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Die Haltung des Zeichners

Was zum frühen Werner Klemke dringend zu erinnern ist

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 7 Min.

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Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will - dieser Sinnspruch ist recht vielseitig zu deuten. Wer dazu neigt, krumme Sachen zu machen, übt sich darin beizeiten, das ist eine mögliche Bedeutung. Die Generation des 1917 geborenen Berliner Zeichners Werner Klemke war auf fatale Weise dieser Verführung ausgesetzt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde sie schwerbewaffnet ausgesandt, in allen Nachbarländern den überlegenen deutschen Herrenmenschen zu markieren. Und dieser durfte ungestraft morden, plündern, notzüchtigen. Zum bösen Ende kam die Traumatisierung. Sie fiel sehr verschieden aus. Viele verdrängten das Geschehene. Manche wurden damit nicht fertig. Andere bereuten aufrichtig, und zogen Konsequenzen daraus. Nur wenige konnten von sich sagen: Ich habe saubere Hände, ich habe geholfen, wo auf Hilfe für den sogenannten Feind standrechtliche Erschießung stand.

Aber gerade diese ganz wenigen, falls sie denn ihr Tun überlebt hatten, sprachen nicht davon. Einer davon war gar nicht schüchtern, wenn es um charmantes Plaudern ging. Doch zu den niederländischen Kriegsjahren schwieg der begnadete Zeichner von Illustrationen zur Weltliteratur, der bekannte Plakatentwerfer und Buchgestalter Werner Klemke beharrlich. Die Massen selbst ernannter Hitleropfer um sich herum muss er auf stille Weise verachtet haben. Wer biegsamer Mittäter gewesen war, erwies sich wiederum als wendiger Anpasser. Werner Klemke, ein Mann des zarten Strichs und der leisen Töne, gehörte weiß Gott nicht dazu. Nun erst nach Jahrzehnten kommt Stück für Stück eine wunderbare Geschichte wahrhaftiger menschlicher Haltung zu Tage.

Ein wenig Glück war sicher dabei, dass es 1941 den Soldaten der Flugabwehr zur Besetzung der so schnell niedergeworfenen Niederlande verschlug, und er dort seine schnell erkennbaren und offensichtlich unterhaltsamen Zeichenkünste als Gefälligkeit für die Vorgesetzten vom Unteroffizier aufwärts entfalten konnte. Groteske Verkehrung zwischen Ost und West im Kriegerischen war zu beobachten. Im Osten tobte als Maschinerie mörderischer Ausrottung der Russlandfeldzug. Über weite Landstriche hin entstand verbrannte Erde. Maßlos stiegen die Opferzahlen auf beiden Seiten. Die besetzten Gebiete im Westen dagegen waren »nur« zur Ausplünderung freigegeben. Die Mordlust des Besatzungsregimes konzentrierte sich im Wesentlichen auf die Judenverfolgung.

Ab Frühjahr 1942 mussten auch die niederländischen Juden den gelben Davidstern auf der Kleidung tragen. Die Deportation in die Vernichtungslager folgte. Stabsgefreiter Klemke wird zufällig Augenzeuge einer Razzia in Amsterdam. Fünftausend Juden werden am Bahnhof Muiderpoort zusammengetrieben. Was haben diese Menschen verbrochen, außer dem Fehler, dass es sie gibt? - so fragt er sich. Der Zufall will, dass er jüdische Bürger näher kennen lernt. So oft es sein Dienst in der Schreibstube des Regiments in der Peripherie von Amsterdam erlaubt, guckt er sich um in der Hauptstadt. Den leidenschaftlichen Bücherliebhaber zieht es ins Antiquariat »Erasmus«, wo zuhause verfemte Autoren wie Brecht und Tucholsky noch vorhanden sind. Eines Tages verlässt er ganz in Gedanken versunken den Laden. Nach einigen Schritten holt ihn jemand ein: Hier bitte, Sie haben ihr Gewehr vergessen...

Um Gotteswillen, welche Gefahr! Dankbar macht er sich mit dem Retter seiner Waffe und damit seines Lebens bekannt. Es ist der fast gleichaltrige Mels, Sohn des namhaften linken Schriftstellers A.M. de Jong. Verantwortlich für das literarische Programm des Verlages Strengholt, lädt ihn dieser nach Hause ein. Seine junge Frau Evie ist die Tochter von Sam van Perlstein, seit Jahrzehnten Importeur von Keramik und Porzellan, Puppen und Spielen aus Fernost. Die alteingesessene jüdische Familie ist hochgradig gefährdet. Zuallererst muss aus Vater Sam ein Arier gemacht werden, indem seine Geburtsurkunde verändert wird - nicht unkompliziert. Das perfekte Zeichentalent Klemkes ergänzt sich aufs Beste mit den Fähigkeiten des ehemaligen Schiffsfotografen Johannes Gerhardt, der ebenfalls als Soldat der Luftwaffe hier Dienst tut. Sie sind sich einig, die neu gewonnenen Freunde, mit denen sie gemeinsame Vorlieben und die politische Überzeugung verbinden, ohne Zögern zu retten.

