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»Sahnehäubchen« der Pädagogik

Ehrenamtliche in Kita und Schule können die Einrichtungen bereichern, aber auch als Billiglösung missbraucht werden. Von Jürgen Amendt

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In der Kita »Rappelkiste« in Neukölln-Britz sitzen fünf Vier- bis Sechsjährige vor den PC-Bildschirmen, lösen Buchstaben- oder Zahlenmemory. Ein Mann in Jeans und kariertem Hemd geht zwischen den Tischen hin und her, gibt den Kleinen ab und an Hilfestellung, den Computer zu bedienen. Der Mann heißt Klaus Cornelius, ist 62 Jahre alt. Er ist im Projekt »Kleine Forscher« der Kita als Ehrenamtlicher tätig. Von Beruf Erzieher ist er nicht. Jeden Mittwoch macht er mit den Kindern Experimente, hat ihnen gezeigt, wie man mit einfachen Hilfsmitteln, etwa einem Kaffeefilter und ein bisschen Aktivkohle, ein kleines »Klärwerk« baut.

Den »Job« hat Cornelius über das Ehrenamtsprojekt der Berliner AWO Südost, AWO-ExChange, bekommen. 40 Jahre arbeitete er, den die Kinder hier alle »Conny« rufen, als Laborant in der chemischen Forschung, seit knapp einem Jahr ist er im Vorruhestand. Kita-Leiterin Jenny Adel möchte ihn in ihrer Einrichtung nicht mehr missen. Der Ex-Chemiker sei jedoch lediglich eine Ergänzung im Kita-Programm, sagt sie: »Für unsere Lernwerkstatt ist er die ideale Kraft, denn er kann aufgrund seiner beruflichen Erfahrung den Kindern Wissen und Fähigkeiten vermitteln, die wir Erzieherinnen gar nicht haben.«

Cornelius steht für viele Menschen, die unentgeltlich als Freiwillige arbeiten. Laut Freiwilligensurvey der Bundesregierung, der seit 1999 alle fünf Jahre erstellt wird, hatten 2009 rund 36 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren ein Ehrenamt inne - Tendenz steigend. Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz beurteilt diese Entwicklung kritisch. Seit den 1990er Jahren gebe es für das Ehrenamt verstärkt Werbekampagnen von Verbänden und Politik. In jüngster Zeit stünden Erwerbslose, Migranten und die sogenannten »fitten Alten« im Fokus. Gerade bei jungen Menschen, so Notz, könne vielfach nicht mehr zwischen Praktikum und Ehrenamt unterschieden werden. »Ein Ehrenamt macht sich eben gut im Lebenslauf«, meint sie.

Laut dem Freiwilligensurvey hält der Sport zwar nach wie vor den Spitzenplatz unter den 14 Ehrenamtsbereichen, die Einsatzgebiete Schule und Kita haben jedoch seit 1999 aufgeholt und rangierten im Jahr 2009 bereits auf Platz zwei. Das Ehrenamt in der Bildung sei keine neue Erfindung, betont Notz. Sie erinnert an die Kinder- und Schülerläden, die in den 1970ern von engagierten Eltern gegründet wurden, in denen Mütter und Väter unbezahlte Arbeit leisteten. »Das wurde allerdings nicht Ehrenamt genannt.« Damals waren es Eigeninitiativen. Wenn man heute in öffentlichen Kitas Eltern darum bitte, etwa Wände in der Einrichtung zu streichen, die mangels Personal- und Finanznot angeblich nicht mehr gestemmt werden können, müsse man das wohl anders bezeichnen.

Auf den einschlägigen Seiten sogenannter Ehrenamtsbörsen im Internet finden sich immer wieder Anzeigen, die den Verdacht zu bestätigen scheinen, dass Ehrenamtliche als »Billiglösung« missbraucht werden. In Aschaffenburg (Unterfranken, Bayern) beispielsweise werden derzeit sogenannte Lerncoaches gesucht. Laut Stellenprofil sollen diese »Kinder und Jugendliche in allen schulischen und Bildung betreffenden Angelegenheiten (…) bei Hausaufgaben sowie der Vorbereitung auf Klassenarbeiten« unterstützen. »Dies sind Aufgaben, die eigentlich pädagogische Fachkräfte erledigen müssten«, kritisiert der GEW-Bezirksvorsitzende Unterfranken, Reinhard Frankl. Immer häufiger verpflichteten Kommunen ganz bewusst Ehrenamtliche als billige Arbeitskräfte im Bildungssektor.

