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Weniger Prostitution, mehr Stress

Norwegischer Bericht untersucht die Wirkung des Verbots vom Handel mit Sex

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach fünf Jahren wurde das Sexkaufverbot in Norwegen evaluiert. Die Zahl der Prostituierten ist gesunken, die Preise sind es auch.

Seit 2009 ist der Kauf von Sex in Norwegen verboten und wird mit Geldstrafe oder Gefängnis bis zu sechs Monaten bestraft. Die damalige Gesetzesänderung bildete den Höhepunkt einer langen und heftigen Debatte über das Geschäft der Prostitution. Die Befürworter gewannen vor dem Beschluss Oberwasser, da dank der Hochkonjunktur der vorausgegangenen Jahre die Zahl osteuropäischer und afrikanischer Sexarbeiterinnen in Norwegen drastisch gestiegen war. Zumindest dieser Trend wurde mit dem Verbot gestoppt, wie eine nun veröffentlichte Studie der norwegischen Regierung ergab.

Fünf Jahre nach Inkrafttreten des Sexkaufverbotes ließ das Justizministerium dessen Auswirkungen untersuchen und stellt fest, dass Prostituierte deutlich an Kundschaft verloren haben. Die Klientel hält sich vor allem aus Furcht vor der Aufdeckung und den damit verbundenen sozialen Folgen zurück. »Das Gesetz hat zu einem Rückgang der Nachfrage nach Prostitution und damit auch zu einem Rückgang der Prostitution in Norwegen geführt«, heißt es von den Wissenschaftlern des unabhängigen Forschungsinstituts VISTA Analyse.

Norwegen sei zudem weniger interessant für Menschenhändler und Zuhälter geworden. Dies entspreche genau den Intentionen des Gesetzes, es handele sich nicht um ungeplante Nebeneffekte. Wichtig ist den Autoren, festzustellen, dass es keine Anzeichen für eine Zunahme von Gewalt gegen prostituierte Personen gebe, obwohl das Milieu aus dem sichtbaren Bereich der Gesellschaft verschwand. Allerdings halten die Verfasser der Studie es für möglich, dass es eine hohe Dunkelziffer an Opfern gibt, da die betroffenen Frauen Übergriffe aus Angst vor rechtlichen Folgen nicht melden. Bei ausländischen Frauen könnte es etwa die Furcht vor der Ausweisung sein, während norwegische Prostituierte eher eine soziale Stigmatisierung fürchten.

Wie Sexarbeiterinnen in Interviews erklärten, sei zwar im Zuge der kleiner werdenden Kundschaft auch die Zahl an Prostituierten - vor allem jener mit norwegischer Staatsbürgerschaft - gesunken,doch auch die Preise für ihre Dienstleistungen abgesackt. Die Frauen sprachen von oft nervösen Kunden, die schnelle Entscheidungen für kleine Preise fordern. Dieser Preisdruck und die fallende Nachfrage ist für die Frauen ein hoher Stressfaktor.

Lediglich eine kleinere Gruppe von Frauen, die regelmäßig die gleichen Kunden bedienen, nannte als positiven Aspekt, dass sie weniger, aber dafür treuere Kunden habe, die auf Diskretion bedacht sind. Dies sind oft wohlsituierte Männer, die die Besuche in die Zeit der Mittagspause legen können. Dieses Beispiel zeigt, dass das Gesetz noch weit davon entfernt ist, eine seiner Prämissen zu erfüllen, nämlich ein Umdenken in der Bevölkerung zu erreichen. Zumindest bei der älteren Generation zwischen 35 und 70 hat das noch nicht stattgefunden. Vorausgesetzt, dass die befragten jungen Männer zwischen 18 und 35 ihrer wirklichen Überzeugung nach geantwortet haben, ist hier die Akzeptanz von Sexkauf wesentlich geringer.

Einschränkend muss der Bericht aber auch konstatieren, dass viele Angaben zur Anzahl von Prostituierten und Sexkäufen mit einer Unsicherheit verbunden sind. Viele Aktivitäten sind in das Internet verlegt worden, in dem die gleiche Prostituierte oft mehrere Profile hat, um Kunden anzuziehen. Bedenkt man hierzu gelegentliche dänische Presseberichte über die Zustände im dortigen Rotlichtmilieu, muss vermutet werden, dass ein Teil des Sexkaufs in das Nachbarland verlagert worden ist. Der norwegische Bericht wurde daher auch in Dänemark von den Linksparteien mit Interesse aufgenommen, die nun erneut ein Verbot nach norwegischem und schwedischem Vorbild fordern. Eine Gesetzesinitiative dazu ist derzeit aber nicht Parlament.

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