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Im Kampf um die Kinder

Käthe Raphael erinnert an ihre jüdische Familie

  • Von Manfred Weißbecker
  • Lesedauer: 3 Min.

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Den Zeiten zum Trotz steht im thüringischen Apolda ein kleines Gebäude, das ehemalige Geschäftshaus eines jüdischen Kleinunternehmers. Ein Verein will es vor dem Verfall retten. Ein Ort des Lernens, der Erinnerung und der Begegnung soll es werden. Betreut wird es von der Geschichtswerkstatt des »Prager-Haus Apolda e.V.«, zu dessen Gründungsmitgliedern auch die in Jena lebende Käthe Raphael gehört. Sie konnte kürzlich ihren 90. Geburtstag feiern.

Oft erzählt sie vom Schicksal ihrer Familie, vom jüdischen Leben einst in Deutschland und davon, wie die Nazis bemüht waren, es nahezu vollständig auszurotten. Käthe Raphael trug 2008 auch zur Entstehung des Buches »Jüdische Familien in Apolda« bei, auf dessen Grundlage zahlreiche Stolpersteine in der Stadt gesetzt worden sind.

Nun kommen mit dem hier anzuzeigenden Band neue, bewegende, erschütternde wie aufschlussreiche historische Tatsachen ans Licht. Das Buch bezeugt, wie die Eltern von Käthe Raphael, vor allem Mutter Elsa, in den Jahren 1938 bis 1941 einen beeindruckenden und letztlich sogar erfolgreichen Kampf um das Überleben ihrer drei Kinder führten. Um die Erinnerungen faktisch zu belegen, recherchierte Udo Wohlfeld im Weimarer Hauptstaatsarchiv; er fand aussagestarke Akten, die hier dokumentiert sind.

Im Mittelpunkt der verdienstvollen Publikation steht der Briefwechsel, den die Mutter mit thüringischen und Berliner Ämtern führte. Ein quälendes Hin und Her betraf die Einordnung der drei Kinder in die antisemitischen Kategorien »Halbjude«, »Mischling ersten Grades« oder »Geltungsjude«. Es grenzt an ein Wunder, dass eine den sicheren Tod bedeutende Zuordnung der Kinder zu den »Geltungsjuden« verhindert werden konnte. Der Vorgang ging bis in Hitlers Kanzlei, denn dieser hatte sich vorbehalten, selbst über Anträge zu Fällen zu entscheiden, die nicht eindeutig den Nürnberger Rassegesetzen und deren makaberen Ausführungsbestimmungen entsprachen.

Die Protestantin Elsa Raphael hatte 1922 einen jüdischen Mann geheiratet und war - den Erwartungen der Schwiegereltern folgend - zum Judentum übergetreten. Nach dem 30. Januar 1933 vereinbarten die Eheleute eine offizielle Trennung, die Mutter trat einem christlichen Verein bei. Dennoch wurden 1938 die Kinder vom Schulunterricht ausgeschlossen. Das konnte die Mutter nicht verhindern, doch sie hat ihnen mit ihrer Hartnäckigkeit, mit sorgfältiger Argumentation und klugen Schachzügen das Leben gerettet. Ihr Vater wurde als »Geltungsjude« 1943 ermordet.

Das reich bebilderte Buch enthält neben den Erinnerungen Käthe Raphaels auch einen Stammbau der Familie, an dessen sorgfältiger Erarbeitung der heute in Israel lebende Zeev Raphael mitwirkte, ein Großcousin von Käthe Raphael. Es folgen lesenswerte Kapitel über Jakob Raphael, Käthes Großvater, sowie ein Bericht über die Erlebnisse ihres Vaters im Ersten Weltkrieg: »Erwins 1799 Tage für Deutschland«. Udo Wohlfeld und Peter Franz - der eine ein Lebensmitteltechnologe, der andere Theologe - verfassten das zentrale Kapitel »Zwei Jahre Kampf um die Kinder«. In »Deportation ›außer der Reihe‹« und »Der Hilferuf« wird dem Leidensweg Erwin Raphaels nachgegangen. Im Abschnitt »1945 … und sie leben doch!« stellt Käthe Raphael selbstbewusst und stolz dar, wie die geretteten Kinder nach der Befreiung vom Faschismus ihr Leben gestalten konnten.

Käthe und Zeev Raphael: Eine jüdische Familie in Thüringen. Der beispiellose Kampf einer Mutter um das Leben ihrer drei Kinder. Unter Mitarbeit von Peter Franz und Udo Wohlfeld. Geschichtswerkstatt Apolda. 268 S., br., 22,90 €; zu beziehen auch über den »Verein Prager-Haus Apolda e.V.«, Weimarische Straße 5, 99510 Apolda, Tel: 03644/5188704.

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