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Am Mittwoch geht´s los: Die Berlin Music Week wächst, das Berlin Festival schrumpft

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 5 Min.
Sie sind zwei ungleiche Schwestern, die Berlin Music Week und das Berlin Festival. Dieses Jahr verlässt die eine das Tempelhofer Feld und zieht zur anderen nach Kreuzberg. Jetzt müssen beide beweisen, dass die WG funktioniert.

Man müsste in einem Musical leben. Dann wäre immer Berlin Music Week und nicht nur einmal im Jahr. Aber so ist die Zeit auch 2014 begrenzt, vom 3. bis zum 7. September. Nur: Diesmal kann niemand der Musik entgehen.

Zumindest, wer sich in diesen Tagen zwischen Friedrichshain und Kreuzberg bewegt. Denn das größte Musikfestival der Stadt breitet sich aus. Das neue Element »First we take the Streets« zieht einen Korridor zwischen der Konferenz im Postbahnhof und den Konzertläden, die hauptsächlich in Kreuzberg liegen. Entlang der East Side Gallery platzieren die Veranstalter zwar keine Bühnen, aber Matten als Ersatz. Das ist mehr, als sie sonst oft bekommen: die echten Newcomer der Szene, ohne Plattenvertrag, ohne Manager. Für die Straßenmusiker, die sowieso allwetterlich auf der Oberbaumbrücke stehen, wird wohl kein Platz bleiben – dafür wird die ganze Stadt zum Publikum. Zusätzlich zu den 30.000 , die die Veranstalter auch dieses Jahr wieder erwarten.

Zwei ungleiche Schwestern

Die Music Week ist mit ihren fünf Jahren ziemlich erwachsen geworden: Das Konferenzprogramm ist noch mal gewachsen, eine Menge Startups sind dabei, die Verbindung zur Industrie ist stärker geworden. Trotzdem fühlt sich das nicht wie Ausverkauf an. Auch, weil die »Word!«-Konferenz mit einem Hack Day Kunstschaffenden gleich die Mittel in die Hand gibt, sich ohne Major-Verbündete zu organisieren. Dabei wird der Musik-Hack mit den Zeitschriften Musikexpress und Rolling Stone ausgerechnet vom Axel Springer Mediahouse präsentiert. Das ist wohl die hübsche Seite der digital-Medaille: dass beide vom CD-Kaufschwund betroffen sind, unabhängige wie große Medienmacher – eine Annäherung nicht mal Widerwillen. Musik ist Politik, weil es um Geld geht und Lebenswelten. Die »Word!« räumt dafür Platz ein.

Die Musikwoche und ihr Partner, das Berlin Festival, sind zwei ungleiche Schwestern. Fast doppelt so alt ist das Berlin Festival – schon die neunte Ausgabe ist es dieses Jahr. Aber während die Music Week expandiert, schrumpft sich das Festival gesund. Zumindest stellen das seine Macher so dar in den wenigen Statements, die sie überhaupt abgeben. Statt auf dem Tempelhofer Feld ist der Besuchermagnet jetzt in der Treptow Arena untergekommen. Klarer Vorteil: Die Festivals rücken zusammen und liegen jetzt beide im Partydorf Kreuzberg-Friedrichshain. Immerhin passen auf den ehemaligen Flughafen auch 60.000 Menschen – die jährliche Sause hatte aber nur etwa 20.000 angezogen.

Schrumpfung ist nicht schön

Manchmal ist weniger aber einfach nur weniger. Nicht nur die Weiten des Tempelhofer Feldes vermisst man in diesem Jahr. Auch das Line-Up lässt langjährige Festivalbesucher mit fragenden Augen zurück. Blur, Pet Shop Boys, Björk – mit den Headlinern im letzten Jahr hat der Veranstalter Melt Booking dem Festival ein Denkmal gesetzt. Es war klar, dass man das schlecht überbieten kann. Aber für Sven Väth und Moderat kommen vielleicht Technonauten aus der deutschen Provinz (für Berliner: alles außerhalb der Ringbahn) angereist – eingeborene und zugezogene Stadtkinder locken solche Heimspieler nicht aus der Kiezkneipe.

Zwar wirbt das Festival immer noch mit der besten neuen Musik »von Elektro bis HipHop«. Tatsächlich sind es (fast nur) Elektro und Hiphop – Neneh Cherry und die Editors sind seltene Ausreißer. Djs, Djs, und noch mal Djs spielen in diesem Jahr – das passt vielleicht zu Berlin. Für den Veranstalter heißt das vor allem weniger Aufwand. Ein einzelner Schallplattenrocker kostet weniger als eine fünfköpfige Band, bringt weniger Equipment mit und spielt auch mal vier Stunden am Stück. So lassen sich die Lücken füllen, die sich wenige Tage vor dem Start immer noch im Spielplan finden – versteckt hinter dem Label »Die üblichen Verdächtigen«, was einfach das unschöne »tba« bedeutet: to be announced/wird bekannt gegeben. Zusammengenommen lassen die Schrumpfung von Ort und Bandnamen nichts Gutes für die Finanzen der Veranstalter vermuten.

Wunderland vs. Ballermann

Die echten Helden sind in diesem Jahr die Künstler, die die Showcases von »First we take Berlin« bespielen. Wie immer haben Labels und Medienmacher mit viel Liebe ihre Abende zusammengestellt: mit French Connections, deutsch-afrikanischen Kollaborationen und einer »Great Escape« ins Schwesterfestival aus Brighton, das London gerade den Rang als Hipsterhort abläuft. Dabei sind Musiker, die sich auch ohne Major-Vertrag schon lange im Business halten. Und die, die sich gerade erst daran machen, und scheinbar immer jünger werden: wie die Rapper Sierra Kid aus Emden und Bishop Nehru aus New York, beide 16 und klingen, als wären sie mit Dr. Dre zur Schule gegangen. Oder Blaenavon aus London, die erst 17 aber so gar nicht schülerbandmäßig auftreten.

Auch beim Popkomm-Nachfolger Music Week stehen Veränderungen an. Es ist das letzte Mal, dass die Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin die Organisation übernommen hat. Ab nächstem Jahr liegt alles in den Händen des Music Board Berlin. Wieso, und was das heißt, dazu wollte auch das sich nicht äußern. Und so fragt man sich schon, bevor es überhaupt losgegangen ist: Wie wird es weitergehen mit den beiden Schwesterfestivals? Verschmelzen sie zu einem Mega-Ballermann des Techno? Die Gegend zwischen Skalitzer und Warschauerstraße sieht in Sommernächten schließlich jetzt schon so aus. Oder werden sie zu einem Wunderland aus Sound und schönen Menschen, ein eigenes, kakophones Musical?

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