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Labor für neues Einkaufen

Die Gründerinnen Sara Wolf und Milena Glimbovski über den ersten verpackungslosen Supermarkt in Berlin

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Verpackungen sorgen nicht nur für unnötigen Ressourcenverbrauch und Müllprobleme, sondern verteuern auch Produkte für Verbraucher. Am 13. September eröffnet in Berlin-Kreuzberg der erste Supermarkt, der ohne Verpackungen auskommt. »Original Unverpackt« heißt das Konzept von Sara Wolf und Milena Glimbovski, welches nun in der Realität getestet werden soll. Für Trockenprodukte bringt der Kunde eigene Gefäße mit, Waren werden in Papier eingewickelt und Schnaps kann man sich abfüllen. Mit den beiden Gründerinnen sprach Jakob Buhre.

Ihr erster Laden wirkt etwas kleiner als auf den ersten Computergrafiken. Mussten Sie nach der erfolgreichen Crowdfunding-Phase wieder einen Gang zurückschalten?
Wolf: Nein. Die Immobiliensuche in Berlin war einfach sehr schwer. Und wir haben uns gesagt: Das hier wird unser Pilotladen, da ist es okay, wenn der noch nicht so groß ist.

Ihr Laden in Berlin-Kreuzberg ist also eine Art Versuchslabor?
Wolf: Ja, ein Labor für neues Einkaufen ist es tatsächlich.

Glimbovski: Wir sind nicht die ersten mit einem Unverpackt-Laden, aber wir haben, glaube ich, das spannendste Sortiment, insgesamt ca. 300 Produkte. Vor allem haben wir Lösungen gefunden, die es bisher noch nicht gab. Ich kenne zum Beispiel keinen Laden, der Cremes zum Abpumpen anbietet.

Dafür bringt man Gefäße mit?
Wolf: Ja, Duschgel, Shampoo, Bodylotion oder Lippenbalsam kann man in sein eigenes Gefäß füllen. Wir haben auch gemeinsam mit einem Industriedesigner eine Station entwickelt, an der man sich Reinigungsmittel abfüllen kann.

Glimbovski: Das Ganze ist nicht nur ein Testlabor für uns, sondern auch für die Hersteller. Die Berliner Firma Tofutussis liefert zum ersten Mal Tofu im Mehrwegglas aus, das ist auch für die ein wichtiger Test.

Was fehlt noch im Sortiment?
Glimbovski: Für eine Käsetheke hat der Platz noch nicht gereicht. Auch für Tomatenmark und Sojamilch haben wir noch keine Lösung bzw. keine Hersteller gefunden, die diese Produkte in Mehrwegbehältern oder unverpackt in großen Mengen anbieten. Die müssten ihren Produktionsprozess verändern, wodurch unheimliche Kosten entstehen, die wir unseren Kunden nicht zumuten können.

Wolf: Das war beim Klopapier der Fall: Wir hatten ein perfektes Produkt gefunden, doch der Preis war unzumutbar, da könnte man auch Seide benutzen. Ein ähnliches Problem gibt es bei Taschentüchern. Da verkaufen wir alternativ Stofftaschentücher.

Wie sieht es mit flüssigen Lebensmitteln aus?
Wolf: Milch, Bier und Limonade gibt es in ganz normalen Mehrwegflaschen. Außerdem bieten wir verschiedene Öle, Essige, Sirup und auch Schnaps wie Wodka und Gin an, die man sich selbst abfüllen kann.

Gab es Hersteller, die sich trotz höherer Kosten an das Experiment herangewagt haben?
Glimbovski: Ein Hersteller von Zahnpastatabletten war damit einverstanden, uns die Tabletten in großen Mengen abzupacken und die Verpackung dann wieder zurückzunehmen.

Wolf: Bei den meisten kleineren Unternehmen war es kein Problem, auf die Verpackung zu verzichten. Die Firma Creme Kampagne aus Berlin zum Beispiel, die für uns die Kosmetik herstellt, hat gleich zugesagt, weil sie Lust drauf hatte, das mit uns gemeinsam zu machen.

Ist ohne Verpackungen überhaupt Platz für Werbung?
Glimbovski: Bei uns hat man nicht die Qual der Wahl. Es gibt keine zehn verschiedenen Joghurts, zwischen denen man sich entscheiden muss. Das heißt, die Produkte müssen sich auch nicht voneinander abheben, es gibt keinen Bedarf für Marketing.

Ist die Entscheidung für einen verpackungslosen Supermarkt automatisch die Entscheidung gegen Vielfalt?
Wolf: Nicht zwangsläufig. Das Prinzip »Ein Hersteller - ein Produkt« war aber eine bewusste Entscheidung von uns. Wir haben uns mit der Lebensmittelbranche und zukünftigen Trends auseinandergesetzt und es ist klar zu erkennen, dass die meisten Kunden mit zu viel Auswahl auch hadern. In unserem Laden kuratieren wir die Produkte quasi für unsere Kunden, wir treffen eine Vorauswahl.

Sind die Bedingungen für ein Konzept wie Ihres in Deutschland gut?
Wolf: Ich glaube, im Vergleich zu anderen Ländern sind in Deutschland die Auflagen relativ streng. Aber wenn man es hier geschafft hat, dann schafft man es überall.

Glimbovski: Man hat es oft mit einem kleinen Ämterdschungel zu tun. Man muss zum Bauamt, oder wenn man eine Waage aufstellen will, erst mal zum Eichamt ...

In anderen Ländern hat man Supermärkte durch Selbstbedienungskassen bequemer gemacht. Wird bei Ihnen wieder alles komplizierter?
Glimbovski: Der Kunde bringt seine Behälter mit, dann wird zuerst das Gewicht der Behälter bestimmt und am Ende wiegen wir die Produkte an der Kasse ab. Langfristig wären Selbstbedienungskassen natürlich klasse, aber für unseren ersten Laden war uns diese Investition noch zu hoch.

Wolf: Erst wenn wir das Kaufverhalten einschätzen können, können wir entscheiden, ob man dem Kunden am Ende auch das Abwiegen überlässt.

Haben sich Supermarktketten an Ihrem Konzept interessiert gezeigt?
Glimbovski: Noch nicht. Aber was das Einsparen von Verpackungen angeht, könnten wir sie gut beraten, schließlich geht es nicht nur um die, die man am Ende im Laden sieht. Bereits während der ganzen Produktions- und Lieferkette fällt sehr viel unnötiger Müll an.

Wolf: Auf die Markenvielfalt werden die Supermärkte aber bestimmt nicht so einfach verzichten, da hängen ja Gelder und Verträge mit den Herstellern dran. Wir rechnen aber fest damit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man in jedem Supermarkt eine Abteilung findet, in der man unverpackt einkaufen kann.

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