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Der Kapitalismus ist ein schwarzes Loch

Lars Distelhorst diskutiert den ideologischen Begriff Leistungsgesellschaft

  • Von Sebastian Friedrich
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine Stärke des Friedrich August von Hayek war es zweifellos, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Im zweiten Band von »Recht, Gesetzgebung und Freiheit« äußerte sich der neoliberale Vordenker indirekt zur Leistungsideologie: Es sei wichtig, dass Menschen davon ausgingen, ihr Wohl hänge vom eigenen Tun ab. Die Menschen zum eigenen Tun zu ermuntern und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, sei richtig, aber zugleich könne entsprechende Ermutigung zu einem »übertriebenen Vertrauen« führen. Hayek wusste genau, dass der individuelle Einsatz keineswegs zwangsläufig zu Erfolg führt. Zurück bleibt, wie Hayek schreibt, das Dilemma, »bis zu welchem Ausmaß wir in jungen Menschen den Glauben bestärken sollten, dass sie Erfolg haben, wenn sie es wirklich versuchen, oder eher betonen sollten, dass unvermeidlich einige, die es nicht verdienen, Erfolg haben und einige, die ihn verdienten, scheitern werden«.

Zur Leistungsideologie ist somit alles gesagt, könnte man meinen. Dennoch empfand es der Politikwissenschaftler Lars Distelhorst als wichtig, sich mit dieser ideologischen Klammer, die die Gesellschaft zusammenhält oder zusammenhalten soll, noch einmal auseinanderzusetzen. Er analysiert zunächst den Leistungsdiskurs in Sozialphilosophie, Wirtschaft und Politik. Es zeigt sich, dass diejenigen, die lauthals nach »Leistung« brüllen, nicht in der Lage sind, den Begriff inhaltlich zu füllen. Dennoch wird »Leistungsgerechtigkeit« zur gesellschaftlichen Norm erklärt, die bestärkt oder wiederhergestellt werden müsse. Letzteres brachte die FDP im Bundestagswahlkampf 2009 auf den Punkt: »Leistung muss sich wieder lohnen.«

Es ist schon merkwürdig: Alle sprechen von »Leistung«, doch was genau darunter zu verstehen ist, lässt sich nicht sagen. Das liegt laut Distelhorst an der Substanzlosigkeit des Begriffs selbst, denn Leistung sei schlicht nicht messbar. Die Unbestimmheit des Leistungsbegriffs ergibt sich allerdings nicht aus der Unmöglichkeit der Messbarkeit, sondern aus der Vielzahl der Messgrößen. Bereits vor knapp zehn Jahren arbeiteten Frankfurter Arbeits- und Industriesoziologen um Sighard Neckel die Bedeutungskrise des Leistungsbegriffs heraus. Die Entwicklung ging in Richtung eines marktbezogenen Leistungsverständnisses, bei dem »Leistung« mit dem tatsächlichen Markterfolg gleichgesetzt wird. Die Forscher machten anhand von Gruppendiskussionen deutlich, dass trotz dieser Entwicklung noch eine Reihe anderer Leistungsverständnisse in der Gesellschaft vorhanden sei, sodass letztlich überhaupt nicht klar sei, was denn Leistung überhaupt sei. Distelhorst bezieht solche Ergebnisse in seinen Essay nicht mit ein und differenziert nicht genug zwischen einem aufwandsbezogenen und einem ergebnisbezogenen Leistungsbegriff. Aufwandsbezogen wäre etwa eine erreichte Qualifikation oder eine Anstrengung messbar, während bei einem ergebnisbezogenen Leistungsbegriff eine Menge, die Qualität eines Produkts oder, stärker ökonomisch akzentuiert und im Sinn Hayeks, der Ertrag zu Grunde gelegt werden kann.

Trotz so mancher Ungenauigkeiten ist die erste Hälfte des Buches durchaus lesenswert. Der ideologische Gehalt des Leistungsbegriffs kann gar nicht oft genug betont werden − und muss freilich nicht immer streng soziologisch daherkommen. Enttäuschend fällt indes die zweite Hälfte des Buches aus, in der es Distelhorst um die Frage geht, was den gegenwärtigen Leistungsdiskurs ermöglicht. Zur Beantwortung holt er sich Unterstützung aus der Psychoanalyse, von Marx selbst sowie von den poststrukturalistischen Hegemonietheoretikern Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Neben einigen verzichtbaren Abschweifungen ist es vor allem seine Analyse des Kapitalismus, die nicht überzeugt.

Der Kapitalismus ist für Distelhorst ein schwarzes Loch. Alles wird von ihm eingesogen, wodurch sukzessive jede Bedeutung verloren geht. Gesellschaft und Individuen würden in den durch die Ökonomisierung hervorgebrachten leeren Zirkulationsbewegungen zunehmend ausgehöhlt. »Leistung« ist da das letzte, an dem sich die Menschen orientieren können, wo doch sonst nichts mehr irgendetwas bedeutet. Was in diesem Kapitalismusverständnis völlig verloren geht, ist das gesellschaftliche Verhältnis, das der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde liegt. Das gibt es für ihn schlicht nicht mehr. In der Dienstleistungsgesellschaft sei die Arbeiterklasse verschwunden, vielmehr würden mehr und mehr Menschen über Kapital verfügen, im Grunde seien heute fast alle Kapitalisten. Der Klassengegensatz sei beseitigt, denn der Kapitalismus zwinge alle Menschen, als Kapitalisten, als Unternehmer ihrer Selbst zu agieren.

Distelhorst geht der Ideologie auf den Leim, die er eigentlich kritisieren will. Im ökonomischen Sinne sind die wenigsten derjenigen, die sich an dem Leitbild orientieren, das vor einigen Jahren prominent als »unternehmerisches Selbst« bezeichnet wurde, tatsächliche Unternehmer oder gar im Marxschen Sinne Kapitalisten. Im Gegenteil: In den allermeisten Dienstleistungsbeschäftigungen wird weiterhin Mehrwert geschaffen, was nur allzu offensichtlich wird, wenn man sich die Arbeit in den Versandzentralen bei Amazon oder in den Call-Centern vergegenwärtigt.

Es überrascht entsprechend nicht, dass in diesem Essay die Antwort auf die Frage, was zu tun sei, recht dünn ausfällt. Und so bleibt uns nur, offen zu sein für irgendetwas Neues, für eine »Utopie«. Den Begriff füllt Distelhorst freilich nicht inhaltlich, womit er letztlich seine These vom Bedeutungsverlust der Begriffe am anschaulichsten belegt.

Lars Distelhorst: Leistung. Das Endstadium der Ideologie. Transcript, Bielefeld 2014. 129 S., br., 22,99 €.

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