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Atemlos, Herzrasen

Die Autorin Tania Witte hat ihre Romantrilogie über das schwullesbische Leben in der Stadt abgeschlossen

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Ihre Lesungen haben nichts von der andächtigen Stille des Literaturestablishments, das nur gelegentlich vom Rascheln einer Seite durchbrochen wird. Tania Witte macht daraus Performances. Bevor sie sich an ihren ersten Roman wagte, war sie regelmäßiger Gast auf den Spoken-Word-Bühnen der Stadt. Dort verfeinerte sie ihre metaphernreiche, leicht ironisierende Sprache: Jeder Satz scheint an seinem Ende ein Ausrufungszeichen zu tragen und trifft erbarmungslos und zielgenau ins Schwarze.

Zum Erscheinen ihres Erstlings im Querverlag »beziehungsweise liebe« im Jahr 2011 machte sie sich einen Spaß daraus, das komplexe Beziehungsgeflecht ihrer Protagonisten an einem Flipchart zu erläutern. Keine einfache Aufgabe, denn eine nervöse Ungeordnetheit in der Frage, wer zu wem oder wohin gehört, bildet den Kern der Handlung. In unerhörtem Tempo bewegt sich die Geschichte am Puls der Stadt entlang. Sie ist ein leicht überzeichnetes Abbild des flirrenden, wirren, hektischen Lebens junger Menschen in Berlin auf der Suche nach ihrer Identität. Multikulturell, queer, offen für alles, irgendwo zwischen Kunst, Party und der großen Frage nach der Zugehörigkeit.

Marte will ein Baby, ihre umtriebige Freundin Tekgül ist nicht sicher, ob sie der Verantwortung gewachsen ist. Als Vater bietet sich Klemens an, der heterosexuelle Journalist, der Kinder liebt, aber keinen Bock auf Beziehung hat. Seine Mitbewohnerin Nicoletta, die sich nicht binden will, geht eine leidenschaftliche Affäre mit der Transfrau Liza ein - von der auch Klemens ungemein fasziniert ist. Derweil kettet die erfolgreiche Geschäftsfrau Johanna die schöne Tekgül mit ihren devoten Fantasien in einer obsessiven SM-Beziehung an sich. Und Sandyunmanu, das unzertrennliche Doppelpack, das nach über vier Jahren symbiotischer Beziehung immer noch unglaublichen Sex hat, muss trösten und helfen, wo Hilfe geboten ist. Es wird immer schön im Kreis gevögelt, ganz wie im richtigen Leben, denn trotz ihrer relativen Größe hat die schwullesbische Szene der Stadt auch etwas Familiäres, um nicht zu sagen Dörfliches: Irgendwann kennen sich alle. Tania Witte trifft genau das richtige Maß aus authentischer Berliner Szenebeschreibung, feinsinniger Karikatur und rasanter dramatischer Zuspitzung, um ihre Bücher zu regelrechten Pageturnern werden zu lassen. Die Atemlosigkeit, mit der darin gelebt wird, überträgt sich auf die Leserinnen und Leser.

Mit »bestenfalls alles« legte sie nun den - wie sie behauptet - letzten Band der Erzähltrilogie vor. Es ist der ausgereifteste, intensivste der drei. Und mit seiner letzter Seite stellt sich unweigerlich der Harry-Potter-Effekt ein: Mehr und immer noch mehr will die Leserin aus dem Leben dieser außergewöhnlichen Clique erfahren. Tania Witte winkt ab. Sie hat erst mal genug. Da ist zum einen die Frage, der sich alle jungen Autorinnen und Autoren früher oder später stellen müssen: wie vom Schreiben leben können? Als Autorin von gehobenen Unterhaltungsromanen qualifiziert sie sich wohl kaum für die üblichen Literaturpreise und Stipendien, und der Kreis der Interessenten für schwullesbische Literatur ist zu klein, um allein vom Verkauf der Bücher zu überleben. Sie hat Erfolg damit, sie sieht gut aus, sie ist gut im Geschäft, keine Frage. Daraus resultierten prestigeträchtige Aufträge wie der zum Fortsetzungsroman »Lust. Ausgerechnet«, den sie von Mai bis Oktober 2013 für die »taz« schrieb, oder jener, für das »Zeit«-Magazin im Wechsel mit anderen Kolumnisten aus der lesbischen Welt zu berichten: »Andersrum ist auch nicht besser«.

»Offensichtlich hat der heterosexuelle Mainstream Berührungsängste mit Literatur, die aus kleinen queeren Verlagen kommt«, stellt sie gegenüber »nd« fest. »Es war ein schöner Einstieg für mich, die schwul-lesbische Szene zu porträtieren. Aber ich habe gemerkt, dass ich Menschen, die nicht Teil der Szene sind, nicht erreiche.« Derzeit arbeitet sie an einem Jugendbuch. Es ist ein Versuch, mit einer heterosexuellen Protagonistin einen größeren Leserinnenkreis zu erschließen. Warum sollte eine sich auch lediglich mit einem Teil zufriedengeben, wenn »bestenfalls alles« möglich ist?

Tania Witte: bestenfalls alles, Berlin (Querverlag) 2014, 285 S., 14,90 €; Buchpremiere und Lesung, Musik: Christiane Rösinger, 28.9., 19 Uhr im Südblock, Admiralstraße 1-2, Kreuzberg; www.taniawitte.de

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