Mahner

Dieter Graumann fordert ein Zeichen gegen Antisemitismus

Er ist der erste Präsident des Zentralrats der Juden, der den Holocaust nicht mehr selbst erlebt hat. Vielleicht auch deshalb wollte Dieter Graumann die Rolle der höchsten politischen Vertretung der Juden in Deutschland neu definieren - aus dem »Dauermahner« mit dem Fixpunkt Holocaust sollte ein »putzmunterer Impulsgeber« für die Zukunft werden, sagte der Frankfurter Unternehmer einmal. Bis jetzt nimmt jedoch das Mahnen weiterhin viel Raum ein.

Am Sonntag, bei der vom Zentralrat organisierten Kundgebung gegen Judenhass in Berlin, dürfte der 64-Jährige einmal mehr eindringlich schildern, wie verunsichert die jüdische Gemeinschaft nach diesem Sommer des Gazakriegs sei, wie sehr sie angesichts von judenfeindlichen Parolen bei Demonstrationen, Übergriffen, Drohungen und einem versuchten Brandanschlag auf eine Synagoge die Solidarität der Bevölkerung vermisst habe. »Herzenskälte« und »Empathielosigkeit« wirft Graumann jenen vor, die keinerlei Verständnis für das israelische Vorgehen gegen die Hamas aufbringen können. Die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik werden an diesem Sonntag an seiner Seite stehen: die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident; Vertreter aller großen Parteien, der Fußball-Bund, der DGB, die Kirchen unterstützen die Veranstaltung.

Graumanns Eltern kannten noch das andere, furchtbare Deutschland. Als einzige ihrer Familien überlebten sie den Holocaust und zogen daraus die Konsequenz, dass man in Deutschland besser nicht als Jude auffällt. Am Tag vor seiner Einschulung erklärten sie deshalb ihrem Sohn, dass er von nun an nicht mehr David, sondern Dieter heiße. Der Sohn machte vieles, um seine Eltern glücklich zu machen - lernte fleißig, studierte Volkswirtschaft und Jura, promovierte - aber in diesem Punkt ging er einen anderen Weg: Er wollte sich nicht verstecken, sondern selbstbewusst für ein öffentliches Leben von Juden in Deutschland eintreten. Seit vier Jahren an der Spitze des Zentralrats, seit 2013 auch als Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung