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»Als hätte ich ihn gerade erst verloren«

Die Nachfahren der ersten beiden Weltkriegstoten geben sich die Hand - zum ersten Mal

  • Von Annette Schneider-Solis
  • Lesedauer: 5 Min.

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Am 2. August 1914 starben Albert Mayer und Jules André Peugeot im Gefecht - obwohl zwischen Deutschland und Frankreich noch Frieden herrschte. Sie gelten als erste Opfer des 1. Weltkriegs.

Inmitten der friedlichen grünen Hügel des Elsass liegt das Dörfchen Joncherey. Am 2. August 1914, einen Tag vor Deutschlands Kriegserklärung an Frankreich, starben hier der französische Gefreite Jules André Peugeot und der deutsche Leutnant Albert Mayer. Sie gelten als die ersten Toten des Weltkriegs im Westen. Die ersten von insgesamt 17 Millionen.

Anfang August 1914 ist der Krieg zum Greifen nah. Albert Mayer aus Magdeburg, Sohn eines Bankdirektors und Nachfahre französischer Hugenotten, gehört zum Jägerregiment zu Pferde Nummer 5. Der junge Leutnant ist passionierter Reiter, der an Wettkämpfen teilnimmt mit seiner fünfjährigen Stute Elly. Noch Ende Juni ist er für ein Rennen im Breisgau in den Sattel gestiegen.

1910, kurz vorm Abitur, entschied Albert Mayer, zum Jägerregiment zu gehen. Dort versieht er seit März 1913 »seine Pflicht«. Ein Stallbursche erinnert sich, dass Mayer »sowohl zu den Tieren als auch zu den Menschen eine außerordentlich große Liebe« empfand. Seit Ende Juli 1914 ist sein Regiment bei Mühlheim am Rhein, im Grenzgebiet zum Erzfeind Frankreich, stationiert.

Mehrere Nächte versieht Albert Mayer Telefondienst, überwacht das Klappern des Telegraphen. In der Nacht zum 1. August schreibt der 22-jährige an seine Eltern. Eine Ahnung überkommt ihn, er endet mit den Worten: »Vielleicht erreicht Euch dieser Brief nie, vielleicht bald, vielleicht, wenn schon ich und mein Regiment an Orten sind, wo keine Menschenmacht uns mehr zurückholt.«

Am 1. August 1914 mobilisiert das deutsche Kaiserreich seine Truppen. Am Morgen losen die Offiziere des Jägerregiments mit Strohhalmen, wer die Patrouille ins Feindgebiet anführen soll. Albert Mayer zieht den kürzesten Halm. Mit sechs Soldaten soll er den Feind auskundschaften, herausfinden, wo die Franzosen ihre Truppen in der Gegend von Belfort aufgestellt haben. Albert Mayer macht sich fertig zum Aufbruch. Dabei wird er zu einem Kameraden sagen, dass er nie zurückkehren werde. Weil man nicht ungestraft in französisches Territorium eindringt.

Am Vormittag des 2. August ist die Patrouille auf dem Weg nach Delle. Es ist ein sonniger Tag im Sommer. An einem abgelegenen Bauernhof bei Joncherey treffen die Soldaten auf einen Posten der Franzosen. Jules André Peugeot hat das Kommando. Erst zehn Minuten zuvor hat er dem Postboten einen Brief an die Eltern mitgegeben. Darin bittet er sie, sich keine Sorgen zu machen.

Die Franzosen sehen die sieben Deutschen zunächst nicht; mit gezücktem Säbel preschen die auf Pferden auf die verdutzten Franzosen zu. Albert Mayer schießt dreimal mit einem Revolver aus vollem Galopp, Jules André Peugeot sinkt zu Boden. Eine Kugel hat seine Aorta zerfetzt. Die Kameraden des 21-jährigen Gefreiten feuern zurück. Albert Mayer stürzt vom Pferd, getroffen am Kopf und in der Leistengegend. Obwohl der Krieg in der Luft liegt, werden beide Opfer von den Dorfbewohnern mit Respekt behandelt. Seite an Seite werden sie auf Stroh gebettet, »versöhnt im Frieden und in der Stille des Todes«, erinnert sich ein Zeuge später. Die beiden Toten werden in Joncherey beigesetzt, später werden Mayers Gebeine umgebettet auf den Soldatenfriedhof im elsässischen Illfurth.

Genau 100 Jahre später wurde am Sonnabend am Monument für Jules André Peugeot in Joncherey mit einer feierlichen Zeremonie der beiden toten Soldaten gedacht. Zum ersten Mal trafen die Nachfahren der beiden ersten Weltkriegsopfer aufeinander. Serge Curtit, Großneffe und letzter Nachfahre Peugeots, und Daniel Frey, Urgroßneffe Mayers, reichten sich am Denkmal die Hand. Zuvor hatten sie drei Hände Erde vor dem Denkmal beigesetzt. Die Nazis hatten sie im Zuge der Heldenverehrung aus Mayers Grab in Illfurth entnommen und als Reliquie in Widukindmuseum im ostwestfälischen Enger gebracht. Der Künstler Ruppe Koselleck ist Initiator dieser Rückführung. Sein Projekt »Mayers Erde« prangert den Missbrauch menschlicher Schicksale und der Heldenverehrung an.

Die Erinnerung an Peugeot und Mayer lebt in ihren Familien fort. Die beiden Toten starben jung, sie hatten keine Kinder - doch ihre Geschichte wurde weitererzählt. Jules André Peugeot, der Sohn eines Fabrikarbeiters, war Lehrer und leistete seinen Wehrdienst. Er hatte zwei Geschwister. Serge Curtit weiß aus den Erzählungen seiner Eltern um das tragische Schicksal seines Großonkels. »Meine Eltern haben von ihm erzählt«, berichtet er, »aber sie haben mich erzogen, nach vorn zu schauen, nicht zurück.«

Als sich Serge Curtit und Daniel Frey am Monument die Hände reichten, war das für beide ein sehr emotionaler Moment. Serge Curtit gesteht, dass ihm die Tränen kamen, und Daniel Frey gibt zu, dass er sich als Deutscher immer ein wenig schuldig fühlt am Krieg. Frey arbeitet in Deutschland für eine französische Firma und verbringt oft seinen Urlaub in Frankreich. Curtit lebt im Elsass, nahe der deutschen Grenze. Er freut sich, dass die Nachbarn so oft hierher kommen und man die Grenze so wenig spürt.

Bei der Feierstunde wurde auch das Geschehen vom Morgen des 2. August 1914 nachgespielt. Unter den Zuschauern war auch Ursula Budde, die Großnichte Albert Mayers. Auch sie kennt die Geschichte aus den Erzählungen ihrer Eltern. Sie weiß, dass Albert, der Älteste von vier Geschwistern, der Lieblingsbruder ihrer Großmutter war. Sein Bruder Hans fiel 1917, seine Schwester Erika verlor Sohn und Schwiegersohn im 2. Weltkrieg. Bruder Gerhard kehrte zurück aus dem Krieg und nahm sich 1945 das Leben. Der Vater verwand den Verlust nie.

Das Geschehen vor 100 Jahren ist für Ursula Budde weit weg. Mehr als ein paar Fotos waren nicht geblieben. Erst jetzt hat sie mehr über Albert Mayer erfahren. Die Feier zum 100. Todestag hat auch sie ergriffen. »Es ist, als hätte ich ihn gerade erst jetzt verloren, meinen Großonkel Albert Mayer.«

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