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Don Quixotes erster Kampf mit den Windmühlen

Eine Erzählung und ein kleiner Essay.

  • Von Fritz Rudolf Fries
  • Lesedauer: 6 Min.

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Sein legendärer Vorfahr Alonso Quijano vermachte dem jugendlichen Tunichtgut Quixote eine in der kastilischen Hochebene einmalige Bibliothek. Dem jungen Mann erschienen die Tag und Nacht anrollenden eng verschnürten Pakete wie eine Armee, die ihn ohne Kriegserklärung überfiel. Tatsächlich waren Bücher die Vorhut des Wissens, das seit Homer das Abendland beunruhigte. Es hieß, Alonso Quijano habe beim Versuch, die erfundenen Rittergeschichten von den tatsächlichen, historisch verbürgten zu trennen, den Verstand verloren.

Quixotes Pächter Sancho Pansa, dessen Vater seinem Vorfahren gedient hatte, half ihm die Bücher auszupacken, wobei sich Wolken aus Staub aus ihren vergilbten Seiten erhoben. Sancho konnte der Versuchung nicht widerstehen, bei dem einen und anderen Folianten länger zu verweilen. Sein Vater hatte ihm erzählt, Quijano habe ihm für treue Dienste die Herrschaft über eine Insel versprochen - wie diese zu erreichen sei, stünde in den Büchern. Es kam darauf an, deren Geschichten zu glauben. Mit der Verwandlung der Windmühlen in Riesen, die über Nacht kamen das Korn der Bauern zu stehlen und das Mehl über die Felder zu streuen, als habe ein früher Winter den Schnee aus der Sierra gebracht, mit diesem Kapitel wollte er seinen Herrn auf die Probe stellen. Denn verfiele er dem Wahnsinn seines Vorfahren und sah er in den Windmühlen Riesen, rückte jene versprochene Insel in Sichtweite. Wie man sieht, war Sancho dabei, die magischen Kräfte der Literatur genauer zu untersuchen.

Don Quixote aber dachte nicht daran, auch nur einen der vom Staub befreiten Folianten aufzuschlagen.

Machen wir uns auf den Weg, sagte er, und schauen uns deine Windmühlen an.

Indes versuchten die neugierigen Besucher der weitläufigen wenn auch baufälligen Bibliothek, die übereinandergestapelten Folianten nach ihrem Inhalt zu ordnen. Dazu verabredete sich der betagte, hoch ehrwürdige Prälat Don Marcelino. Seine Belesenheit machte ihn zum Schiedsrichter, dem sich der Dorffriseur Don Carajo und die Haushälterin Dona Cucha unterordneten. Streitsüchtig wie sie war, verlangte sie, keine Frauenbücher dem Scheiterhaufen zu übergeben - denn dies war von Fall zu Fall die Absicht des unerbittlichen Prälaten, mit Armen und Beinen einen Fandango des unbestechlichen Diktators tanzend, wobei Friseur und Haushälterin sich duckten, um nicht vom Strahl akzentsetzender Spucke getroffen zu werden.

Zu ihnen gesellte sich an diesem Tag der junge Lizentiat Botero, der eine Zeitung für Kastilien gründen wollte. Ein Projekt, das mangels Nachrichten und einer Zunahme von Analphabeten nicht recht florieren wollte. Später wurde er, wie man aus einer Geschichte noch erfahren wird, zum Wahrsager auf öffentlichen Plätzen. Dass er dem Autodafé Don Marcelinos beiwohnte, lag weniger an seinem Interesse für eine verstaubte Literatur. Vielmehr hatte es ihm Dona Cuchas Nichte Maritornes angetan, eine glutäugige Schönheit, ganz Milch und Honig wie eine von den Süßspeisen, welche die aus Granada vertriebenen Araber dem kastilischen Bauernvolk vermacht hatten.

Keine Frauenbücher, höhnte Don Marcelino, was soll man sich darunter vorstellen. Alles das, erwiderte Dona Cucha, was euch Mannsbilder nichts angeht. Der Friseur, wie immer, wusste nicht, wessen Partei er ergreifen sollte.