Nehmen »die Freiwilligen« den Hauptberuflichen also die Stellen weg? So einfach lasse sich diese Frage nicht beantworten, sagt Notz. Wahrscheinlich entstünden keine neuen Stellen, wenn es keine Ehrenamtlichen mehr gäbe. »Das heißt nicht, dass man diese Arbeitsplätze nicht finanzieren könnte«, fügt sie hinzu. Als Beispiel nennt die Sozialwissenschaftlerin Lesepaten, die in den Schulen vorlesen - »und dann Kindern und Jugendlichen bei den Hausaufgaben helfen«. Früher hätten in der Hausaufgabenhilfe Studierende gearbeitet. »Die Entlohnung war zwar gering, aber immerhin bekam man dafür Geld.«

GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann sieht noch eine andere Ursache für die zunehmende Beliebtheit Ehrenamtlicher im Bildungssektor: Die Schulen müssten heute Aufgaben übernehmen, die früher im sozialen Umfeld angesiedelt waren. Die pensionierte Lehrerin beispielsweise, die den Kindern vorliest, oder der Bildungscoach, der bei der Berufswahl berät, erfüllten daher eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie seien, so die GEW-Schulexpertin, »das Sahnehäubchen in der Pädagogik«. Probleme sieht Hoffmann allerdings, wenn sich ehrenamtliches Tun mit den pädagogischen Aufgaben Professioneller vermische. Dies sei z. B. bei manchen Lesepaten-Projekten der Fall. »Von der pädagogischen Seite her kann ich das zwar nachvollziehen«, sagt die Gewerkschafterin, »denn den Kindern bringt es ja etwas, wenn sie Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten.« Doch die GEW fordere, dass die Schulen dafür professionell ausgebildetes und gut bezahltes Personal einstellen.

Wenn reguläre Arbeit nicht ersetzt werde, spreche aus gewerkschaftlicher Sicht nichts gegen das Ehrenamt, fügt Hoffmanns Kollege im GEW-Vorstand, Andreas Gehrke, hinzu. Wichtig sei, dass das Engagement nur punktuell geschehe, betont der Tarifexperte. Ein Indiz für einen missbräuchlichen Einsatz könne etwa sein, wenn die ehrenamtliche Tätigkeit regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg laufe.

Bei AWO-ExChange ist Daniel Winkler für den Einsatz Ehrenamtlicher verantwortlich. Das Projekt achte darauf, versichert Winkler, dass das Ehrenamt keine hauptberuflichen Tätigkeiten einspart. Zurzeit betreut AWO-ExChange 40 Einrichtungen in Berlin mit rund 150 Ehrenamtlichen. Sie arbeiten in Kitas, Jugendclubs oder Schulen. Mindestens ein Mal im Jahr werden die AWO-Einrichtungen überprüft, ob die freiwillige und unentgeltliche Arbeitsleistung noch den Kriterien ehrenamtlichen Engagements entspricht. Zum Beispiel, ob »Ehrenamtliche nicht aus Mangel an professionellem Personal verheizt werden«, unterstreicht Winkler. Er warnt jedoch davor, nur die möglichen negativen Aspekte zu sehen: Das freiwillige bürgerschaftliche Engagement sei Teil demokratischer Kultur.

Gisela Notz: Freiwilligendienst für alle. Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der »freiwilligen« Arbeit, AG SPAK Bücher, Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit e.V. , Neu-Ulm 2012, 120 S.,10 €. Heinz Reinders: »Ehrenamt - Bildung macht den Unterschied«, Würzburg 2011; www.bildungsforschung-uni-wuerzburg.de

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