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Nimm dir Zeit, gönn dir Muße

Louise Erdrich: Ihr jüngster Roman »Das Haus des Windes« führt nach North Dakota

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

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Louise Erdrich liebt ihre Figuren. Immer wieder begegnen sie uns in ihren Romanen und Erzählungen. Den greisen Mooshum beispielweise kennen wir bereits aus ihren älteren Werken. Dreizehn Romane und zahlreiche Gedichtbände, Kurzgeschichten und Texte für Kinder hat die 1954 in Little Falls, Minnesota, geborene Tochter einer Indianerin und eines Deutsch-Amerikaners bisher veröffentlicht. Sie erhielt diverse Auszeichnungen und ist Inhaberin von Birchbark Books, einer unabhängigen Buchhandlung in Minneapolis. Erdrich ist Mitglied der Turtle Mountain Band of Chippewa, Leben und Schicksal der indigenen Bevölkerung Nordamerikas sind ihr wichtigstes Thema.

Ihr jüngstes Buch, »Das Haus des Windes«, erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1988. Schauplatz ist ein Ojibwe Reservat in North Dakota, Protagonist ist der dreizehnjährige Joe Coutts. Joe genießt ein durchaus behütetes Jungenleben - mit seinen Freunden, den Brüdern Cappy und Randall »Birkenstock« Lafouenais, Zack Peace, seinen Eltern Antone Bazil und Geraldine Coutts, Onkel, Tanten und dem uralten Großvater Mooshum. Es ist gewissermaßen eine Idylle, aus der Joe eines Tages brutal herausgerissen wird, als seine Mutter Geraldine Opfer eines entsetzlichen Verbrechens wird.

Louise Erdrich erzählt von der spannenden Suche nach dem Täter, in der sich Joe ebenso engagiert, wie sein Vater. Sie beschreibt den mühsamen Rückweg in die psychische Normalität Geraldines, das Bemühen ihrer Familie, sich selbst nicht im endlosen Leid zu verlieren. Eingewebt in die Erzählung sind Exkurse über das Unrecht an der Urbevölkerung Amerikas, Legenden und Mythen aus der Welt der Indianer, und zahlreiche Nebenschauplätze der Handlung.

Das Schöne am »Haus des Windes«: Es ist ein Buch der Geschichten. Denn es geht nicht nur um Joe, ein unschuldiges Kind zum Beginn des Romans, ein junger Mann am Ende. Es geht um erste Liebe und Schwärmerei, um Fragen des Glaubens und Aberglaubens, um Gerechtigkeit, weiße und indianische Justiz und Selbstjustiz. Im Grunde hat der Roman viele Protagonisten: Onkel Whitey, der mit der Ex-Prostituierten Sonja zusammenlebt, und den Kampf gegen seine Eifersucht im Alkoholrausch nicht immer gewinnt; Linda Lark Wishkob, die von ihrer (weißen) Mutter nicht gewollt und im Reservat großgezogen wurde; Linden Lark, ihr brutaler Zwillingsbruder, Richter Coutts, der Richter, dessen Herz schwächer ist als sein Gerechtigkeitssinn und seine Wahrheitsliebe; Father Travis, der katholische Priester, der im früheren Leben Soldat war, und viele andere mehr.

Louise Erdrich ist im Grunde eine Meisterin des Abschweifens. Vermutlich könnte man die an sich bereits spannenden Vorgänge um den Überfall auf Geraldine und die Folgen auch knapper erzählen. Aber das würde man gar nicht wollen. Anders als im richtigen Leben, wo es nervt, wenn jemand noch und noch eine Schleife dreht, bevor die Handlung weiter geht, genießt man bei Erdrich jeden einzelnen Subtext, ob er für den Plot relevant ist oder nicht. Vielleicht ist es ihre Botschaft für die Leserin, zwischen den Zeilen sozusagen: Nimm dir die Zeit, gönn dir die Muße, mach den Versuch, die Welt zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen ist. Gelassenheit und Klugheit zeichnen die Figuren ihrer Erzählung aus. Beispielhaft für das Publikum einer schnelllebigen Welt.

Leider ist der Klappentext ausgesprochen dröge und wird dem Buch nicht gerecht. Ebenso wenig, wie die Übersetzung »Mein Vater beugte sich vor und verharrte reglos wie ein Vorstehhund.« Oder: »Meine Mutter … stieß ein unheimliches Heulen aus, das mir einmal durch die Wirbelsäule peitschte.« - Von derartigen Schwächen sollte man sich nicht abhalten lassen, diesen neuen, exquisiten Roman zu lesen.

Louise Erdrich: Das Haus des Windes. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder. Aufbau Verlag. 384 S., geb., 19,99 €.

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