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Abbruch mit Ausblick

Im Kino: Der Dokumentarfilm »Göttliche Lage« von Ulrike Franke

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Für Stadt und Investoren ist es ein Vorzeigeprojekt, das Regisseurin Ulrike Franke in der Dokumentation »Göttliche Lage« begleitet. Für die Gestrandeten des Industrierückbaus ist es jedoch eine neue Nachbarschaft, die mit ihrem Erfahrungshorizont nur wenig zu tun hat. Denn die neuen Bewohner vom Phoenix-See, dem Bauprojekt, das unter städtischer Federführung im Dortmunder Arbeiterstadtteil Hörde auf dem Areal eines geschleiften Stahlwerks entsteht, werden kaum auf den billigen Plastikstühlen im benachbarten Schnellimbiss »Kaffeestübchen« Platz nehmen. Wer seine Ersparnisse in ein Grundstück in dieser Anlage steckt, träumt von »was Besserem«, von Bauhaus-Imitat-Villen - alternativ steht aber auch ein »gemütlicherer« Stil zu Wahl - in gehobenerer Preisklasse.

Und hat damit die Rechnung nicht nur ohne die Alteingesessenen gemacht, sondern auch ohne die Flugschneise des nahen Regionalflughafens oder die vergnügungswillige örtliche Jugend. Und ohne Fehlplanungen wie die, dass die sich schnell ansiedelnden Enten, Gänse und die von ihnen eingeschleppten Fische in den Augen der besorgten Planer nichts sind als Störfaktoren, die das prekäre Gleichgewicht des künstlichen Sees ganz schnell zum Kippen bringen könnten - das Baden im See ist selbstredend ebenfalls verboten, nur Segelboote sind zugelassen. Die machen sich optisch so gut.

Armleuchteralgen wurden gezielt auf dem Seeboden ausgebracht, damit nichts anderes dort wachsen kann. Dem selben Ziel dient die Sandschicht, die den phosphatreichen Lehmboden abdeckt - alle oberhalb dieser Lehmschicht gefundenen Altlasten der Bodenverseuchung wurden in jahrelangen Aushubarbeiten (hoffentlich rückstandslos) entfernt. Denn Algenteppich und Sauerstoffmangel in der künstlich hergestellter Idylle - in allerdings ziemlich engstehender Bebauung - das will hier niemand. Um die Emscher-Renaturierung ging es zwar auch bei der Planung des künstlichen Sees, vor allem aber um Image-Gewinn. Und mutmaßliche Gewinnmaximierung.

Und natürlich bewirbt und verkauft sich der Blick voraus auf die Wasserfläche besser als der andere, rückwärtige, der auf abblätternden Putz und eingeschlagene Fensterscheiben in der teils verlassenen Industriesiedlung. Um die sich die Villenkäufer vom See allerdings nicht sorgen müssen: Noch bevor die Neubausiedlung bezogen ist, beginnt die Gentrifizierung auch am nahe gelegenen Altbestand, prognostizieren die Planer. Noch wird seitab in einer einzigen, verbliebenen Halle weiter Stahl gepresst. Aber auch diese allerletzte Halle wird der schönen neuen Welt der Einfamilienvillen weichen, wenn der Pachtvertrag demnächst ausläuft.

Zu diesem Ende industrieller Schwerstarbeit gibt’s dann sentimentale Reden und bewegte Bilder von ein paar letzten Stahlwerkern in voller Montur. Was aus ihnen wird, erzählt der Film nicht - sie sind jetzt ja nicht mehr Teil der Alltagswelt von Dortmund-Hörde. Stattdessen filmen Ulrike Franke, selbst Dortmunderin, und Partner Michael Loeken im Zuge ihrer mehrjährigen Baubegleitung mit der Kamera die Zerlegung der Werkshalle. Was von den anderen Produktionsstätten der Hermannshütte noch brauchbar war, wurde nach China verschifft - eine industriegeschichtliche Parallele zum ersten Film, den die Filmemacher dem Ruhrgebiet widmeten: »Losers and Winners. Arbeit gehört zum Leben« über den Abriss einer Kokerei an einem anderen Dortmunder Standort.

Nur ein einziges Relikt dessen, was Hörde einmal ausmachte, kann gerettet werden. Der Mann vom Heimatverein setzt sich durch, die bewahrte Thomas-Birne der Hermannshütte wird nicht als Postkartenmotiv halb in den See versenkt, sondern bleibt befühlbar am Seeufer stehen. Damit auch die, die nach dem Industrieabbau kamen, noch einen Eindruck bekommen, was einmal die ganze Gegend in Lohn und Brot hielt.

Es existiert auch ein Gegenfilm zu »Göttliche Lage«: ein von den Stadtwerken Dortmund als Bauherr von See und Siedlung in Auftrag gegebener Mehrstünder, der die Neuansiedlung als alternativlose Lösung des Problems feiert, wie man eine sterbende Stadt wiederbelebt.

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