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Ein Ausflugsdampfer auf Landgang

Vom Schwarzwald nach Berlin - wie ein früherer DDR-Schiffer sich einen Traum erfüllt

  • Von Michael Scheuermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die »Sankt Nikolaus« war eine Institution: 46 Jahre lang drehte das Schiff von Frühjahr bis Oktober auf dem Schluchsee im Schwarzwald seine Runden. Nun beginnt ein zweites Leben in Berlin.


Donaueschingen. Straßensperren, Autoschlangen und Schaulustige begleiteten dieser Tage die Überführung eines Ausflugsdampfers auf dem Landweg vom Hochschwarzwald nach Berlin. Nach 46 Fährdienstjahren auf dem Schluchsee in Baden-Württemberg wird die »Sankt Nikolaus« bald als »Vagabund« Ausflugs- und Festgesellschaften über Spree und Havel schippern.

Der Transport des Stahlkolosses ist auch für den Schwerlastprofi Hermann Rolfes nicht das übliche Tagesgeschäft: das Schiff ist immerhin 28 Tonnen schwer, 19 Meter lang, fast fünf Meter breit und 4,35 Meter hoch. Er habe zwar »schon breitere Fuhren« gehabt, sagt der Transportfahrer, aber noch keine mit 31 Metern Gesamtlänge. Und das Gesamtgewicht von 65 Tonnen sicher über die steile Gefällstrecke hinunter zum Hochrhein zu bugsieren, sei schon »eine Herausforderung«. Da war Schritttempo angesagt, eine Brückendurchfahrt nur bei abgesenkter Ladefläche möglich. In Waldshut forderten Baustellen, Ampelmasten und Verkehrskreisel die Rangierkünste des Fahrers heraus.

Schon am Tag zuvor mit Spezialkränen auf einen Tieflader gesetzt, sollte der Konvoi bereits am frühen Sonntag die Reise in die Bundeshauptstadt antreten - mit Polizei vorneweg und eigenen Begleitfahrzeugen hinterher. Doch technische Probleme beim Start und eine behördlich verordnete 11-stündige Zwangspause auf halber Strecke zugunsten des Sonntagsverkehrs, brachten gleich zu Beginn den Zeitplan ins Wanken. Statt noch am selben Nachmittag, erreichte der Konvoi so erst in der Nacht zu Montag die Autobahn bei Donaueschingen. Nun wird das Schiff wohl erst am heutigen Mittwoch wieder Wasser unter den Kiel bekommen - im Berliner Westhafen.

46 Jahre lang drehte die »Sankt Nikolaus« von Frühjahr bis Oktober auf dem Schluchsee ihre Runden. Im Mai 1968 wurde der fabrikneue Dampfer auf dem Stausee erstmals zu Wasser gelassen, erinnert sich Altkapitän Anton Isele. In den 1950er Jahren war er im Hochschwarzwald von Zimmermann auf Seemann umgesattelt, der heute 82-Jährige steuerte bereits das Vorgängerschiff. Insgesamt fast 40 Jahre lang schipperte Isele tagein, tagaus Besucher über das 7,3 Kilometer lange Gewässer.

»Gelangweilt habe ich mich nie«, sagt er noch heute. Auf Deck wurden Feste gefeiert und aus Begegnungen mit den Fahrgästen seien viele Freundschaften entstanden. Bei Gewitter habe er hin und wieder gekenterte Segler »aus dem Wasser gefischt«. Andersherum sei in der ganzen Zeit »nie jemand über Bord gefallen«, erzählt der Schluchsee-Seemann stolz. Im Jahr 2001 übergab er das Ruder an Thomas Toth, der die »Sankt Nikolaus« mit Frau und Tochter zunächst als Pächter und seit 2013 in Eigenregie führte. Mit Inbetriebnahme der neuen »MS Schluchsee« ging am 17. Mai 2014 auch diese Ära zu Ende. Die »MS Schluchsee« stammt aus derselben Werft wie die »Sankt Nikolaus«, ist geräumiger und mit einer Küche ausgestattet. Und als »Buglander« sei die Ablösung nicht mehr auf wartungsintensive Steganlagen angewiesen, erklärt Todth. Vielmehr könne das neue Schiff mit dem Bug voraus aufs seichte Ufer gleiten, die Passagiere könnten bei runtergelassener Bugklappe barrierefrei ein- und aussteigen.

Neuer Besitzer der »Sankt Nikolaus« ist Herbert Stanniegel. Auch er weiß: Rund 900 Kilometer Asphaltpiste zwischen Schluchsee und Berlin - das ist ein ungewöhnlicher Transportweg für ein Schiff. Zumal es vom Schluchsee zum schiffbaren Oberrhein nicht weit ist. Doch wegen der hohen Wasserungskosten, den Kosten für den Schiffsdiesel und den Gebühren für die 1000 Kilometer lange Fluß- und Kanalfahrt nach Berlin käme der Wasserweg »kaum günstiger«, rechnet der einstige Berufsschiffer vor.

Der bald als »Vagabund« fahrende einstige Schluchseedampfer ist Stanniegels zweites Schiff. Begonnen hatte er in der DDR als Frachtschiffer, 1965 wechselte er zur »Weißen Flotte« an die Spree. Nach dem Mauerfall wurde er Besitzer eines kleineren Ausflugsbootes aus DDR-Bestand. 2012 riss ihn eine Erkrankung aus dem Berufsleben, da habe er sein Schiff verkauft, bedauert der erfahrene Kapitän. Doch wider Erwarten habe er sich gesundheitlich so gut erholt, dass er mit der geräumigeren »Vagabund« nun als »echter Rentner«, wie er betont, einen Neuanfang wagen will. Sein genaues Alter bleibt dabei sein Geheimnis.

Ausflugs- und Festgesellschaften will Stanniegel künftig im Charterbetrieb »ganz nach Kundenwunsch« über Müggelsee, Spree und Havel fahren. »Umbauen und modernisieren muss ich nichts«, sagt er. Die Konstanzer Schifffahrtsbehörde habe das Schiff abgenommen und den Bestandsschutz für die »Sankt Nikolaus« erneuert.

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