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Ohne einen Schuss über die Siegfriedlinie

Als der Zweite Weltkrieg nach Deutschland zurückkam - vor 70 Jahren betraten die Alliierten deutschen Boden.

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Stolzembourg, ein 190-Seelen-Ort an der deutsch-luxemburgischen Grenze. Die Our trennt in diesem dichten Ardennental das Großherzogtum von der Südeifel, nach Bitburg sind es zwanzig Kilometer. Zwei Fahnen hängen matt da, »Stars and Stripes« und Rot-Weiß-Blau, die der Befreier und Befreiten. Von einer Anhöhe überragt das Schloss den Ort. Einen Steinwurf von der Brücke über die Our entfernt sind drei Höckerhindernisse: Panzersperren, Symbole des Westwalls. Am mittleren Höcker informiert eine Tafel auf Englisch: »Von hier betraten erstmals US-Soldaten, die der 5. US-Panzerdivision angehörten, am 11. September 1944 deutschen Boden.«

An jenem Tag vor 70 Jahren, gegen 16.30 Uhr, machte sich Sergeant Warner Holzinger mit einem kleinen Spähtrupp auf, die Reichsgrenze zu überqueren. Sein Zugführer Leutnant Loren Vipond hatte ihn angespornt sich zu beeilen, wenn er der erste alliierte Soldat sein wolle, der deutschen Boden betritt. Das ließ sich der 28-Jährige mit deutschen Vorfahren nicht zwei Mal sagen. Er gehörte einem Kavallerieaufklärungsschwadron der 5. US-Panzerdivision an, die im Juli 1944 in Frankreich gelandet war. »Als wir unsere Mission starteten, nahmen wir das Funkgerät aus dem Jeep mit, um mit dem zweiten Zug und dem Hauptquartier in Verbindung zu bleiben«, erzählte Holzinger nach Kriegsende dem US-Militärhistoriker Gerald Astor. In Stolzembourg angekommen, erfuhren sie von Einheimischen, dass keine Wehrmachtsoldaten im Ort seien. »Ich war oft so dankbar, dass ich Deutsch konnte«, erinnerte sich der 1988 verstorbene Holzinger.

Die Männer waren zu acht: Holzinger, der Obergefreite Ralph Diven, der Oberstabsgefreite Coy T. Locke, die Gefreiten William Mc Colligan, George Mc Neal und Jesse Stevens sowie der französische Leutnant Lionel DeLille und der junge französische Übersetzer Olaf Tillette de Mautort. Die Our führte nur hüfthoch Wasser, »wir hätten auch durchwaten können«. Holzinger zog aber den Weg über die Reste der eingestürzten Brücke vor, die die Deutschen beim Abzug gesprengt hatten. Er und DeLille trafen auf einen deutschen Bauern. »Er sagte uns, dass er am Tag zuvor das letzte Mal deutsche Truppen gesehen hatte.« Der Bauer erklärte, sie müssten nur der Straße die Anhöhe hinauf bis hinter seinen Hof folgen, dann würde man die ersten Bunker sehen. »So gingen ich, DeLille, Mc Colligan und der deutsche Bauer eineinhalb Meilen nach Deutschland hinein«, erinnerte sich Holzinger. Beim 40-Seelen-Weiler Waldhof erblickten sie durch ihre Ferngläser weiß gestrichene Gebäude: keine Scheunen oder Stallungen, sondern Bunkeranlagen der Siegfried Line, wie die Alliierten die deutsche Verteidigungslinie nannten. Holzinger erkannte, dass alle verwaist waren. Der Spähtrupp nahm die »Siegfriedlinie« ein, ohne einen Schuss abzufeuern.

Die Sonne sank, der Spähtrupp hatte genug gesehen. Die Männer eilten zurück zu ihrem Jeep. Eine halbe Stunde später erstatteten sie Leutnant Vipond Bericht. Die Meldung wurde an das Hauptquartier der 1. US-Armee gefunkt. Von dort aus ging sie um die Welt: »Am 11. September um 18.05 Uhr drang in der Nähe der Ortschaft Stolzembourg, ein paar Meilen nördlich von Vianden, Luxemburg, ein Trupp unter Führung von Sergeant Warner W. Holzinger nach Deutschland vor.«

Nicht allen Beteiligten war die historische Dimension ihres Ausflugs sofort klar. Der damals 19-jährige Dolmetscher de Mautort, Sohn einer dänischen Adeligen, der sich im befreiten Paris von der US-Armee hatte anheuern lassen, gab später seiner Überraschung Ausdruck, dass er zu jenen gehörte, die 1944 zuerst deutschen Boden betraten. Von dieser Ehre hatte er erst im 1950 erschienenen Kriegsreport »Paths of Armor« von Martin Philipson Jr. erfahren, einer Chronik der 5. US-Panzerdivision.

Noch am gleichen Abend setzten zwei weitere Einheiten der US-Armee Fuß auf deutschen Boden: Soldaten der 28. Infanteriedivision. Sie eroberten zügig das Ostufer der Our. Bis zum Abend des 13. September war praktisch das ganze Gebiet westlich der Höhenzüge der Schneifel vor dem Westwall in amerikanischer Hand. Die Schlacht um Aachen sollte jedoch bis zum 21. Oktober dauern.

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