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Ratlos in Rostock

Halle gewinnt nach 41 Jahren wieder beim F.C. Hansa, der auch in dieser Saison nur gegen den Abstieg spielen wird

  • Von Alexander Ludewig, Rostock
  • Lesedauer: 4 Min.
Der F.C. Hansa Rostock konnte auch im 14. Heimspiel in Serie nicht gewinnen. Der ehemalige Erstligist sollte seine Ansprüche drosseln.

Zuhause ist es nicht immer am schönsten. Im Rostocker Ostseestadion, Heimstätte des F.C. Hansa, ist es schon seit fast neun Monaten richtig ungemütlich. Die Fans fluchen, Spieler und Trainer schütteln ratlos den Kopf, Ärger auf beiden Seiten. Zusammen gefeiert wurde zuletzt im vergangenen Dezember, als gegen die später aus der 3. Liga abgestiegenen Elversberger der letzte Heimsieg gelang. Diese lange Serie der Erfolglosigkeit bot dem Halleschen FC am Sonnabend eine große Chance: In zuvor 27 Ligaspielen konnte der HFC bislang nur einmal in Rostock gewinnen. Nun gelang es wieder, knapp aber verdient. Mit 1:0 siegten die Hallenser am 8. Spieltag der 3. Liga beim F.C. Hansa.

Als Torschütze des Tages war Akaki Gogia am Sonnabend einer der begehrtesten Gesprächspartner. Bei einer Frage musste er kurz überlegen. »Ich war damals minus 19 Jahre alt«, sagte der HFC-Mittelfeldspieler. An den 16. Juni 1973 konnte er sich nun wirklich nicht erinnern. Damals hatte der Hallesche FC am 24. Spieltag der DDR-Oberligasaison mit 2:1 den bis Sonnabend einzigen Ligasieg in Rostock gefeiert. An seinen Treffer in der 63. Minute hingegen konnte er sich sehr gut erinnern. »Ich habe spekuliert, der Torwart hat spekuliert und dann war der Ball im Tor«, schilderte er seinen 30-Meter-Freistoß aus halblinker Position ins lange Eck. Ein paar Meter neben ihm stand Hansa-Keeper Jörg Hahnel. Akaki Gogia blickte rüber und sagte: »Das war heute nicht sein Tag.«

Hahnel hatte es nicht gehört, widersprochen hätte er aber wohl auch nicht. Zu viele Unsicherheiten und Fehler hatte der erfahrene Schlussmann, mit 32 Jahren der Zweitälteste im Rostocker Kader, in seinem Spiel. Mit seiner Leistung fiel Hahnel nicht auf, außer Linksverteidiger Sebastian Pelzer und vielleicht noch Linksaußen David Blacha boten alle Rostocker eine ganz schwache Vorstellung. So reichte dem Gegner aus Halle letztlich eine durchschnittliche Leistung, um sich mit drei Punkten etwas vom direkten Konkurrenten Rostock abzusetzen und von Platz 16 auf Rang neun zu klettern.

Der F.C. Hansa hingegen bleibt als Fünftletzter in der Abstiegszone. Und vieles deutet daraufhin, dass es in Rostock auch im dritten Drittligajahr wieder nur um den Klassenerhalt gehen wird. Die Saison ist zwar noch jung, vom angestrebten Aufstieg ist Hansa aber auch derzeit weit mehr als nur die acht Punkte zur Ligaspitze entfernt: 2013 quälte sich der Klub auf Platz 12, in der Folgesaison ging es noch einen Rang tiefer.

Mit Peter Vollmann als neuem Trainer kam vor dieser Spielzeit die Hoffnung auf bessere Zeiten ins Ostseestadion zurück. Mit ihm gelang 2011 schließlich der letzte Aufstieg in die 2. Bundesliga. Nach acht Spieltagen ist von Hoffnung keine Spur mehr, Vollmann sagt Sätze wie diesen: »Jeder Spieler schiebt die Verantwortung an den nächsten weiter. Bei uns ist der, der den Ball hat, die ärmste Sau.« Oder diesen: »Wir können uns individuell nicht nach vorn durchsetzen. Und wenn wir dann mal einen langen Diagonalball spielen, machen wir auch das schlecht.« Vollmann selbst schiebt ebenfalls die Verantwortung weiter, er stellt sich nach Spielen wie gegen Halle nicht wirklich vor seine Mannschaft. Der 56-Jährige hat sich schnell eingereiht in die Rostocker Schlange der Ratlosen.

Aufgrund der immer noch schwierigen finanziellen Situation beim F.C. Hansa waren keine großen Namen unter den Neuverpflichtungen. Immerhin, Stürmer Marcel Ziemer, der vom 1. FC Saarbrücken gekommen war, hat schon fünf Tore erzielt. Dafür muss aber schon einiges passen, vor allem der Gegner. Viermal traf er gegen Jahn Regensburg, einmal gegen die zweite Mannschaft des FSV Mainz 05 - jeweils auswärts, und gegen Klubs, die noch hinter Hansa in der Tabelle stehen.

Die größten Probleme haben die Rostocker bei Ballbesitz, wenn sie das Spiel selbst machen müssen. Und das sind im Fußball nun mal Probleme, die eher Mannschaften haben, die in der Tabelle nach unten schauen müssen. Gegen den Halleschen FC fiel dem F.C. Hansa im Spielaufbau gar nichts ein. Die beiden Innenverteidiger Steven Ruprecht und Christian Stuff sowie die arg überforderten Mittelfeldspieler um Sascha Schünemann, Robin Krauße und den etwas offensiveren Halil Savran spielten viel zu langsam, ohne Übersicht und ideenlos. Druck auf den Gegner erzeugten die Rostocker nur ein paar Minuten nach dem Gegentor, die einzig nennenswerte Torchance hatte der F.C. Hansa nach einem langen Ball in der 3. Minute. Und wenn man selbst nicht in der Lage ist, Druck auszuüben, macht es eben der Gegner. Dem HFC boten sich mehrere Möglichkeiten, den Sieg noch höher zu gestalten.

»Ich weiß, dass es einige Leute vielleicht nicht mehr glauben: Aber wir gehen immer raus und wollen das Spiel gewinnen. So war es auch heute«, sagte Ruprecht, der nächste ratlose Rostocker. Auch wenn es einen langjährigen Erstligisten schmerzt, aber vielleicht hilft es ja, die Situation etwas realistischer einzuschätzen und somit die Ansprüche etwas zu drosseln. Die Zuschauer haben das scheinbar schon getan. Von den rund 9000 Rostocker Fans kamen nach dem Abpfiff nur vereinzelt Flüche und Pfiffe. So lebt es sich ja auch irgendwie besser zuhause.

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