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Wie der Stahl verweichlicht wurde

Generalabrechnung mit der Sozialdemokratie: Jürgen Kuttners und Tom Kühnels »Tabula rasa« am DT nach Carl Sternheim

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Am Bühnenrand steht ein kleiner Fernsehapparat, über den lautlos schwarz-weiße Bilder flimmern. Schon aus der dritten Zuschauerreihe sind sie kaum mehr zu erkennen. Das macht aber nichts, denn alle Augen sind auf das schillernde Bühnenbild gerichtet, ein gekacheltes Schwimmbad, das Jo Schramm für dieses Stück auf die Bühne des Deutschen Theaters bauen ließ. Gegeben wird Carl Sternheims bissige Komödie »Tabula rasa« aus dem Jahr 1916, inszeniert vom Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner. Bereits im fünften Jahr in Folge wirbeln diese beiden den DT-Spielzeitauftakt mit einer eigenwilligen, aufregenden, streitlustigen Arbeit durcheinander.

Der kleine Fernseher stört also keinen. Keinen, bis auf den Herrn ganz vorn, der so dicht vor dem Bildschirm sitzt, dass er direkt hineinstarren muss. Irgendwann platzt er mit näselnder Stimme mitten in die Szene hinein: »Was ist das für ein Film hier? Ich kann mich nicht erinnern.« Kurz scheinen die Schauspieler aus ihren Rollen gerissen, dann machen sie - ohne zu antworten - weiter. Aber der Nervdraht wird sich wieder melden: »Was war das eigentlich noch mal: links zu sein?« - »Irgendwas mit langen Haaren?« - »Mit Minirock und Haschisch?« - Und immer so fort.

Bald gehen die Schauspieler auf ihn ein, sprechen kurz angebundene Antworten zur Seite, einmal gar einen wütenden Monolog. Über ein Linkssein, das sich nur noch als ewiges Bemühen um unangreifbaren Sprachgebrauch, allgegenseitige Rücksichtname und korrektes politisches Auftreten müht, von Zwanglosigkeit, von Überschwang, von Freiheit aber längst nichts mehr weiß. Geschweige von Klassenkampf.

So unwichtig ist die Mattscheibe dann doch nicht. Darauf läuft nämlich die Verfilmung von Nikolai Ostrowskis Revolutionsroman »Wie der Stahl gehärtet wurde«. Für dessen Helden Pawel Kortschagin ist der Kampf existenziell. Am Ende wird der Ton laut gedreht, zu hören ist Kortschagins Credo: »Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos verbrachte Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht.«

Kein versponnenes Beiwerk zu Sternheims Schauspiel sind die Flackerbilder, sie sind ein Kuttner-Kühnel-Kommentar. Indem sie den vergessenen Kortschagin am Rande ins Bild setzen, konterkarieren die Regisseure den wankelmütigen »Tabula rasa«-Helden Wilhelm Ständer. Felix Goeser spielt diesen Sozialdemokraten und Quasigewerkschafter als selbstherrlichen Macho und Macher, der anfangs womöglich noch selbst daran glaubt, dass sein intrigantes Streben im Dienst der Arbeiter des Glasbläserwerks steht, in dem er es über die Jahrzehnte zu etwas gebracht hat. Je weiter die Handlung um die anstehende Hundertjahrfeier des Betriebs, um die Forderung der Belegschaft nach der Einrichtung einer werkseigenen Volksbibliothek, um Ständers Lavieren zwischen Drohen und Einlenken gegenüber der Fabrikdirektion voranschreitet, desto deutlicher wird aber, dass es diesem Herrn um nichts mehr bestellt ist als um sein eigenes, privates Wohlergehen. Immerhin ist er Anteilseigner der Firma - und scharf auf Rendite.

Wie Ständer seiner Dienstmagd Bertha (Judith Hofmann) etwas von freiwilliger Tüchtigkeit und einem »Gesellschaftsvertrag« in die Ohren schmiert, um ihr die fünf Mark Lohnerhöhung auszureden, ist widerwärtig. Wie er den kommunistischen Agitator Werner Sturm (Christoph Franken) gegen den linksliberalen Einschmeichler Artur Flocke (Daniel Hoevels) ausspielt - und umgekehrt -, das ist ein Musterbeispiel der Heuchelei. Wie Ständer schließlich seinen vor lauter Angst vertrottelten alten Freund Heinrich Flocke (Michael Schweighöfer) als Spielball seiner Interessen über die Bühne hetzt, das wird diesen bedauernswerten Menschen in ein Verderben stürzen, das auf den ersten Blick allerdings noch wie eine Verheißung aussieht.

