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Der vergessene Verkehrsteilnehmer

Fußgänger verunglücken im Straßenverkehr relativ selten, aber häufig schwer

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Städtecheck 2014 prüft die Sicherheit von Fußgängern im Straßenverkehr. Die Unterschiede zwischen den Städten sind groß.

Es gibt viele gute Gründe, zu Fuß zu gehen. Frische Luft und Bewegung haben bekanntermaßen noch niemandem geschadet und auch der Umwelt tut man mit dieser sauberen Art der Fortbewegung einen Gefallen. Noch mehr Spaß macht der Gang zu Fuß allerdings, wenn man sich im Straßenverkehr ohne Angst bewegen kann.

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) präsentierte am Dienstag in Berlin den diesjährigen Städtecheck, der die Verkehrssicherheit von Fußgängern in 80 deutschen Städten ermittelt. Die gute Nachricht: Fußgänger sind gemessen an den Wegen, die sie zurücklegen, relativ sicher unterwegs. Innerhalb von Städten liegt der Anteil von verunglückten Fußgängern an allen Unfällen bei 12 Prozent. Unverhältnismäßig hoch sei jedoch laut Anja Hänel, Referentin für Verkehrssicherheit beim VCD, für Fußgänger die Gefahr, bei einem Unfall schwer oder sogar tödlich verletzt zu werden. Mehr als ein Drittel aller innerhalb von Ortschaften Getöteten waren in den letzten fünf Jahren Fußgänger. Im Jahr 2013 lag der Anteil sogar bei 40 Prozent.

Diese Ergebnisse sollten zu denken geben, meint Hänel, denn irgendwann am Tag ist wahrscheinlich jeder einmal zu Fuß unterwegs. Laut Städtecheck wird mehr als jeder vierte Weg innerhalb von Städten zu Fuß zurückgelegt. Umso bedenklicher, dass diese Gruppe kaum im Fokus der Verkehrsmaßnahmen steht. »Viele Städte haben Fußgänger einfach nicht auf dem Schirm«, sagt Hänel. Die Probleme sind altbekannt, werden jedoch viel zu selten angegangen. Der Städtecheck zeigt: Noch immer fahren Autos innerhalb von Ortschaften viel zu schnell. Die Geschwindigkeit und unvorsichtige Abbiegemanöver sind Hauptursache für Unfälle mit Fußgängern. Auch Sichtbehinderungen und fehlende Überquerungsmöglichkeiten können Fußgängern zum Verhängnis werden.

Leidtragende sind vor allem Personengruppen, die sich fast ausschließlich zu Fuß fortbewegen. Kinder verunglücken im Vergleich zu anderen Altersgruppen im Straßenverkehr am häufigsten, alte Menschen oftmals schwer oder tödlich.

Hänel sieht daher großen Handlungsbedarf. Erforderlich seien vor allem Maßnahmen, um die Geschwindigkeit der Autos zu reduzieren. Die verstärkte Einführung von Tempo-Dreißig-Zonen sei dabei notwendig, aber nicht ausreichend. »Breite, gerade Straßen laden Autofahrer zum Schnellfahren ein. Hier muss die Fahrbahn zumindest optisch eingeengt werden.« Nötig seien zudem altersspezifische Analysen, um auf das Verkehrsverhalten älterer Menschen und Kinder besser reagieren zu können.

Zu Herzen nehmen sollten sich diese Empfehlungen zweifelsohne alle Städte, denn Luft nach oben gibt es bei der Verkehrssicherheit überall. Im deutschlandweiten Vergleich fallen die Bewertungen des VCD jedoch sehr unterschiedlich aus. In mehr als der Hälfte der 80 untersuchten Städte haben die Verunglücktenzahlen in den letzten fünf Jahren zugenommen. In vielen anderen sind sie dagegen rückläufig. Ein gutes Zeugnis bekommen beispielsweise die Städte im Ruhrgebiet ausgestellt. Und auch Frankfurt am Main erhält Lob für seine Fußgängerstrategie. Durch den Bau von Gehwegnasen, die Umwandlung von Auto- zu Fahrradstellplätzen vor Kreuzungen und eine umfangreiche öffentliche Kampagne wurden hier in den vergangenen Jahren der Fußverkehr explizit gefördert und Unfälle reduziert.

Der Städtecheck versteht sich Hänel zufolge auch als Nachschlagewerk für sinnvolle Verkehrsmaßnahmen. Städte wie Berlin, Dresden, Köln oder Kassel, die im Vergleich weniger gut abgeschnitten haben, sollten sich von den dargestellten Positivbeispielen inspirieren lassen. Für Fahrradfahrer sei in der Vergangenheit viel passiert, nun sei es an der Zeit, auch die Fußgänger stärker ins Blickfeld zu nehmen. Denn nur wenn diese sich im Straßenverkehr sicher fühlten, hätten sie Lust, zu Fuß zu gehen, und könnten so zu einer Verbesserung der Umwelt beitragen.

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