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Kaum Durchkommen im App-Dschungel

Markt für mobile Anwendungen ist vor allem ein Geschäft für Konzerne / Viele Nutzer laden selten neue Programme herunter

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.
Viele einstige Vorbilder der Softwarebranche tun sich mit dem verändernden Geschäft hin zu mobilen Anwendungen schwer. Besonders Onlinespieleentwickler leiden unter der Vielzahl an Angeboten.

Bei Zynga ist die Goldgräberstimmung vorbei. Der Onlinespielehersteller gab vor kurzem eine Korrektur seiner Geschäftserwartungen bekannt. Im Idealfall rechnet das US-Unternehmen zum Jahresende mit einer schwarzen Null, doch selbst dieses Ziel dürfte nur noch schwer erreichbar sein. Womöglich kämpft der einstige Branchenstar schon bald um seine Existenz. Allein von Mai bis Juni machte Zynga einen Verlust von 46,8 Millionen Euro. Der Grund für die Krise ist so simpel, wie gleichzeitig nur schwer für den einstigen Überflieger zu lösen: Scharenweise laufen dem Erfinder von Facebook-Spielen wie Farmville die Nutzer davon. Während Zynga im zweiten Quartal 2013 im Monatsschnitt noch 170 Millionen Spieler zählte, waren es im Vergleichszeitraum 2014 rund 30 Prozent weniger. Das Unternehmen verpasste es, sein bisheriges Geschäftsmodell, das sich vor allem an Internetspielen für Desktop-PCs orientierte, auf den Markt für mobile Spiele umzustellen. Seit der Facebook-Konzern sein Geschäft allerdings immer stärker auf die Nutzung seines sozialen Netzwerkes über Smartphone und Tablet konzentriert, gerät Zynga seit 2011 immer stärker unter Druck. Selbst die für einige Branchenexperten zu späte Veröffentlichung des einstigen Goldesels Farmville als App im April 2014 brachte die Spieleschmiede nicht auf die Erfolgsspur zurück.

Allerdings fällt nicht nur Zynga der Umstieg auf den App-Markt schwer, denn mit King Digital Entertainment und dem finnischen Angry-Bird-Erfinder Rovio kämpfen zwei unmittelbare Konkurrenten mit ähnlichen Schwierigkeiten. Inzwischen diskutiert die Branche, ob auf dem Markt für Apps nicht ein grundsätzliches Problem herrscht.

Auf den ersten Blick spricht vieles dagegen: Erst im Juni vermeldete Apple für seine gerade einmal vor sechs Jahren gestartete Verkaufsplattform App-Store 75 Milliarden Downloads. Insgesamt lassen sich auf dem virtuellen Marktplatz 1,2 Millionen Programme für Apples Mobilgeräte wie iPhone und iPad herunterladen, beim Dauerrivalen Google mit seinem mobilen Betriebssystem Android sind es sogar 1,3 Millionen Apps.

Beim Blick auf die Hitlisten der beliebtesten Anwendungen für beide Systeme zeigt sich eine kleine Überraschung: Schon seit Jahren machen altbekannte und kostenlose Apps die ersten Plätze unter sich aus. Dauerhaft ganz vorne mit dabei sind gleich drei zum Facebook-Konzern gehörende Anwendungen: Neben der App für das soziale Netzwerk selbst gehören dazu der Kurznachrichtendienst WhatsApp sowie die für Smartphonekameras entwickelte Fotosoftware Instagram. Doch auch ansonsten zeigt die Downloadstatistik vor allem die Dominanz großer Konzerne wie den Verkaufsplattformen Ebay und Amazon. Beide setzen ebenfalls längst auf eigene mobile Anwendungen.

Neue Programme haben es auf den virtuellen Marktplätzen von Apple und Google ohnehin schwer: Schon die Gestaltung beider den Mobilbereich dominierenden Vertriebskanäle hebt für den Nutzer in erster Linie die bereits erfolgreichsten Apps hervor. Sucht man also nicht gezielt nach einer Anwendung, ist es unwahrscheinlich, überhaupt eine neue Software zu entdecken. Gerade Neubesitzer mobiler Geräte werden dadurch fast zwangsläufig verstärkt nur auf altbewährte Apps stoßen.

Besonders experimentierfreudig scheinen die meisten Nutzer ohnehin nicht zu sein. Eine aktuelle Analyse des Marktforschungsunternehmens Com-score fand heraus, dass sich fast zwei Drittel der Smartphonenutzer in den USA seltener als einmal im Monat eine App herunterladen. Umso eifriger ist dagegen eine kleine Gruppe von nur sieben Prozent aller Nutzer, auf die mehr als die Hälfte aller Downloads entfällt.

Eine heruntergeladene Anwendung sagt allerdings noch nichts über deren Verwendung oder den erzielten Umsatz aus. Je nach Statistik sollen bis zu 90 Prozent der verfügbaren Anwendungen kostenlos sein und werden von den Entwicklern vollkommen umsonst, in Kombination mit Werbeeinblendungen oder in sogenannten In-App-Käufen angeboten. Bei Letzteren können sich die Nutzer zusätzliche Funktionen für ein paar Euro freischalten. Im Google-Play-Store steuern diese Freemium-Apps laut der Analyse-Firma App Annie 98 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Davon wiederum kassierten 2013 bei Google die Entwickler fünf Milliarden US-Dollar. Apple schüttete zuletzt sieben Milliarden an Einnahmen aus dem App-Geschäft an die Entwickler aus. Geld, das sich nur ungleichmäßig auf alle Beteiligten verteilt.

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