Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Von der Entwertung der Arbeit

Jobbing-Webseiten sind den französischen Gewerkschaften ein Dorn im Auge

Via Internet Dienstleistungen unter Privatpersonen zu tauschen ist in den USA schon lange Normalität, in indes Frankreich ein Kulturschock. Gewerkschafter kritisieren die »Jobbing-Webseiten« scharf.

»Ich biete mich an«, »Klasse Job« oder »Sich helfen lassen«, so lauten die Titel der größten sogenannten Jobbing-Webseiten in Frankreich. Auf den Webseiten werden private Dienstleistungen angeboten, von den Löhnen zwacken sich die Portale meist einen Teil ab.

Das aus den Vereinigten Staaten stammende Konzept hat mittlerweile hunderttausende Nutzer in Frankreich. Die »kooperative« Wirtschaft ist dort mittlerweile ebenso zum In-Wort geworden wie der Begriff »partizipativ«. Mittlerweile 50 Angebote buhlen um Kunden, darunter auch der Ableger eines deutschen Portals. Die Angebote erinnern an die schwarzen Bretter in der Kaufhalle und an Kleinanzeigen im Internet. Doch anders als früher geht die Kontaktaufnahme online schon mit wenigen Klicks. Wie an den schwarzen Brettern gibt es auch an der Internetpinnwand jede Menge Studenten, die Nachhilfe anbieten - teils schon ab fünf Euro pro Stunde. In vielen anderen Anzeigen geht es um Haustiere und um Babysitting. Auch eine ganze Reihe seriöser Angebote von Firmen ist scheinbar dabei, die beispielsweise Klempner- oder Elektrikerleistungen anbieten. Doch neben den üblichen Angeboten rund um Haus und Hof finden sich auch jede Menge - im wahrsten Sinne des Wortes - schwarze Schafe, das heißt Angebote oder Einladungen zur Schwarzarbeit.

Beispiele aus Lyon und Umgebung gefällig? Eine ältere Frau lässt sich für zehn Euro ihren Computer komplett neu installieren. Eine junge Frau lässt sich von einem älteren Herrn eine Couch quer durch die Stadt transportieren und anschließend aufbauen - für zehn Euro. Eine Studentin bekommt zum Spottpreis von 20 Euro ein angeblich gefundenes Handy entsperrt. Das ist weder moralisch noch legal. Die Nachfrage nach der Renovierung einer Küche zum Komplettpreis von 50 Euro verärgert seinerseits die Besucher einer anderen Jobbing-Seite. »Ein unrealistischer Preis«, ärgert sich Nutzer Claude. »Der Zeitaufwand ist zu knapp bemessen«, kritisiert Nutzer Bruno. Tatsächlich wird in der Anzeige frech ein Zeitaufwand von fünf bis sieben Stunden angegeben - weniger als der Mindestlohn von 9,53 Euro brutto. Unter dem Mindestlohn liegt auch die Offerte einer Tagesmutter für schlappe drei Euro die Stunde.

Wenn man die Menschen hinter den Anzeigen kontaktiert, hört man oft von Karrierebrüchen. Eine ehemalige Firmenchefin ist darunter, die jetzt für sieben Euro die Stunde vor allem ältere Damen berät. Die Akquise über die Jobbing-Webseite laufe gut, die meisten Einnahmen bekommen sie aber durch den Verkauf von Diätprodukten. Alles sei selbstverständlich versteuert, versichert sie. Und ja, sie habe sich den Abschluss ihres Arbeitslebens anders vorgestellt. Eine langjährige Angestellte, die sich auf einer Seite für den Job als Sekretärin anpreist, erzählt, sie habe auf solchen Webseiten keine Rückmeldung auf ihre Annoncen gefunden. Erst über private Kontakte habe sie eine neue Arbeit bekommen.

Stéphane Fustec, bei der größten französischen Gewerkschaft CGT für das Thema »Dienst am Menschen« verantwortlich, kritisiert das Konzept aufs Schärfste. Im Gespräch mit »L’Humanité« spricht er von einer »Entwertung der Arbeit«. Zwischen 2011 und 2013 habe sein Sektor »Dienst am Menschen« zum ersten Mal überhaupt einen Rückgang bei den gemeldeten Stellen erfahren - um satte sechs Prozent. Laut Fustec versteckten sich die Webseiten hinter der Aussage, dass die Verantwortung für die Angebote bei den Arbeitgebern liege. Ihn beängstige der Fakt, dass die Menschen für ein »geringes Zubrot« auf soziale Absicherung verzichteten. Traurig stimmt es tatsächlich, wenn man die Lebensläufe in manchen Anzeigen liest und dann das Preisschild sieht, das sich die Menschen heute ankleben. Es scheint, manch einer hätte nicht nur den Glauben an eine faire Bezahlung verloren, sondern auch das Vertrauen in sich selbst.

Dabei können die Portale tatsächlich etwas gegen Schwarzarbeit und entwürdigend niedrige Bezahlung tun. Die Anbieter nehmen ihre Verantwortung sehr unterschiedlich wahr. Während manche Seiten auf eine Verifizierung der Profile durch Mitarbeiter, auch Fotos und auf Klarnamen pochen und auch mal Nutzer sperren, erscheinen andere nahezu gänzlich unmoderiert. Die Webseite www.5euros.com beispielsweise vermittelt nur Dienstleistungen à fünf Euro. Zu dem Preis bekommt man sogar Übersetzungen von 500 Wörtern. »Das entspricht etwa einem Zehntel des marktüblichen Mindesthonorars - das geht nur mit Google Translate«, lautet die Einschätzung von Céline Odo, Übersetzerin aus Lyon.

Besser ist dagegen das Portal helpling.fr, das sich auf die Vermittlung von Haushaltsdienstleistungen spezialisiert hat. Hier zahlt der Abnehmer der Dienstleistung mit 16,90 Euro pro Stunde deutlich mehr. Ob für die von helpling.fr vermittelte Putzfrau oder den Putzmann abzüglich der Gewinnmarge für den Betreiber der Webseite noch der Mindestlohn übrig bleibt, ist dagegen fraglich. Dafür kann er sich fast die Hälfte von der Steuer wieder zurückholen, schließlich ist alles legal. Das Portal verspricht ein ganzes Paket an Leistungen: Einstellungstest der Anbieter und Überprüfung der Steuerunterlagen, Versicherung gegen Schäden sowie die Ausstellungen von Rechnungen und Steuerbescheinigungen. Name und Idee kommen aus Deutschland. »helpling.de« sieht bis auf die Sprache identisch aus. Hierzulande ist die Putzkraft allerdings mit ab 10,32 Euro pro Stunde deutlich billiger - fast 6,60 Euro beträgt der Unterschied.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln