Höllenhund im Gruselbunker

Der Story Bunker sucht neue Erschrecker: Die Bewerber zeigen beim Casting vollen Einsatz

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 3 Min.
»Hast du Angst im Dunkeln? Magst du Kinder? Kannst du laut wie ein Wehrwolf jaulen?« Im Bewerber-Casting ging es ans Eingemachte.

Schwarze Betonwände. Drei alte Holzsärge auf dem Boden. Darauf flackernd: rote Grablichter. In einer der Totenkisten liegt eine Frau. Käsig weiß. Sie atmet noch. Atmet immer. Eine Puppe. Der Raum heißt »Scheintod« und gehört normalerweise zur Ausstellung »Medizin in alten Zeiten« im Eingangsbereich des Berlin Story Bunkers. Am Mittwochmorgen findet hier ein Casting statt: Das Gruselkabinett sucht neue Erschrecker.

Ein korpulenter Mann mit kleiner Brille nimmt als erster Bewerber auf dem Stuhl Platz. Helle Jeans, blaues Shirt, es spannt am Bauch. »Sportlich bin ich 'ne Niete«, nimmt Christian, 41, erster Bewerber des Tages, der Jury gleich den Wind aus den Segeln. »Kann ich hier aber bestimmt lernen«, fügt er schnell hinzu. Er stützt seine Handflächen auf den Knien ab, linst unter der Brille hervor, sieht dabei ganz und gar nicht gefährlich aus. »Kannst du schreien?« Enno Lenze, Geschäftsführer des Berlin Story Bunkers, geht gleich ans Eingemachte. Christian kann. Er schreit. Und grunzt. »Das ist gut, auch deine Größe ist sehr angsteinflößend«, beurteilt Lenze die Leistung des fast zwei Meter großen Bewerbers. »Geist, Werwolf, Zombie, ich bin einfach alles einmal durchgegangen und habe jetzt echt ein gutes Gefühl«, erzählt Christian nach dem Casting. Jault. Gluckst.

Der zweite Bewerber schleicht mit eigenem Kostüm herein. Typ: Höllenhund. Bleckt die Zähne, zeigt eindrucksvolles Zahnfleisch, knurrt ein bisschen und bleibt dann wortkarg. »Besondere Fähigkeiten?« Höllenhund schüttelt den Kopf. »Warum hast du dich denn beworben?« Höllenhund zuckt mit den Schultern. »Schreien?« Höllenhund schreit. »Zu grell, schrei ein bisschen tiefer.« Höllenhund schreit ein bisschen tiefer. »So, jetzt zeig doch mal, wie du erschrecken kannst«, fordert ihn Lenze, selbst in schwarzer mittelalterlicher Gewandung, heraus. Höllenhund stürmt auf den Gang. Drei kleine Mädchen, Grundschulalter, erblicken ihn, beginnen zu kichern. »Das war so spannend wie ein Meerschweinchen«, kommentiert Lenze den Auftritt des Höllenhundes. »Ungeeignet« befinden Lenze und die beiden Mitjuroren, Lady Jay, Künstlerin mit starren blauen Kontaktlinsenaugen und Grim Reaper, Sensenmann, mit langen Fingern.

»Kinderhasser, Zweiter-Weltkriegs-Verrückte, aggressive Menschen, die haben hier nichts zu suchen. Ist eigentlich n' Enterntainer-Job«, sagt Lenze. Verdienstmöglichkeiten? »So etwa wie im Einzelhandel.« Im zweiten Stock huschen die Geister und Zombies derweil von Ecke zu Ecke, machen sonderbare Geräusche: Krcchhhkrchhh. Sieben Erschrecker sind abwechselnd im Schichtdienst in dunklen Ecken im Einsatz. Der alte Beton des ehemaligen Luftschutzbunkers atmet den kalten Angstschweiß etlicher Besucherklassen aus. »So fünf bis zehn heulende Kinder haben wir schon pro Tag«, verrät Lenze.

Im Grusel-Café geht es indes ganz ungruselig zu. Helles Licht, amerikanischer Diner-Stil, Ledersitzbänke. Ein strahlendes Lächeln hinter der Theke: Hexe Hilti. Drei Mal die Woche bessert die Rentnerin hier ihr Einkommen auf. »Einfach in den Mund stecken, und den Speichel laufen lassen«, erklärt die Hexe mit dem roten Spitzhut einem Schulkind gerade die Blutkapseln. Kind nickt verständnisvoll. Bestseller im Shop: Marshmallow-Augen mit saurer Füllung für 50 Cents. Plastikspinnen und Skorpione gehen auch gut über die Theke.

Mindestens eine neue Stelle will das Gruselkabinett besetzen. Die letzten beiden Bewerber, zwei Studenten aus Steglitz, überzeugen die Jury mit einer Kunstblut-Performance. Zum Casting kommen an diesem Tag nur vier Personen. Harte Zeiten im Gruselgeschäft? Wohl kaum. Die nächste Schulklasse steht schon wieder aufgescheucht im Eingangsraum, schubst, kreischt, kann es kaum erwarten erschreckt zu werden. Buh!

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