Der Geistliche blätterte, Grimassen schneidend, in den Folianten. Felix Marte de Hita, rief er, was für ein Schmarren. Ganze Reiterheere in der Hand von Zauberern, die das Geld beliebig vermehren oder verschwinden lassen. Ritter, deren abgehauene Gliedmaßen dank eines Zauberelixiers wieder angeheftet werden. Nein, nein, liebe Freunde. Da lobe ich mir den Amadis von Gallien und seine unendlichen Fortsetzungen, wo die Ritter essen und trinken und andere Bedürfnisse haben und die Liebe ihnen eine Schweinemagd in eine Prinzessin verwandelt, deren Unschuld sie beschützen müssen.

Dona Cucha lächelte anzüglich. Der Lizentiat nahm sich vor, die ersehnte Liebe aus diesem Buch zu lernen.

Der Prälat befahl mit den aussortierten Büchern den mäßig brennenden Scheiterhaufen anzufachen, in den offenbar ein Zauberer einen Wind schickte, der die Träume und Albträume der verurteilten Autoren über Land und Zeit trug.

Wer Gnade fand, zierte die oberen Reihen der Bücherregale. Maritornes wurde beauftragt, ihren zarten Fuß auf die brüchigen Sprossen zu setzen, und der Lizentiat Botero beeilte sich, ihr die Bücher zu reichen, bereit die schlanke Gestalt aufzufangen, falls der Amadis nicht ausreichte, sie aus dem Magnetfeld der Erde zu befreien. Denn war die Liebe eine Himmelskraft, würde sie uns einen Schwebezustand bescheren.

Don Quixote saß auf einem Grauschimmel, fast berührten des Reiters endlos lange Beine den Boden -, der Pächter Sancho auf einem grauzottigen Eselchen, das zu gern mit dem Grauschimmel angebändelt hätte. Doch verstand dieser das tiefinnige Blöken des Verliebten nicht. Der Junker hatte einiges Werkzeug in die Satteltasche gepackt, wie er es in seinen vier Wänden benutzte, um Fensterrahmen und Ofentüren zu reparieren.

Besser hätten Euer Ehren getan, Schild, Helm und Lanze mitzunehmen, sagte der Pächter, für den bevorstehenden Kampf gegen die Riesen. Lächerlich, sagte der Junker und zog den Schraubenschlüssel aus der Tasche - zugegeben, er hatte in erfunden. Da hast du deine Riesen, offenbar hat ein Zauberer sie in Windmühlen verwandelt, vier an der Zahl, und sie lassen die Flügel hängen.

Don Quixote zügelte seinen Schimmel, erhob sich in den Steigbügeln, den Schraubenschlüssel wie ein Zepter in der Rechten, und zog sich am Gitterwerk des ihm nächsten Flügels in die Höhe. Sancho schloss die Augen. Er wollte nicht sehen, was nun geschah. Der Flügel begann sich zu bewegen und wie auf Verabredung drehten sich die anderen. Sie zogen den beherzten Junker aus Sattel und Steigbügel. Er klammerte sich fest, verlor nicht nur sein Werkzeug, sondern Schuhe, Hose und Wams wurden ihm zerfetzt. Der Schimmel wieherte ängstlich, der Grauesel schnaubte schadenfroh.

Sancho tat, was er konnte, seinen Herrn auf den Boden zu ziehen und ihm zu helfen und seine Blöße zu bedecken.

Ihr hattet recht, getreuer Sancho, es sind Riesen, und sie haben uns nur einmal getäuscht. Wir kommen wieder, in Wehr und Waffen. Und er drohte ihnen mit der lädierten Faust. Sancho Pansa aber frohlockte. Schon sah er sich als Statthalter über eine Insel, auf der die Göttin Fantasia im Emblem einer Windmühle herrschen sollte.

Und so zogen sie über Land. Verwandelten Schafe in feindliche Armeen, eine Schweinemagd in eine unsterbliche Geliebte. Mit den Reisebeschreibungen des Homer ausgerüstet, ruderten sie von Insel zu Insel.

Am Ende reichte ihr Ruhm, Generationen unsterblicher Legenden zu hinterlassen. Ob Sancho seine Insel bekam, steht auf einem anderen Blatt.

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