Der Polemiker Carl Sternheim hat vor fast hundert Jahren eine sozialdemokratische Entwicklung, die er schon damals überdeutlich sah, auf die komödiantische Spitze getrieben: Eingelullt von den Zugeständnissen der Ausbeuter - das betriebseigene Schwimmbad, all der »Leim der Bourgeoisie«! - und gefüttert von der Aussicht, selbst in die Klasse der Besitzenden aufzusteigen, bleiben Arbeitersolidarität und Befreiungskampf auf der Strecke. Aus Revolution wird Reform wird Reförmchen wird Opportunismus. »Wie es sich nun mit der Sozialdemokratie im Kern auch verhalten mag«, sinniert Wilhelm Ständer einmal, »man kann jedenfalls in seinen Neigungen weit schweifen, um immer noch ein erstklassiger Genosse zu sein.«

Und als dieser Satz heraus ist, reißt die Regie das Stück entzwei. Auftritt im Trainingsanzug der Betriebssportgruppe: Jürgen Kuttner himself. Noch bei keinem seiner Stücke hielt es diesen Regisseur hinter der Bühne bis zum artigen Premierenapplaus. Kuttner ist einer, der plötzlich auf die Bühne rennt - weniger Schauspieler als Kuttner im Kostüm -, um seinen extrascharfen Senf dazuzugeben. Wie ein Derwisch auf Koks heizt er, einen Notizzettel in der Hand, die Rampe entlang. Angestachelt von Ständers Worten, fegt Kutter den Opportunismus der Sozialdemokratie in einem Handstreich durch den Saal. In einer wütend dahingehaspelten Suada schlägt er binnen Sekunden den vernichtenden Bogen von 1914 (Einknicken in der Kriegsfrage) über 1959 (Godesberger Programm) bis 1999 (Jugoslawienkrieg) und 2003 (Schröders Agenda), um den »tiefen sozialdemokratischen Wunsch« zu entlarven, auch mal zu den mächtigen Gewinnern zu gehören.

Worum es Kuttner geht, ist offenbar kein Aufwiegen der reinen kommunistischen Lehre gegen die einknickende Praxis der Sozis. Was er in diesem Stück (und anderen) vor Augen führt, ist das sozialdemokratische »Prinzip der Enteigentlichung«. Wie konnte aus Kortschagin ein Ständer werden? Kulturgut-Allesfresser und Videoschnipsler, der Kuttner ist, führt er dieses Prinzip anhand eines Musikvideos vor, das großflächig projiziert wird. Aus Black Sabbath’s »Paranoid« ist da durch die quasisozialdemokratische Subtraktion aller aufrührerischen Momente eine Coverversion von Cindy und Bert geworden: »Der Hund von Baskerville«. Mit versteinerten Mienen steht das biedere Paar auf der Leinwand, um wie von Geisterhand gesteuert seinen allem Unerhörten beraubten Schunkelschlager aufzuführen.

Kuttner und Kühnel machen auch mit »Tabula rasa« wieder ein Theater, das die Textvorlage sehr ernst nimmt, aber nach Brecht’scher Manier unterbricht, verfremdet und kommentiert. Kuttners Suada, der Kortschagin-Film, die Intervention des Zuschauers, der in Wirklichkeit ein Schauspieler ist (Jörg Pose) - lauter Mittel, das Publikum aus der puren Amüsierlust zu reißen. Der schlaff über die Szene schlurfende Chor in seinen weichgespülten Bademänteln! Die von ihm herzzerreißend lahm intonierten Arbeiter- und Kampflieder! Der Keyboarder in Bermudashorts und Sonnenhut! Das Wagner-wellige »Wagala weia! Wallala, weiala weia!« der Arbeiterinnen in Rheintöchter-Kostümen! All das ist lustig anzusehen. Seine Funktion ist aber die eines schrillenden Weckers: Aufwachen! Denken! Oder, um es mit Pawel Kortschagin zu sagen: »Man darf nichts vergessen!«

Nächste Vorstellungen: 20. und 25. September, 9., 14. und 29. Oktober

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