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Der moderne Stammtisch

Zeitung und Internet: Online-Leserkommentare stehen im Ruf, Beleidigungsorgien durch den Mob zu sein - zu Unrecht

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.
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Wer gelegentlich durch die Leserkommentarspalten unter Online-Artikeln einschlägiger Massenmedien scrollt, könnte den Eindruck gewinnen, wir befänden uns längst im Land der Bekloppten und Bescheuerten. Da finden sich bei bild.de menschenverachtende Postings zu Hartz IV (»Meine Empfehlung wären Suizid-Kurse. Damit könnte man das Arbeitslosenproblem nachhaltig lösen«) ebenso wie bei faz.net zur Flüchtlingsfrage (»Wir müssen nicht die Grenzen gegen Kulturkreise schließen, sondern gegen Schmarotzer«). Aus dem sicheren Hinterhalt der Anonymität nutzen einige die im Internetzeitalter entstandene Chance, private Meinungen in stark frequentierten Online-Auftritten professioneller Medien zu hinterlassen, zu geifern wahlweise gegen Migranten oder Faschisten, gegen Sozialismus oder Neoliberalismus, gegen »die Juden« oder »die Araber«, vor allem und besonders gerne jedoch gegen »die Manipulationsmaschinerie der Medien«.

Dem derzeit anschwellenden Rauschen im analogen Blätterwald zufolge ist in dieser Hinsicht alles klar: Das Verfassen von Online-Leserkommentaren ist »Ausdruck kommunikativer ADS-Symptome« (FAZ), weil die Schreibenden nur »verbessern, beschimpfen, verhetzen« (taz) können in ihrem steten Drang, »die identitätsstiftende Stabilisierung von Vorurteilen« (Wirtschaftswoche) zu kultivieren und »ihre Ansichten breitzutreten« (SZ). Die FAZ besuchte kürzlich Uwe Ostertag und man erfährt, dass dieser Mann fast rund um die Uhr durchs Netz surfe und täglich gut 200 meist bösartige Kommentare hinterlasse. Als »Troll« titulierte ihn der Autor des Artikels; ein Modewort, das Kommentierende meint, die persönliche Beschimpfungen und oft genug auch justiziable Hasstiraden jeglicher Argumentation vorziehen und die man am besten ignoriert statt sie zu füttern (»Don’t feed the troll!«).

Aber wer kann sich schon an diese Maxime halten angesichts des Sprachmülls, mit dem sich Online-Journalisten tagein, tagaus herumschlagen müssen? taz-Redakteur Arno Frank leidet etwa gar so sehr unter den Trolls, dass er in seinem Buch »Meute mit Meinung« schon den Untergang der journalistischen Sitte und des streitkulturellen Anstands nahen sieht: »Es ist die Meute, die das Netz in eine lupenreine Ochlokratie, eine Pöbelherrschaft, verwandelt«. Franks Kollegen haben einen Weg gefunden, diesen immer wieder aufscheinenden Hass zu kanalisieren: Sie deklarieren die »schönsten« Beleidigungen als »Hate Poetry« und tragen sie auf gut besuchten Abendveranstaltungen vor. Zu weniger entspannten Maßnahmen griff die »Süddeutsche Zeitung«: Sie schaffte Anfang September die freie Kommentarfunktion zu den Online-Inhalten ab. Seither gibt allein die Redaktion vor, zu welchen Artikeln und zu welchen Themen diskutiert werden darf - und zu welchen eben nicht.

So verständlich diese Reaktion auf den ersten Blick auch sein mag, gibt es dabei doch ein entscheidendes Problem: Die piefigen Pöbler und maßlosen Maulhelden sind in der Minderheit - und weit harmloser, als die aufgebrachte Kaste tonangebender Medienmacher suggeriert. Unsere Welt ist gänzlich auf die Extrovertierten fokussiert. Ohrenbetäubendes Krakeelen erregt mehr Aufmerksamkeit als jede bedächtige Argumentation. Das kann zu einer falschen Wahrnehmung führen. »Zeit Online«-Redakteur Sebastian Horn fand bei seiner Analyse von Leserkommentaren heraus, dass in längeren Debatten nur elf Prozent der Postings der Troll-Kategorie zuzuordnen seien. Alle anderen argumentieren mehr oder weniger belehrend, fast immer jedoch an der Sache orientiert.

Zudem arbeiten Journalisten unablässig in dem Bewusstsein, mit ihrem Schaffen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Menschen, die Artikel online kommentieren, tun dies in aller Regel jedoch nicht, wie der Berliner Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer erklärt: »Leserkommentare sehen die meisten User nicht als öffentliche Kommunikation an. Für sie ist es mehr eine Kommunikation am Stammtisch«. Und an diesem Stammtisch vermuten sie eben nicht nur ihresgleichen, sondern auch die Journalisten, deren Berichte und Analysen sie loben oder kritisieren. In der Lust am Kommentieren offenbart sich eben auch ein Bedürfnis nach Dialog; sie wollen ihr kleines Ich in Beziehung setzen zur weiten Welt. Verweigern Journalisten diesen Dialog, werden sie von den kommentierenden Lesern umso mehr als arrogant empfunden. Das beredte Schweigen und die nichtssagenden Repliken der Redakteure sowie das wüste Schimpfen der Kommentatoren entwickeln sich so zu einem Teufelskreis aus lauter beleidigten Leberwürsten.

Leider verstehen sich Journalisten noch zu sehr als pädagogisch eingesetzte Institution, die das Publikum monologisierend über das Weltgeschehen informiert. Sie ertragen es nicht, dass immer mehr Menschen ihre Deutungshoheit ernsthaft in Frage stellen. Kulturalistische Reflexe wie die ständig auftauchende Rede vom »Pöbel« zeigen, dass hier auch die Klassenfrage eine Rolle spielt. Der Zugang zum Berufsfeld des Journalismus ist hierzulande an eine wohlbehütete soziale Herkunft gebunden; Kollateralschäden mit nicht-akademischem Elternhaus werden nur geduldet, wenn sie bedingungslos bereit sind, einen hochkulturellen Habitus anzunehmen. In ihrer Doktorarbeit belegt die Sozialwissenschaftlerin Klarissa Lueg, dass Journalisten zu mehr als zwei Dritteln eine privilegierte soziale Herkunft aufweisen und vor allem Eltern haben, die als Beamte oder Angestellte mit Hochschulabschluss im gehobenen bis sehr gehobenen Dienst tätig (gewesen) sind. Auf den Chefsesseln der Medien beträgt der Anteil der Bürger- und Großbürgerkinder sogar satte 77 Prozent.

Die derzeit häufig abgeschossenen Pfeile gegen die kommentierende Leserschaft sind mit einem antiegalitären Gift versetzt, das sich zum selbstmörderischen Bumerang wenden könnte. Der Journalismus gefährdet mit dieser selbstgefälligen Haltung nämlich nichts weniger als seine eigenen Existenzgrundlagen. Die Ära der Print-Zeitung als Plattform autoritativer Texte, denen eine begrenzte Zahl an Lesern auf begrenztem Raum inhaltlich begrenzt widersprechen kann, scheint endgültig vorbei. Statt sich in Publikumsbeschimpfung zu üben oder - wie die SZ - sogar neue Autoritätsbarrieren zu erfinden, muss der Journalismus beginnen, die große Mehrheit der nicht trollenden Leser ernst zu nehmen. Mehr noch: Er muss beginnen, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

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