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Soldatenurlaub in der Ukraine?

Widersprüchliche Meldungen über russische Einsatzkräfte / Kreml will »Verluste« prüfen

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Russland gerät zunehmend unter Verdacht, Soldaten in der Ukraine einzusetzen. Unbewiesen ist noch der Einsatz regulärer Truppen.

Nicht irgendwo, sondern im russischen Staatsfernsehen ließ sich Alexander Sachartschenko, einer der Führer der »Donezker Volksrepublik« Mittwochabend einen Satz entlocken, der Kreml, Außenamt und Verteidigungsministerium in Erklärungsnotstand bringt. Nicht nur Freiwillige aus Russland, sagte der Rebellenführer, der dabei pikanterweise im Kampfdress russischer Luftlandeeinheiten mit blauem Barett posierte, kämpften auf Seiten der Separatisten. Auch Berufssoldaten, von denen einige eigens dazu Urlaub genommen hätten. Ohne sie würde man es schwer haben gegen die regulären ukrainischen Truppen.

Kurz zuvor hatten die Separatisten die Einnahme der südostukrainischen Hafenstadt Nowoasowsk bekannt geben. Sie liegt etwa 100 Kilometer von den Rebellenregionen entfernt. Bis zur russischen Grenze dagegen sind es nur zehn Kilometer. Eigentliches Ziel der »Offensive« ist nach Darstellung der Separatisten die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Dort tobten schon im Frühjahr erbitterte Kämpfe.

Moskau, so sagte der kritische russische Politikwissenschaftler Stanislaw Belkowski bereits damals, werde versuchen, mit Hilfe der prorussischen Milizen der Ukraine den gesamten Zugang zum Schwarzen und Asowschen Meer zu sperren. NATO-Kriegsschiffe könnten dann, sollte Kiew dem westlichen Militärbündnis beitreten, dort nicht stationiert werden. Vor allem aber bekämen sowohl die Krim als auch die von der Republik Moldau abgespaltene Dnjestr-Republik, die von der Ukraine umschlossen sind, durch diesen Korridor direkte Grenzen zu Russland.

Moskau, versicherte Außenminister Sergej Lawrow am Mittwoch erneut, habe kein Interesse an einem Zerfall der Ukraine. Auch OSZE-Beobachter im Krisengebiet haben bisher keine Verschiebung russischer Truppen auf ukrainisches Gebiet registriert. Nur die russischen Grenzschützer, erklärte OSZE-Missionschef Paul Picard, seien bewaffnet. Das würden die Dienstvorschriften jedoch ausdrücklich vorsehen.

Interventionsvorwürfe des Westens dementiert auch das russische Verteidigungsministerium. Wahr sei allerdings, dass sich zehn russische Fallschirmjäger beim Dienst an der Grenze versehentlich auf ukrainisches Gebiet »verlaufen« hätten. Sie hätten bei der Festnahme keinen Widerstand geleistet und würden inzwischen in Kiew vernommen. Dort wurden sie gedemütigt im Fernsehen präsentiert.

Die Festgenommenen - auf diesen Begriff legt Kiew großen Wert - seien keine Kriegsgefangenen, die Ukraine befinde sich mit Russland nicht im Kriegszustand. Kritische Öffentlichkeit in Russland sieht das anders und fühlt sich an die frühe Phase des Afghanistankrieges erinnert. Damals waren Kreml und Verteidigungsministerium noch krampfhaft bemüht, Verluste zu vertuschen.

Russische soziale Medien sind seit Tagen voll von Berichten über Dutzende in der Ukraine verletzter, vermisster und toter Soldaten. Zwei davon seien in Pskow in Nordwestrussland in aller Stille nur unter Teilnahme der engsten Angehörigen beigesetzt worden. Journalisten, die Details recherchieren wollten, bekamen Morddrohungen.

Mütter von Fallschirmjägern berichteten bei Radio »Echo Moskwy«, ihre Söhne hätten sie vergangene Woche letztmalig angerufen: Ihre Einheiten seien nach Süden verlegt, Kennzeichen ihrer Fahrzeuge übermalt worden. Das genaue Einsatzziel habe man ihnen nicht genannt, auch hätten Offiziere ihnen die Papiere und meist auch das Handy abgenommen.

Inzwischen habe auch der Stab der im zentralrussischen Kostroma stationierten Fallschirmjägerdivision »Verluste« bei den Kämpfen in der Ukraine eingeräumt, hieß es. Entsprechende Informationen, so Kremlsprecher Dmitri Peskow, würden »sorgfältig« geprüft.

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