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Seit 60 Jahren vertrieben

In Berlin diskutierten mehr oder weniger Betroffene über Flucht und Vertreibung aus dem Osten

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Eine illustre Runde hatte sich da in Berlin zusammengefunden, um über Vertreibung zu diskutieren. Der Abend zeigte auch, warum das Thema immer noch anrüchig ist.

Wenn man so will, dann war dieser Abend im Haus der Berliner Bundespressekonferenz eine Abschiedsgala für die scheidende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach. Die CDU-Bundestagsabgeordnete führt den umstrittenen Verband seit 1998 und wird im November nicht erneut für den Vorsitz kandidieren. Zwei Dinge hat die Berufsvertriebene, die noch 1991 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze stimmte, in ihrer Amtszeit erreicht. Zum einen wird es ab kommendem Jahr einen offiziellen Gedenktag für Vertriebene geben. Zum anderen hatte sie ihr Zentrum gegen Vertreibungen gegen viele Widerstände durchgesetzt. Dafür wird das ehemalige Deutschlandhaus in Berlin-Kreuzberg für 30 Millionen Euro in ein »Ausstellungs- und Dokumentationszentrum« umgebaut.

Ebenfalls in Berlins Mitte liegt das Haus der Bundespressekonferenz, das sein Foyer für die Diskussionveranstaltung »Vertreibung - Antrieb oder Last« zur Verfügung gestellt hatte. Gemeinsame Ausrichter waren die Bundeszentrale für politische Bildung und der Bund der Vertriebenen (BdV). Doch wer eine kontroverse Diskussion erwartete, wurde enttäuscht.

Auf dem Podium saßen Vertriebene bzw. Umsiedler, wie sie in der DDR hießen oder die Kinder von Vertriebenen. Neben dem CDU-Rechtsaußen Christean Wagner, der Unternehmer Armin Heinz, der konservative Historiker Michael Wolffsohn und der Grüne Frankfurter Bürgermeister Olaf Cunitz. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte seine Zusage gegeben, aber kurzfristig absagen müssen. Für ihn war der ehemalige Präsident des Europaparlaments Klaus Hänsch (SPD) eingesprungen.

Durch den Abend führte ZDF-Moderatorin Nina Ruge, der es nicht gelang, die angekündigte Diskussion anzustoßen. Statt kontroverser Sichtweisen auf das Thema Vertreibung kitzelte Ruge rührselige Erinnerungen aus den Teilnehmern. Trauriger Tiefpunkt: Christean Wagner, der mit zitternder Stimme berichtete, wie er seinen offenbar spätgeborenen Sohn im Königsberger Dom taufen ließ. Dass der 1943 im heutigen Kaliningrad geborene Wagner nur knapp ein Jahr in seiner »Heimat« verbrachte, wurde leider nicht thematisiert. Anekdoten wie die von der Taufe offenbarten auch, warum die Vertriebenverbände ihr Image als Hort der Reaktion nicht loswerden. Zumal die eigentliche Frage, ob es eines Zentrums gegen Vertreibungen überhaupt bedarf, nicht gestellt wurde. Stattdessen kritisierte man das unzureichende Wissen der Kinder über deutsche Geschichte.

Wie man den Kleinen die eigene Geschichte näher bringen kann, demonstrierten die Organisatoren des Abends. Im Eingangsbereich hatten die Bundeszentrale und der BdV einen gemeinsamen Infotisch aufgebaut. Dort erhältlich war auch ein Kartenspiel »Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa«, das laut Verpackung »die Erinnerungen an die verloren gegangene Heimat wach« halten soll. Nur ein Beispiel für die pädagogischen Konzepte des BdV und ein weiteres Indiz dafür, dass man dem Verband die Einrichtung des Zentrums keinesfalls überlassen sollte.

Was sich an diesem Abend auch zeigte: Es war nicht nur die als traumatisch erlebte Flucht, die die Sehnsucht nach der »Heimat« wachhielt. Es war auch die Ablehnung der Alteingesessenen, auf die die mittellosen Flüchtlinge aus dem Osten stießen. Der Frankfurter OB Olaf Cunitz verwies auf seine Eltern, die nach ihrer Flucht ins Westdeutsche nicht fassen konnten, dass sie von den eigenen »Volksgenossen« derart mies behandelt wurden. Eine ausgeprägte Willkommenskultur haben die Deutschen bis heute nicht entwickelt.

Die abschließenden Worte sprach dann BdV-Präsidentin Erika Steinbach, die in ihrer Rede betonte, wie wichtig der Beitrag der Vertriebenen beim Aufbau der Bundesrepublik gewesen sei. Zudem bedankte sie sich bei den Vertretern aller Bundestagsparteien, die mit Vertretern anwesend seien. Dann schränkte sie aber schnell ein, »aller demokratischer Parteien«. Die LINKE war jedenfalls nicht dabei.

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