Werbung

Eine Nacht Schonfrist

Die Thomaskirche will für Flüchtlinge keine Dauerlösung sein / Henkel: Flüchtlinge verhalten sich »schäbig«

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein überforderter Kirchenrat, ein Senator, der sich nicht »erpressen« lassen will - und über 40 Flüchtlinge, die nicht wissen, wo sie morgen schlafen sollen.

Noch länger warten: Die etwa 40 Flüchtlinge in der Thomaskirche durften vom Freitag auf Samstag zwar noch einmal ruhig schlafen. Für mehr will der Kirchenrat nicht garantieren. Die Flüchtlinge, die in den letzten Wochen ihre Notunterkünfte unter anderem in der Gürtelstraße verlassen mussten, hatten am Donnerstagabend die Kirche am Mariannenplatz besetzt. Weil es dort Teppich gibt, erklärt eine Unterstützerin.

»Wir sind bemüht, nach einer Lösung zu suchen«, meint Kirchenrat Matthias Lehmann vor den Flüchtlingen und ihren Unterstützern. Da der Staat offensichtlich versagt habe, werde es ein Angebot für eine alternative Übernachtung geben. »Aber das geht nicht von heute auf morgen.« Eine Nacht Schonfrist gewährte die Kirche den Flüchtlingen noch.

Bis dahin hatte die Gemeinde mit Pfarrerin Claudia Mieth eine Räumung durch die Polizei ausgeschlossen. Engagierte Gemeindemitglieder komplementierten am Freitagmittag sogar zwei Polizisten aus der Kirche, weil die nicht preisgeben wollten, ob sie privat kamen oder in dienstlichem Auftrag. »Ohne Uniform sind Sie uns willkommen«, erklärten die Helfer.

»Das ist keine angemessene Unterbringung hier«, betonte Lehmann sichtlich überfordert. Der Kirchenrat kritisierte, dass es bei den Flüchtlingen keinen verbindlichen Ansprechpartner gebe. Auch fühle er sich von Bezirk und Senat im Stich gelassen. »Das Problem lässt sich nicht lösen, indem man Schlafsäcke in der Kirche ausrollt.«

Von Innensenator Frank Henkel (CDU) kann die Kirche keine Hilfe erwarten. Er machte am Freitagnachmittag klar: »Berlin wird sich auf keine Erpressungsversuche einlassen.« Die Flüchtlingsproteste hätten jegliches Maß verloren, die Besetzer verhielten sich »schäbig«.

Für Issak Ado ist das völlig unverständlich. Der Nigerianer ist seit zwei Wochen obdachlos. Er musste sein Zimmer in der Gürtelstraße räumen. Ihm geht es wie vielen Flüchtlingen in den letzten Wochen - nicht nur in der Gürtelstraße, sondern auch in der Haarlemer Straße und in Marienfelde. »Wir wären doch nicht hier, wenn es eine Lösung geben würde - oder wenn auch nur jemand mit uns gesprochen hätte.« Ado hat die Besetzungen vom Oranienplatz und der Gerhardt-Hauptmann-Schule mitgemacht. »Bisher wurden wir nur belogen.« Gerade hätten er und die anderen Flüchtlinge in der Gürtelstraße angefangen, sich ein Leben aufzubauen. »Viele hatten Jobs gefunden oder machen Deutschkurse.« Auch von Ado, der in seinem blauen Hemd und der Strickjacke ein bisschen wie ein zu groß geratener Schuljunge aussieht. Vor der Thomaskirche hat er auf der Straße übernachtet, ging jeden Tag von seinem Schlafplatz im Park zu Fuß zum Bildungszentrum am Alexanderplatz.

Besonders zynisch: Den Oranienplatz sollten die Flüchtlinge räumen, weil es zu kalt zum Wohnen sei. Jetzt stehen sie kurz vorm nächsten Winter wieder auf der Straße. »Was soll man dazu noch sagen?« Ado ist müde, wie alle Flüchtlinge in der Thomaskirche. Von den Nächten auf der Straße, aber auch vom Warten. Warten auf das Leben. Und die Gerechtigkeit.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln