegt werden.« Wohl entwickelte Hahn beim Anblick der Opfer Schuldgefühle, Konsequenzen zog er aber nicht: »Der ständige Umgang mit diesen starken Giftstoffen hatte uns so weit abgestumpft, dass wir beim Einsatz an der Front keinerlei Skrupel hatten.«

Bis in die letzten Kriegstage war Hahn mit der Erforschung neuer Giftwaffen befasst. Im Oktober 1918 erhielt er den Auftrag, auf einer Halbinsel vor Danzig Experimente mit einer neuen Geheimwaffe durchzuführen, bei der schwelende Gaswolken aus großen Bottichen austreten sollten. Nach den ersten Versuchen wollte Hahn Bericht erstatten, das Kriegsende kam ihm zuvor.

Das Göttinger »Bündnis Antikriegsforschung« verlangt, Hahn die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen abzuerkennen und das Otto-Hahn-Gymnasium sowie die Otto-Hahn-Straße umzubenennen. Hahn selbst gehöre als »Kriegsverbrecher« gebrandmarkt. Ein knappes Dutzend Initiativen und Organisationen unterstützt diese Forderungen.

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