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Friedensbewegung lädt Gysi aus

»Aufrüstungsgerede« sorgt bei Kriegsgegnern für Verärgerung / Trotz Konflikten kaum Zulauf bei Festival

An die großen Anti-Kriegsproteste der 80er Jahre kommt die gegenwärtige Friedensbewebung nicht heran. Und dies, obwohl die Welt so kriegerisch ist wie lange nicht.

»Trommeln statt Granaten«, ruft die Moderatorin auf der großen Bühne des 6. Friedensfestivals am Alexanderplatz, während sie die Düsseldorfer Trommelgruppe Tahougan vorstellt. Es ist kurz nach 14 Uhr am Samstag und jede Minute müssen die Teilnehmer der diesjährigen Friedens-Fahrrad-Sternfahrt der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) hier eintreffen. Eigentlich sollte Gregor Gysi die Gruppe um 14:30 auf der Bühne empfangen - alle Aufsteller mit dem Tagesprogramm des viertägigen Festivals verkünden das.

Wenige Minuten davor trifft die Gruppe ein. Die Polizei stoppt kurz den Straßenbahnverkehr, um den fahnengeschmückten Fahrrädern den Weg zu bahnen und es passiert weiter - nichts. »Gysi haben wir ausgeladen. Sie können sich denken warum«, heißt es auf Nachfrage recht unwirsch am Stand der DFG-VK. Weiter möchte man nichts dazu sagen. Der Fraktionschef der LINKEN im Bundestag hatte auch innerparteilich viel Unmut auf sich gezogen, nachdem er sich vor einigen Tagen dafür aussprach, über Waffenlieferungen in den Irak und nach Kurdistan nachzudenken, um die Terror-Miliz »Islamischer Staat« zu stoppen.

Ausbaden müssen die Ausladung nun die Radler. Ihre Ankunft wird auf der Bühne einfach ignoriert. Dort wird weiter getrommelt. »Gysi mit seinem Aufrüstungsgerede ist furchtbar«, sagt denn auch Jürgen Lohmüller. Seit einer Woche ist der Münchner auf dem Fahrrad unterwegs. »Militär darf kein Mittel sein«, sagt er und berichtet von seiner Tour: Besonders lebhaft erinnert er sich an den Stopp vor dem Bundeswehreinsatzkommando in Geltow bei Potsdam am vergangenen Freitag. Unter strenger Aufsicht der Bundespolizei sei man vor der Henning-von-Tresckow-Kaserne gewesen. »Auf einer Wiese vor der Kaserne lag Heu. Das haben wir schließlich zu einem zehn Meter großen Peace-Zeichen geformt«, sagt Lohmüller. Man habe damit ein Zeichen gesetzt. Leider ein sehr kurzlebiges: Gleich nach Abfahrt der Radler verteilten Polizisten das Heu wieder gleichmäßig über die Wiese.

Willi Rester, der ebenfalls aus Bayern kommt, berichtet, dass auch den jüngsten Teilnehmern der Tour, zwei sieben- und neunjährigen Kindern, verboten wurde, mit Straßenmalkreide auf den Asphalt vor der Kaserne Friedenszeichen zu malen. Die Polizei untersagte dies, »weil das Bild die Sicherheitslage der Bundeswehr gefährden würde«. Von dem Enthusiasmus der Friedensradler ist ansonsten auf dem Friedensfest leider wenig zu spüren. Zwischen Bratwurst-, Bier- und Kunsthandwerksanbietern drohen die Stände der Friedensaktivisten unterzugehen. Die Mischung ist bunt, da findet sich ein Stand der Anhänger der indischen Liebes- und Friedensumarmerin Amma oder von der katholischen Friedensintiative Pax Christi. Daneben sind auch der Berliner Wassertisch oder die Gruppe für ein bedingungsloses Grundeinkommen vertreten.

Iris Bührmann betreut den Stand des Arbeitskreises »Globalisierung und Krieg« von Attac. »Ich bin sehr empört über den Krieg in Gaza«, schildert sie ihre Motivation. Sie muss einräumen, dass die Mobilisierung selbst angesichts der aktuellen brisanten Konflikte weit jenseits der Friedensdemonstrationen der 80er Jahre liegt. »Die Konflikte sind vielleicht sehr uneindeutig auf den ersten Blick«, sagt sie. Auch sei die Berichterstattung in den Medien sehr einseitig. »Vielleicht kommt der Schub noch«, hofft Bührmann.

Davon ist auf dem Alexanderplatz wenig zu spüren. Der größere Teil der Platzbesucher - Touristen beim Bummel - interessiert sich für das gastronomische Angebot oder denkt über den Kauf eines bunten Kleides nach. »Ist doch noch gar nicht Advent«, wundert sich ein Berliner angesichts der Buden. Die Friedensaktivisten haben es hier nicht leicht, mit ihrer Botschaft durchzudringen.

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