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Leistung am Rande der Gesellschaft

Erstmals untersucht eine soziologische Studie die sogenannten Pfandsammler

Sie durchstöbern die Abfalleimer und die Mülltonnen - die »Pfandsammler«, die sich mit leeren Bierdosen und Plastikflaschen ein Zubrot verdienen. Was für Menschen sich hinter dem Bild der Ausgegrenzten verbergen, dieser Frage nachgegangen ist der Freiburger Soziologe Sebastian Moser in seiner jetzt als Buch erschienenen Dissertation mit dem Titel »Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur«. Mit ihm sprach Rudolf Stumberger über die Ergebnisse seiner Untersuchung.

nd: Herr Moser, was ist eine »Soziologie des Sammelns«?
Moser: In meiner Auseinandersetzung mit dem Sammeln als Handlungsmuster habe ich versucht, jene Strukturmerkmale des Sammeln zu erschließen, die sowohl für das Sammeln von Briefmarken als auch für das Sammeln von Pfandflaschen gelten. Ich selbst bin dabei auf vier Merkmale gestoßen: die Unabschließbarkeit (das Sammeln geht notwendigerweise immer weiter); die Unvorhersehbarkeit (auch wenn man weiß, dass das, was man sammelt, irgendwo sein muss, kann man nie sicher sein, es auch zu finden); der soziale Austausch (Sammeln ist immer auf ein In-Beziehung-Setzen mit der Umwelt angewiesen, das zugleich aber immer prekär bleibt); das soziale Außenseitertum (der Sammler oszilliert zwischen dem Ausgeschlossenen und dem Exzentriker; sein Sammeln ist immer auch Ausdruck einer Positionierung am Rande der Gesellschaft).

Wie sind Sie zu Ihren Erkenntnissen gekommen? Durch Beobachtung oder Gespräche?
Zunächst gab es eine längere Phase der Beobachtung. Ich habe mir angeschaut, was zum Pfandsammeln dazugehört, wie es strukturiert ist. Dafür war ich in mehreren deutschen Städten sowohl tags als auch nachts unterwegs. Ich bin quasi selbst zum Sammler geworden, der durch die Stadt streifte, auf der Suche nach Pfandsammlern. Dann folgte die Auswertung über einen ethnographischen Ansatz, bei der bestimmte Details genauer betrachtet wurden. In dieser Phase habe ich auch Gespräche mit Sammlern geführt.

Wie haben die Sammler auf Ihre Fragen reagiert?
Sehr unterschiedlich. Oft sind Gespräche gar nicht zustande gekommen. Die Leute haben sich umgedreht und sind weitergegangen oder waren nur kurz angebunden. Andere wiederum waren sehr offen und haben einen tiefen Einblick in ihr Leben gegeben (sowohl biografisch als auch emotional).

Warum sammeln Menschen Pfandflaschen?
Den ersten Anstoß gibt sicherlich das Geld. Menschen sehen das Flaschensammeln als eine »leichte« Möglichkeit an, sich ein paar Euro dazuzuverdienen, vor allem ohne selbst investieren zu müssen. Die Tätigkeit verlangt wenig materielle Voraussetzungen. Gleichzeitig erfüllt es aber auch die Funktion, dem Alltag Struktur zu geben, wenn diese anderweitig nicht zu haben ist (etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Verrentung). Es ist eine Möglichkeit, sich nützlich und als leistungsfähiges Mitglied der Gesellschaft zu fühlen, da das »Pfandsammeln« Erwerbsarbeit ähnelt und dadurch die Konsummöglichkeiten zumindest minimal gesteigert werden können. Schließlich kann das Sammeln aber auch, ähnlich wie das Spiel, zu einer Sucht werden.

Wie sieht der finanzielle Hintergrund dieser Menschen aus? Sind sie arm?
Das kann man nicht verallgemeinern. Die sozialen Hintergründe der Menschen, die Pfand sammeln, reichen von Obdach- oder Arbeitslosigkeit über Verrentung bis hin zu festen Arbeits- und Angestelltenverhältnissen. Genau das ist das Erstaunliche.

Kann man alleine vom Pfandsammeln leben?
Nein, es sei denn, man würde seine materiellen Ansprüche vollkommen zurückschrauben und etwa eine Möglichkeit haben, umsonst zu wohnen. Pfandsammeln ist immer ein »Zubrot« oder ein »Extra« zu einer anderen Einnahmequelle.

Wie ist das öffentliche Bild der Pfandsammler?
Es reicht von »Würdigung« für eine anstrengende, ökologisch sinnvolle Tätigkeit über »Mitleid« für die »Armen«, die für wenig Geld einer solchen »Drecksarbeit« nachgehen müssen - ein solches Bild vertreten zumeist soziale Aktionen, die Pfandsammlern (ungefragt) helfen wollen, indem man ihnen »erspart« im Müll zu wühlen, etwa mit einem »Pfandring«, in den man leere Flaschen abstellen kann. Bis hin zu Aggression und Feindseligkeit, die sich in Beschimpfungen oder gar physischen Übergriffen ausdrücken.

Wie sehen die Pfandsammler sich selbst?
Sie sehen sich als Menschen, denen Leistung wichtig ist, die aber vor allem dazu in der Lage sind, etwas zu leisten. Man könnte sagen, dass sie voll und ganz hinter dem Prinzip der Leistungsgesellschaft stehen; auch wenn sie für ihre Leistung weder finanziell noch symbolisch in angemessener Art und Weise »entlohnt« werden. Die Sammler gehen davon aus, eine gesellschaftlich und ökologisch sinnvolle Tätigkeit auszuführen. Sie stellen sich gewissermaßen freiwillig in den Dienst der Gesellschaft, wobei ihnen ihre Freiheit sehr wichtig ist. Der Sammler ist ja niemandem verpflichtet, sondern kann seiner Tätigkeit im Grunde nachgehen wann er will. Zumindest glaubt er das.

Wie viele Pfandsammler gibt es?
Das wäre eine interessante Frage!

Haben die Grünen mit dem Dosenpfand das Sammeln ermöglicht?
Die Geschichte des Pflichtpfandes auf Einweggetränkeverpackungen ist schon sehr viel älter und ist eher mit dem Namen des damaligen CDU-Umweltministers Klaus Töpfer (aber auch mit Frau Merkel in dieser Rolle) verbunden.

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