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Verbitterung gegen Aufbruch

  • Von Alexander Ludewig, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.
Zwei große Namen zum Saisonauftakt der Regionalliga Nordost: Carl Zeiss Jena und der BFC Dynamo trennten sich 1:1. Beide haben das gleiche Ziel, aber verschiedene Voraussetzungen.

Weit hatte es Rainer Milkoreit nicht. Nicht einmal 20 Kilometer musste der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes NOFV von seinem Wohnort Apolda zurücklegen, um am Sonnabend in Jena die neue Saison der Regionalliga Nordost offiziell zu eröffnen. Zwar wurden am Freitagabend schon die ersten zwei Partien des 1. Spieltags gespielt, aber deutlich mehr Anziehungskraft als der VfB Auerbach, ZFC Meuselwitz, die TSG Neustrelitz und Viktoria Berlin hatte die Ansetzung im Ernst-Abbe-Sportfeld.

Der FC Carl Zeiss Jena empfing den BFC Dynamo aus Berlin, der Spitzenreiter der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga gegen den ehemaligen Serienmeister. Die Vergangenheit war aber auch das einzig Glanzvolle an diesem Nachmittag vor 5265 Zuschauern. Fast schon putzig war vor dem Anpfiff der Einmarsch der Kinder, deren Pappschilder mit den Namen der 16 Ligateilnehmer im weiten Rund etwas verloren wirkten. Auch das Spiel beider Mannschaften gab nicht allzu viel her, das 1:1 war ein gerechtes Ergebnis. Allein die zwei offiziellen Trinkpausen - wie bei der WM in Brasilien gesehen - erinnerten bei Temperaturen über 30 Grad Celsius an großen Fußball.

Das Dasein in der Viertklassigkeit aber kann ganz verschieden sein. So machte sich schon nach einer Viertelstunde Frust breit unter Jenas Anhängern: »Das gibt’s doch gar nicht. Das ist doch wieder die gleiche Scheiße wie in der letzten Saison.« Die Elf von Carl Zeiss lag durch den Treffer von Andis Shala schon nach drei Minuten zurück und bekam selbst nichts hin. Die Verbitterung, nach dem Abstieg 2012 aus der dritten Liga den angestrebten Wiederaufstieg schon zweimal verpasst zu haben, war am Sonnabend deutlich zu spüren. Geflucht wurde über den guten Schiedsrichter Norbert Gieße, über Rainer Milkoreit, Erich Mielke, Stasischweine, die eigenen Spieler - eigentlich über alles und jeden.

Großen Jubel gab es erst nach dem Abpfiff - allerdings auch im Gästeblock. Die 1300 Berliner Fans feierten ihre Mannschaft und natürlich auch den Punktgewinn. Mehr als den Ausgleich durch Velimir Jovanovic nach 46 Minuten ließ der BFC Dynamo nicht zu. Aber vor allem wurde die Rückkehr in die Viertklassigkeit gefeiert - nach zehn Jahren. So lobte dann auch Jenas Klubsprecher Andreas Trautmann nach dem Spiel den »tollen Aufzug« der Berliner Fans.

Und das Schönste: Beim Hochsicherheitsspiel blieb es friedlich. Hätte es kein beschränktes Kartenkontingent gegeben, wären sogar 3000 Berliner gekommen. Diese Aufbruchsstimmung will der Klub nutzen: Im ersten Jahr in der Liga etablieren, im zweiten angreifen. Schnelles Ziel ist die dritte Liga. Das ist ehrgeizig, schwierig und verlangt sehr viel Arbeit, aber in positiver Atmosphäre fällt das mit Sicherheit leichter.

Immerhin neun Trainer aus der Regionalliga Nordost zählen den BFC Dynamo schon in dieser Saison zu den Aufstiegsanwärtern. Den FC Carl Zeiss Jena sehen, zusammen mit dem 1. FC Magdeburg, alle ganz oben. Aber es wird wieder ein harter Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit. Immerhin spielte Carl Zeiss seit 1991 insgesamt acht Jahre lang in der 2. Bundesliga. »Das Ergebnis war besser als unser Spiel«, gestand Trainer Lothar Kurbjuweit am Sonnabend. Zum vierten Mal betreut der 63-Jährige den Verein, allein in den vergangenen fünf Jahren dreimal. Und Kurbjuweit weiß: »Der Druck auf uns ist groß.« Es gibt bessere Voraussetzungen.

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