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Miese Luft in Deutschlands Städten

30 Millionen Menschen sind hierzulande starker Luftverschmutzung ausgesetzt

Seit dem Jahr 2010 gelten die EU-Grenzwerte für Feinstaub- und Stickoxidbelastungen in der Luft. Doch in vielen deutschen Städten werden sie noch immer überschritten.

Die Luft, die man in vielen deutschen Städten einatmet, macht immer noch krank. Rund 35 Prozent der Menschen in Deutschland sind besonders stark von Schadstoffen in der Luft betroffen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) wollte sich bei der Vorstellung des Jahresberichts des Umweltbundesamtes (UBA) am Dienstag jedoch lieber darüber freuen, dass die deutschen Emissions-Einsparziele um »zehn Jahre ehrgeiziger« als die der EU seien. Indes könnte eine »Blaue Plakette« für schadstoffarme Autos, wie sie Umweltverbände fordern, helfen, die Luft in Deutschlands Städten sauberer zu machen.

»Wir dürfen uns nicht auf den Erfolgen der Luftreinhaltung ausruhen«, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger bei der Vorstellung des Jahresberichts und forderte auf EU-Ebene schärfere Emissionsanforderungen für Pkw, Baumaschinen und Industrieanlagen. »Auch in der Schifffahrt und in der Landwirtschaft müssen die Emissionen deutlich gesenkt werden«, so Krautzberger. Neben Feinstaub sind vor allem Stickstoffoxide ein Problem. Besonders für Asthmatiker und Allergiker stellt diese Substanz ein Risiko dar, da sie die Bronchien zusätzlich belastet. Akute Folgen einer zu hohen Stickstoffoxid-Belastung können Hustenreiz, Atem- und Augenbeschwerden sein. Langfristige Überbelastungen können Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zu Lungenkrebs verursachen.

Anders als beim Feinstaub ist die Luftverschmutzung durch Stickstoffoxide seit der Jahrtausendwende nicht zurückgegangen. Viele Kommunen überschreiten noch immer den zulässigen EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Gramm. So wurden an rund zwei Drittel aller verkehrsnahen Messstationen zu hohe Werte festgestellt. Zwar ist sie in Ballungszentren höher als auf dem Land, doch auch außerhalb der Städte liegt die Belastung oftmals über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Wert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die bundesweit schlechteste Luft gibt es mit 89 Mikrogramm dabei an der Messstelle »Am Neckartor« in Stuttgart. Doch auch an der Münchner Landshuter Allee ist die Luftverschmutzung mehr als doppelt so hoch wie nach EU-Norm zulässig.

»Die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung durch Feinstaub und Stickstoffoxide ist zu groß«, sagte UBA-Präsidentin Krautzberger. Denn die EU-Grenzwerte sind alles andere als neu und ambitioniert. Sie wurden bereits vor 15 Jahren in einer Richtlinie festgelegt. Seit dem Jahr 2010 sollen sie verbindlich eingehalten werden. Viele deutsche Kommunen beantragten deswegen Fristverlängerungen zur Einhaltung der Grenzwerte. Diese lehnte die EU jedoch häufig ab, da keine ausreichenden Maßnahmen zur Stickstoffoxid-Reduktion ergriffen wurden. Vielen Kommunen droht deswegen ein EU-Vertragsverletzungsverfahren.

Eine Maßnahme, die zur Reduktion der Stickstoffoxid-Belastung deutscher Städte beitragen könnte, ist die Einführung einer »Blauen Plakette« für Kraftfahrzeuge, die besonders wenig Stickoxid ausstoßen. Dies wird zumindest von Umweltverbänden wie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gefordert.

Schließlich hätten Umweltzonen Fahrzeuge ohne Partikelfilter weitgehend aus den Innenstädten verdrängt und so Luft und Lebensqualität in den Städten deutlich verbessert, meint Jens Hilgenberg vom BUND. »Die Blaue Plakette ist eine konsequente Weiterentwicklung dieses erfolgreichen Instrumentes und wird dazu beitragen, die Belastung durch Dieselfahrzeuge ohne wirksame Abgasreinigung zu verringern«, so Hilgenberg.

Eine solche Plakette ist bereits in der Diskussion - allerdings nur für Elektro- und Hybridautos. Die Umweltverbände halten von dieser Idee jedoch wenig, da damit auch »Pseudoelektroautos« wie der Porsche Panamera ausgezeichnet werden könnten, die überwiegend mit Benzin betrieben werden und zum Teil noch wahre Klimasünder sind.

Stattdessen schlagen die Umweltschützer vor, dass auch jene Fahrzeuge eine solche Plakette bekommen, die die niedrigen Stickoxid-Werte für Diesel der Euro-Abgasstandards Euro 6 einhalten. Bei Benzinern und gasbetriebenen Autos ohne Direkteinspritzung sollte die Euro-3-Norm eingehalten werden. Damit könnten noch mehr als 60 Prozent aller Pkw in Deutschland in »verschärften Umweltzonen« fahren.

Vielleicht kann dieser Vorschlag Gehör bei Umweltministerin Hendricks finden. Bei der Vorstellung des UBA-Jahresberichts kündigte sie neue Leitlinien an, die dazu beitragen sollen, das deutsche Emissions-Einsparziel bis 2020 zu erreichen. Wahrscheinlich bereits im November sollten sie im Bundeskabinett behandelt werden. Doch angesichts des UN-Sondergipfels Ende September interessiert sich Hendricks dabei mehr für den Klimaschutz als für die Luftverschmutzung. Denn auf dem Gipfel muss Hendricks Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vertreten, die an dem Termin lieber bei der deutschen Industrie vorbei schaut.

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