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»Starke Beleuchtung im Tunnel«

Im Torso des Kulturpalastes Dresden entsteht ein neuer Konzertsaal

  • Von Sigurd Schulze, Dresden
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Zeit der Provisorien geht langsam ihrem Ende entgegen. Die Dresdner Philharmonie hat ab März 2017 ein frisch renoviertes und gut klingendes Zuhause.

»Im Tunnel ist heute schon starke Beleuchtung zu erkennen«, mit diesem Bild spielte Michael Sanderling auf eigene Worte an, als am vergangenen Donnerstag der Bau des neuen Konzertsaals begann. Im Oktober 2012, nachdem der Dresdner Stadtrat nach langem Streit den Umbau des Kulturpalastes Dresden freigegeben hatte, sah der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, die im Kulturpalast zu Hause ist, im nd-Gespräch »Licht am Ende des Tunnels«.

80 Musiker spielten im Rohbau des Foyers, Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) und Projektchef Axel Walther hielten Reden und Sanderling legte einen Taktstock in die Hülse, die in die Grundmauer des Konzertsaals eingelassen wurde - gewissermaßen eine Grundsteinlegung. »Jetzt, wo die Bühnenumrisse zu erkennen sind, beruhigt das jeden Musiker und macht ihn glücklich«, sagte er. Die Verschiebung der Fertigstellung um eineinhalb Jahre - aus August 2015 war März 2017 geworden - kostet Nerven. Doch die Aufbruchstimmung im Orchester hält sich, trotz Umzugs in ein ehemaliges Kino, trotz Verteilung der Konzerte auf sieben Spielstätten. Am Ende der fünfjährigen Wartezeit wird in der alten Hülle des Palastes der neue Konzertsaal mit exzellenter Akustik stehen.

An den Plänen für die erste Spielzeit im neuen Saal wird gearbeitet. Dabei treibt das Orchester ein hoher Anspruch, an die eigene Leistung und an die Liste mit Einladungen bedeutender Gastorchester. »Der entscheidende Mangel des Kulturpalastes war«, sagt Sanderling, »dass die Spitzenorchester um ihn wegen seiner schlechten Akustik einen Bogen machten. Auf der Landkarte war Dresden für sie ein weißer Fleck.« Das müsse sich ändern.

Doch wie steht es mit dem Spitzenorchester, einen Steinwurf vom Kulturpalast entfernt, mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden? Dort gibt es noch viel Wenn und Aber. Die »Kapelle« hatte 1992 den Kulturpalast auf Nimmerwiedersehen verlassen. Viele Versprechen auf die Erneuerung des Saales wurden nicht gehalten. Die Staatskapelle hätte den Neubau eines Konzerthauses dem Palastumbau vorgezogen, und die Umbaupläne weckten große Vorbehalte. »Ich glaube, wenn der Tag gekommen ist, werden alle, die einen guten Konzertsaal brauchen, ihn auch nutzen. Wir werden uns auf Augenhöhe verständigen können«, meint Sanderling.

Nicht anders sieht es der Kulturbürgermeister (ein Dresdner Titel) Ralf Lunau (parteilos): »Von uns als Stadt ist die Staatskapelle herzlich eingeladen, im Kulturpalast zu spielen. Sie soll sich gar nicht verpflichtet fühlen, in einem Saal zu spielen, den sie nicht kennt. Doch der neue Konzertsaal wird eine Ausstrahlung haben, die beide Orchester beflügelt.«

Klar ist: Entscheiden wird die Qualität des Baus. Mit den Architekten Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Stephan Schütz (GMP) und für die Akustik die Peutz Consult Gesellschaft in Mook/Niederlande sind Kapazitäten auf ihrem Gebiet am Werk. Dass es nicht auf Anhieb klappen muss, zeigte sich bei der Berliner Philharmonie, entworfen von Hans Scharoun, wo auch erst nach vielen Experimenten der optimale Klang erreicht wurde. Von Gerkans Entbindung als Projektant und Planer des Flughafens BER dürfte seinen Ehrgeiz noch steigern, einen erstklassigen Konzertsaal zu schaffen. Im Vergleich zu den riesigen Konzert- und Opernhäusern, die er in China gebaut hat, kommt es in Dresden im Vergleich auf klein, aber fein an.

Die Realisierung liegt in den Händen des Projektleiters Christian Hellmund und des Bauleiters Bernd Adolph. Zeitplan und Kosten: »Alles im grünen Bereich«, sagt Adolph. Das kommt auf deutschen Kulturbaustellen selten vor. Nach der Entkernung des alten Gebäudes werden nun die Aufträge für den Innenausbau des Konzertsaals, die Bühnentechnik und die technische Gebäudeausrüstung in Höhe von 30 Millionen Euro ausgeschrieben. Risiken sind unvermeidlich, meint Axel Walther, doch sind die beim Ausbau einer bestehenden Hülle kleiner als bei einem Neubau wie der Hamburger Elbphilharmonie.

Die Angaben über die Baukosten jedoch sind widersprüchlich. Vom Dresdner Stadtrat beschlossen sind 81,5 Millionen Euro. Daran will auch Walther festhalten, sagt er in seiner Rede. In der Pressemitteilung der Stadt sind es mehr als 90 Millionen. Das wurde auf Nachfrage dementiert, aber zählt man die sechs Millionen Euro für die Innenausstattung und die Orgel mit 1,3 Millionen Euro dazu, kommen 88,8 Millionen zusammen. Auf die Frage, ob die 81,5 Millionen »ausfinanziert« sind, reagiert Oroz entrüstet. Es sei alles im Haushalt enthalten!

Wir hören die Botschaft. Es gibt sogar eine Planübererfüllung. Wegen der ursprünglich nicht gesicherten Kosten der Konzertorgel hatten GPM den Platz für die Orgel vorgesehen, aber den Einbau auf später verschoben. Das aber ließ den Förderverein der Dresdner Philharmonie nicht ruhen. Er will eine Million Euro an Spenden sammeln. 850 000 Euro hat er bereits beisammen. 300 000 Euro gibt die Stadt. »Die Lücke wird geschlossen«, ist der Geschäftsführer Lutz Kittelmann überzeugt. Von Oktober 2016 bis März 2017 wird die Orgel eingebaut werden. Dann wird der Konzertsaal eingeweiht.

Bis dahin kann sich Baustellenchef Axel Walther noch weitere Baustellenkonzerte vorstellen. Michael Sanderling und seine Musiker sind dafür offen. Damit die Dresdner ahnen können, was innen entsteht, ist das Gebäude an drei Seiten mit einer Plane eingehüllt, die das neue Innere zeigt. Auch das historische Mosaik »Der Weg der roten Fahne« ist abgebildet. »Es wird restauriert«, bestätigt Lunau. Die Pressestelle der Stadt ist auf Sanderlings Vorschlag eingegangen, wie bei der Waldschlösschenbrücke die Bürger regelmäßig über den Bauverlauf zu informieren.

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