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Befangen in einem falschen Traum

Chimamanda Ngozi Adichie: »Americanah«

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

Ja, es gibt sie: die Liebesgeschichte, die romantisch, aber nicht kitschig ist. Und die spannend bleibt bis zum letzten Moment: Werden sie zusammenfinden? Happy End oder blutendes Herz? Natürlich wird hier nichts verraten. Beide Varianten sind denkbar Und ja, es gibt sie: die eigene Geschichte, literarisch verarbeitet, der Roman, der autobiografisch scheint, ohne dass er in larmoyante Betroffenheitsliteratur kippt. Und dreimal ja: Ein Roman kann politisch sein - die in die Handlung integrierten Blogbeiträge lassen keinen Zweifel daran, dass die Autorin eine Botschaft hat, ohne zu belehren.

Chimamanda Ngozi Adichie, aus deren Feder der Roman »Americanah« stammt, wurde 1977 in Nigeria geboren. Sie lebt heute in Lagos und in Amerika. Bereits mit ihrem ersten Buch, »Blauer Hibiskus«, stand sie auf der Shortlist für den Booker Prize, für »Die Hälfte der Sonne« erhielt sie 2007 den Orange Prize for Fiction. Der »New Yorker« zählt sie zu den »20 besten Schriftstellern unter 40«. Ihr dritter Roman, »Americanah«, wurde mit dem Heartland Prize for Fiction ausgezeichnet.

Der Titel verweist auf den Namen, den US-Emigranten - oder Rückkehrer - in Nigeria tragen. Das Buch erzählt die Geschichte der jungen Ifemelu, die ihrer Tante Uju in die USA folgt. Nach dem Tod ihres Liebhabers, »des Generals«, hatte Uju keine Wahl. Sie fürchtete um ihr Leben und musste fliehen. Überdies hatte sie keinen »Mäzen« mehr, der sie und ihren Sohn Dike ausgehalten hätte. Ifemelus Auswanderung ist dagegen die Verwirklichung eines Traumes, den in Nigeria viele hegen. Wer auch immer ein Visum bekommen kann, geht. Natürlich ist der Gedanke an Rückkehr absurd. Doch nach und nach holt Afrika Ifemelu ein. Mit spitzer Feder und Humor beschreibt die junge Frau die Beziehung der Afroamerikaner zu afrikanischen Amerikanern, von weißen Männern zu dunklen Frauen. Sie thematisiert den abgestumpften Rassismus und die scheinbare Unmöglichkeit, ihn zu überwinden.

Derweil versucht Obinze, ihr Jugendfreund und Ifemelus große Liebe, sein Glück in England, illegal, wie viele andere. Und wie viele andere scheitert er. Deportiert zurück in Nigeria, schafft er dort jedoch den rasanten Aufstieg in die reiche Elite des Landes. Ausgestattet mit Luxuslimousine, Traumvilla, Bediensteten, Sonnenbrille, Handy und einer hübschen Ehefrau, die von ihm nichts anderes als Wohlstand und gesellschaftlichen Status erwartet, könnte er eigentlich zufrieden sein. Doch er ist zu klug, um nicht zu wissen, dass er nur in einer glamourösen Blase leb, und das wahre Leben (wo)anders ist. Ebenso wie die wahre Liebe.

Kann man aus dem falschen Traum aussteigen und den richtigen Wirklichkeit werden lassen? Sind Anpassung, Assimilation, Integration oder Inklusion das Rezept zur Überwindung von Rassismen? Wer muss sich bewegen, damit die Welt - oder zumindest doch der eigene Mikrokosmos - ein wenig würdiger wird? Selten hat jemand so viele kluge Fragen aufgeworfen und lesenswert aufgeblättert, wie Chimamanda Ngozi Adichie in diesem Roman.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Roman. Übersetzt von Anette Grube. S. Fischer Verlag. 608 S., geb., 24,99 €.

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