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»Das Glück braucht ein Zuhause«

Eine Website dokumentiert rund 600 Hausbesetzungen seit 1970

Eine neue Webseite zeigt grafisch besetzte Häuser in Berlin, ihre Geschichte und ihren aktuellen Status. Macher sind offen für Ergänzungen.

»Die allererste und am gleichen Tag von der Polizei geräumte Besetzung in Berlin erfolgte am 1. Mai 1970 im Märkischen Viertel (Reinickendorf) von circa 100 ArbeiterInnenjugendlichen und StudentInnen, um dort ein Jugendzentrum zu errichten. Die Polizei räumte sofort unter Einsatz von Schlagstöcken.« So beginnt auf der Webseite www.berlin-besetzt.de ein geschichtliche Abriss über Besetzungen in Berlin. Fast ein halbes Jahrhundert politische Haus- und Wohnungs-Besetzungen stellt die Webseite in Form eines interaktiven umfassenden Stadtplans dar.

Das Medienkollektiv Pappsatt hat in Zusammenarbeit mit dem Archiv Papiertieger und dem Umruch Bildarchiv nach fünf Jahren ehrenamtlicher Arbeit die Seite gelauncht. »Wir wollten zeigen, dass die momentanen Mietproteste zum Teil auf den Besetzungen der 80er und 90er Jahre basieren«, sagt Toni Grabowski von Pappsatt, »dass es da einen Faden gibt, den man wieder aufnehmen kann«. Rund 600 Einträge von Besetzungen haben sie zusammengetragen. Besetzungen, die jeweils auch ein Schlaglicht werfen auf die politische Situation in der Stadt. Ergänzt wird der Stadtplan durch Hintergrundinfos zu den Häusern, Wohnungen und Plätzen, und durch Fotos und Flugblätter.

Wirtschaftliche Not, Wohnungslosigkeit, Mangel an Jugendfreizeiteinrichtungen oder auch die Suche nach einem gemeinschaftlichen Leben abseits von Kleinfamilie und Drei-Zimmer-Mietwohnung: Anfang der 80er Jahre kulminierte der Wunsch nach einem anderen Leben und der Mangel an geeignetem großen Wohnraum in einer ersten Besetzungswelle. Rund 200 Häuser wurden zwischen 1979 und 1984 in Berlin besetzt. So wollte die senatseigene GSG in der Adalbertstraße 6 in Kreuzberg ein Parkhaus bauen. Die Besetzer schreiben im Juni 1980: »Schon seit Monaten suchen wir große Wohnungen zum Zusammenleben. Diese Wohnungen gibt es auch; doch nicht für uns«. Mit der »Instandbesetzung« des Hauses wollen sie die Wohnungen wieder bewohnbar machen und »billigen Wohnraum« schaffen.

Ein Jahr später in Spandau: Eine handgeschriebene Presseerklärung aus der Kolkstraße 8 weist darauf hin, das man »Wohnraum, einen Kinderladen, eine Fahrradwerkstatt, eine Teestube und ähnliche Projekte« schaffen wolle. »Wir wollen zusammen leben und arbeiten! Dieses Ziel lassen wir uns nicht zerstören«, so die Besetzer. Radikaler und kämpferischer ist der Ton in der Bühlowstraße 55, die auch 1981 besetzt wurde. »Instandbesetzt – Den Spekulanten in die Fresse. Kommt in Massen. Dampf dem Häuserkampf«. Mit der Einführung der Berliner Linie, die die Räumung einer Neubesetzung innerhalb von 24 Stunden vorsieht, werden längerfristige Besetzungen bis auf Ausnahmen unmöglich.

Nach dem Fall der Mauer jedoch wendet sich das Blatt: Die Stimmung ist plötzlich wieder günstig. Häuser stehen massenweise leer, die Volkspolizei ist überfordert, die Westberliner Polizei noch nicht zuständig. Und die verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohner sind froh, dass sie neue Nachbarn haben. Mit ähnlichen Argumenten wie Anfang der 80er Jahre werden in kürzester Zeit hunderte Häuser in Friedrichshain, Lichtenberg und Prenzlauer Berg besetzt. Punks, Freaks aber auch eine ganze Reihe Studierende ziehen ein. Fast die komplette Mainzer Straße in Friedrichshain ist besetzt. Doch schnell kommt Frust auf. Konflikte entzünden sich an der Frage, ob um Mietverträge verhandelt werden soll oder nicht. Aus der Kastanienalle 86 ist ein Flugblatt aus Anlass der Besetzung auf der Webseite zu finden: »Wir wollen da anfangen, wo wir im Moment sind, nämlich tief in der Scheiße! Es gibt noch viele Häuser, aber wenig fitte Leute. Die einzigen die zur Zeit (leider) fit sind, sind die Bonzenschweine. Kampf dem Kapital!«

Im November 1990 wird ein Großteil der Häuser geräumt. Während die 80er Jahre relativ gut dokumentiert sind, sei es schwierig gewesen an Material zu den Besetzungen in den 90ern zu kommen, erläutert Grabowski. »Die Hausprojekte sind nicht immer aufgeschlossen der Öffentlichkeit gegenüber. Da wäre es gut, wenn Leute aus den Häusern selbst aktiver würden und sich mehr öffnen.«

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