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Hunger muss nicht sein

Rund eine Milliarde Menschen haben nicht genug zu essen. Wie man sie satt machen könnte, beleuchtet eine neue Studie

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Wenn man alle vorhandenen Möglichkeiten ausschöpfen würde, könnten zusätzlich 850 Millionen Menschen ernährt werden, schreibt ein amerikanisch-deutsches Forscherteam um Paul C. West von der University of Minnesota in St. Paul (USA) im Fachjournal »Science« (Bd. 345, S. 325). Anhand einer Weltkarte verdeutlichen die Wissenschaftler, in welchen Regionen man die Ernteerträge mit vergleichsweise wenig Aufwand steigern könnte, ohne dabei zusätzliche Umweltschäden anzurichten. Berücksichtigt wurden von den Wissenschaftlern vor allem die regionalen klimatischen Besonderheiten und die verschiedenen Feldfrüchte, die jeweils kultiviert werden.

In Deutschland werden zum Beispiel auf mehr als der Hälfte der verfügbaren Flächen Energie- und Futterpflanzen angebaut. Nur 40 Prozent der Kalorien, die den Deutschen als Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, kommen direkt vom Acker. In Ostafrika hingegen werden alle Ackerpflanzen für die menschliche Ernährung genutzt. Auch in den übrigen Ländern Westeuropas, den USA, China und Brasilien ist der Anteil des Ackerlands für den Anbau von Tierfutter und Energiepflanzen zu hoch. Zur Energiegewinnung könne man jedoch sinnvoller Biomasse aus Wäldern oder Abfallprodukten einsetzen, meint einer der Autoren, der Bonner Agrarwissenschaftler Stefan Siebert.

Auch mit Stickstoffdünger sollte nach Ansicht der Autoren sparsamer umgegangen werden. Mehr als die Hälfte davon gelangt derzeit ungenutzt in die Umwelt, sei es als Lachgas (ein Zersetzungsprodukt) in die Luft oder direkt in Oberflächen- und Grundwasser. Dabei kommen Weizen, Reis und Mais mit 14 bis 29 Prozent weniger Stickstoff aus, ohne dass sich die Ernteerträge verringern würden.

Jedes Jahr werden rund 34 Millionen Tonnen Soja als Tierfutter vor allem aus Südamerika in die EU importiert. Das entspricht einer jährlichen Anbaufläche von 15 Millionen Hektar. Allein für die fünf Millionen Tonnen Soja, die jährlich nach Deutschland gelangen, werden 2,8 Millionen Hektar Ackerland benötigt. Durch den großflächigen Anbau der Monokulturen erodieren die Böden und sind für den Anbau von Nahrungspflanzen meist verloren. Um die Ackerflächen zu vergrößern, werden vor allem in Brasilien und Indonesien Regenwälder abgeholzt. Damit verbunden verschwinden nicht nur Wildpflanzen- und Wildtierarten, auch das Klima wandelt sich, ganze Landstriche verwüsten. Zudem werden in beiden Ländern Ureinwohner aus ihrer Heimat vertrieben.

Auch bei anderen Energiepflanzen - oft mit Hilfe staatlicher Subventionen gefördert - sieht es nicht besser aus. Der Anbau dieser Kulturen konkurriert oft um Flächen mit Nahrungspflanzen für die lokale Bevölkerung. So werden in Brasilien und Südostasien Zuckerrohr und Palmöl zu Biosprit verarbeitet. Ackerland für Getreide wird immer knapper, Nahrungsmittel werden immer teurer. Würde das Ackerland hingegen direkt für die Ernährung der Menschen genutzt, so die Wissenschaftler, könnten vier Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden.

Ganze Ökosysteme trocknen aus, weil die Landwirtschaft rund drei Viertel des verfügbaren Wassers verbraucht. Ein trauriges Beispiel dafür ist der Aralsee im Norden von Usbekistan, dessen Zuflüssen Amu Darja und Syr Darja jahrzehntelang Wasser für die Baumwollproduktion entnommen wurde. In der Folge schrumpfte der See auf etwa ein Fünftel der ursprünglichen Fläche. Zugleich versalzten Böden, das Trinkwasser muss teuer aufbereitet werden. Effizientere Bewässerungssysteme könnten an vielen Orten solche Schäden verhindern.

Auch der immense Fleischkonsum in den Industrieländern verbraucht viel zu viel Wasser. Um eine Kalorie Nährwert als Rindfleisch zu erzeugen, müssen zehn Getreide-Kalorien verfüttert werden. Für jedes Kilo Rindfleisch müssen neben 6,5 kg Getreide und 36 kg Heu 155 Liter Wasser direkt aufgewandt werden. Hinzu kommen rund 15 300 Liter Wasser für den Anbau des Futters.

Extensive Weidehaltung von Rindern, Schafen oder Ziegen wäre deutlich umweltfreundlicher. Denn Gras fressende Tiere sind keine direkten Nahrungskonkurrenten für Menschen. Ihr Kot düngt außerdem die Böden oder dient als Brennmaterial. Und Graslandschaften nützen dem Klima, da ihre weit verzweigten Wurzelsysteme enorme Mengen an Kohlenstoff speichern. Das funktioniert allerdings nur bei einer geringeren Tierdichte und damit bei einem - vor allem in den Industrieländern - deutlich reduzierten Fleischkonsum.

Doch nicht nur bei der Produktion der Nahrungsmittel gibt es große Reserven. Heute landen fünfzig Prozent aller Feldfrüchte in den Industriestaaten auf dem Müll. Eine im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums erstellte Studie der Universität Stuttgart kommt zu dem Schluss, dass der Großteil davon aus Privathaushalten kommt. Danach werden allein in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Schlechte Logistik beim Transport, mangelhafte Lagerung oder schlechte Verarbeitung lassen aber auch in ärmeren Ländern häufig Lebensmittel verderben. Manchmal werden sie einfach auch von Schädlingen aufgefressen.

Global gesehen ist der Ökolandbau als nachhaltige Form der Landbewirtschaftung eine praktikable Alternative. Immerhin verbessert er in einigen Weltregionen die Ernährungssituation durch stabilere Erträge. Zu diesem Schluss kamen schon vor zwei Jahren Wissenschaftler der Universität Göttingen. Danach würden keineswegs weniger Nahrungsmittel als im konventionellen Anbau produziert. Außerdem gibt es auch hier noch viele ungenutzte Potenziale. Die größten Öko-Flächen liegen mit 12 Millionen Hektar in Australien, gefolgt von Argentinien und den USA. Die meisten der in Südamerika, Asien oder Afrika produzierten Bioprodukte werden nach Europa und in die USA exportiert.

Auch in Afrika gewinnt der Ökolandbau an Bedeutung. Ein Beispiel ist die vor 37 Jahren gegründete SEKEM-Initiative. In 800 Betrieben in Ägypten und im Sudan werden auf rund 3000 Hektar Ackerland Gemüse, Getreide, Obst, Gewürze, Öl- und Heilpflanzen sowie Baumwolle kultiviert. Dafür wurden mindestens 700 Hektar Wüstensand in fruchtbares Ackerland umgewandelt. 70 Prozent der Produkte werden im eigenen Land vermarktet. Die Ernährungs- und Lebenssituation hat sich für die rund 2000 hier arbeitenden Menschen im Vergleich zu vorher deutlich verbessert.

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