Das kaum Vorstellbare wurde wahr. Der Zeichner und der Fotograf haben am Ende im Widerstandskreis um Sam van Perlstein gefälschte Papiere für hunderte Bedrohte hergestellt. Lebensmittelkarten. Pässe. Abstammungsunterlagen. Menschenleben retteten sie vor den Schergen in den eigenen Reihen. Wenn das Ganze nicht so bitterernst mit tödlichem Risiko gewesen wäre, könnte man von einem Verhalten voll grotesker Komik sprechen. Denn die Werkstatt, in der Werner Klemke offiziell für seine trinkfreudigen Offiziere zwei Bände von ihm gezeichneter, gedruckter und gebundener Cocktail-Rezepte herstellte, war heimlich ein Widerstandsnest. Die Villa Perlstein im Vorort Blaricum wurde Durchgangsstation für untergetauchte Personen. Der Unternehmer finanzierte alles aus seinem Vermögen. In der Garage wurde in den letzten Kriegsmonaten sogar noch eine Zeitung für die jüdischen »Onderduikers« (»Untertaucher«) mit dem hebräischen Titel »Hasjalsjeeleth« (»Die Kette«) gedruckt. Und der Galgenhumor ließ die Akteure sogar lachen.

Zugegeben, das Erinnern daran kam spät. Die Familie Perlstein hängte ihr praktiziertes Heldentum niedrig. Sie wollte von irgendwelchen Ehrungen nichts wissen. Ihr Argument - »wir hätten noch mehr tun müssen«. Alle Unterlagen schlummerten im Gemeindearchiv der Synagoge Bussum. Dort entdeckt sie im Sommer 2011 die Dokumentarfilmerin Annet Betsalel. Seitdem lässt sie der Fund nicht mehr los. Mel de Jong war im Jahr 2000 bereits gestorben. Umgehend nimmt sie Kontakt zu den vier Klemkekindern und zu Nachfahren von Geretteten auf. Das Bild rundet sich. Das Puzzle aller Informationen, angereichert mit einer Fülle von bewegendem Bildmaterial, fasst sie zu einem Dokumentarfilmprojekt zusammen. Der Film mit dem Titel »Treffpunkt Erasmus - die Kriegsjahre von Werner Klemke« war und istm leider schwer und nur durch private Spenden finanzierbar. Daher ist er immer noch unvollendet. Aber erst nach Fertigstellung entscheidet der RBB über einen Sendetermin.

Werner Klemke hatte im Gegensatz zu seinem Kompagnon Gerhardt, der eines Tages von einer alliierten Granate getötet wurde, überlebt. Sein gefährliches Doppelspiel - einerseits Vorzeigekünstler in einer Kunstausstellung der Besatzer, andererseits Informant über Militäroperationen an die Besetzten - war unentdeckt geblieben. Nur ein Jahr war er als Kriegsgefangener im benachbarten Ostfriesland interniert. Wieder zuhause in Berlin-Weißensee, hatte er sich mit immenser Leidenschaft und gewissenhafter Akribie in vielfältige neue zeichnerische Projekte gestürzt: Politische Karikaturen und Plakate, Illustrationen für Kinder-und- Jugendbücher, Gelegenheitsgrafik, ja, bald auch anspruchsvollste bibliophile Buchgestaltungen. Er wurde Professor an der Kunsthochschule, Sekretär der Akademie der Künste, Nationalpreisträger - dennoch wurde er enorm populär durch seine charmant-witzigen Titelbilder für »Das Magazin«.

Der Gedankenaustausch mit ihm - falls er denn mal von seinem Arbeitspensum aufsah - war für mich wie für jeden Besucher erfrischend. Seine stilbildende Anregung für uns jüngere Zeichner bestand vor allem in der Variabilität seiner Ausdrucksmittel. Übrigens war er nie Parteimitglied. Der nie anders als mit weißem Hemd, Schlips und dunklem Maßanzug durchs offizielle Berlin schlendernde Dandy ein Genosse? Ganz ausgeschlossen. Sein Markenzeichen war eine souveräne Selbstverständlichkeit. Er leistete sich eine eigene Meinung zu vielem. Das änderte jedoch an der unveränderten Konsequenz seines gelebten Antifaschismus nichts. In dem Land, das er auf seine Weise verkörperte, war die tiefe Freundschaft zu jüdischen Mitbürgern selbstverständlich. Es gab sie schließlich in vielen wichtigen Positionen. Herbert Sandberg, Bruno Kaiser, Hilde Eisler - drei von Ihnen, die Klemkes furiosen Start möglich machten. Er war ihr wahrer Freund, so wie sie die seinen. Auch die Familie de-Jong-Perlstein blieb es zeitlebens.

Wenn wir nun seines zwanzigsten Todestages am 26. August gedenken, sollten wir aus dem neuen Wissen um seinen Beginn neue Impulse für ein intensiveres Erinnern an ihn schöpfen. Nach mehreren Schlaganfällen wurde er seinerzeit Opfer seiner exzessiven Arbeitswut. Tiefe Resignation überschattete seine letzten Jahre. Sein Wirken ist durchaus noch nicht in einer gesamtdeutschen Erinnerungskultur angekommen. Der rührige Klemke-Sammler Matthias Haberzettl in Augsburg hat da schon manche Initiative unternommen. Das ist zu wenig. Es gibt genügend Gründe, diesen wahrhaftigen und mit soviel glücklicher Ausstrahlung begabten Künstler mit einer Ausstellung in »seiner« Akademie der Künste zu ehren - oder aber mit der Ausstrahlung des erwähnten Filmes.

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