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Die Gedanken fliegen lassen

Pädagogen streiten: Wie zweckmäßig ist es, an deutschen Grundschulen die Schreibschrift abzuschaffen?

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Immer mehr Menschen nutzen heute die unbestreitbaren Vorzüge der digitalen Datenverarbeitung. Statt für das Schreiben eines Textes Stift und Papier zu verwenden, tippen sie die Buchstaben gleich in die Tastatur ihres Computers oder Handys. Selbst Siebenjährige sind bereits wahre Meister in der Handhabung dieser neuen Technik, die unsere Schreiberfahrung in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat.

Es war so gesehen nur eine Frage der Zeit, bis einige Pädagogen (und Politiker) die Forderung erheben würden, die Schreibschrift als »kulturellen Ballast« auch aus dem Schulunterricht zu verbannen. Im Oktober 2010 wagte der SPD-Abgeordnete Ties Rabe in der Hamburger Bürgerschaft hierzu einen viel beachteten Vorstoß. Er forderte den Senat der Hansestadt auf, an den Grundschulen anstelle der traditionellen Schreibschrift eine Art Druckschrift für die Schüler verbindlich einzuführen.

Doch dort wollte man von einem solchen Experiment zunächst nichts wissen: »Der völlige Verzicht auf das systematische Erlernen einer verbundenen Schreibschrift in der Grundschule ist mit Blick auf das Ziel einer flüssigen Handschrift und eines angemessenen Schreibtempos abzulehnen.« Inzwischen jedoch haben sich die Verhältnisse geändert. Seit März 2011 ist Rabe Schulsenator und in Hamburg können die Grundschulen wählen, ob Abc-Schützen die sogenannte Schulausgangsschrift und damit eine Schreibschrift erlernen sollen, oder die »Grundschrift«, die eine Variante der Druckschrift darstellt. Auch in anderen Bundesländern besteht an Grundschulen Wahlfreiheit, wobei anzumerken bleibt, dass neben der Schulausgangsschrift, die 1968 in der DDR entwickelt wurde, noch zwei weitere Schreibschriften Verwendung finden: die 1953 in der Bundesrepublik eingeführte Lateinische Ausgangsschrift sowie die daraus hervorgegangene Vereinfachte Ausgangsschrift, die sich stärker an die Form der Druckbuchstaben anlehnt.

Folgt man einem 2010 gefassten Beschluss der Kultusministerkonferenz, dann sollen Kinder am Ende der Grundschulzeit in einer »lesbaren und flüssigen Handschrift« schreiben können. An sich erfüllt auch die Grundschrift diese Vorgabe. Denn die Buchstaben können hier am Anfang und Ende mit kleinen Häkchen oder Strichen versehen und dadurch zu Wörtern verbunden werden. Eine Notwendigkeit, dies zu tun, besteht allerdings nicht. Dadurch bleibt es letztlich den Schülerinnen und Schülern selbst überlassen, sich die Schreibsprache anzueignen.

Obwohl es bislang keine gesicherten Erkenntnisse über die Vor- und Nachteile der Grundschrift gibt, wird deren allgemeine Einführung von zahlreichen Pädagogen dringend empfohlen. Die Begründungen hierfür sind mannigfaltig. »Viele Lehrer klagen, dass Schüler nicht lesbar schreiben können«, sagt etwa Erika Brinkmann, Pädagogikprofessorin und Vorstandsmitglied des Grundschulverbandes. Durch die Verwendung der Grundschrift ließe sich einer solchen »Krakelei« vorbeugen. Oft wird auch behauptet, dass namentlich leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler die Grundschrift schneller erlernen und dadurch mehr Zeit für die Lösung anderer schulischer Probleme gewinnen würden.

Das hört sich zweifellos gut an. Allerdings kann es nicht die vorrangige Aufgabe der Schule sein, Kindern möglichst alle Lernschwierigkeiten vorsorglich aus dem Weg zu räumen. Denn je tiefer und komplexer ein junger Mensch beim Lernen Informationen in seinem Gehirn verarbeitet, desto besser schützt er sich vor späteren neuronalen Abbauprozessen. Das kann etwa bei Alzheimer einen geistigen Leistungsgewinn von fast fünf Jahren bedeuten. Hinzu kommt, dass die Art des Schreibens kein rein technisches Problem ist. Sie ist vielmehr eng mit der Entwicklung unserer kognitiven Fähigkeiten verbunden. »Das Training der menschlichen Feinmotorik erfolgt vor allem über die Finger«, sagt der Berliner Philosoph Karl-Friedrich Wessel und verweist darauf, dass die Fähigkeit eines Kindes, komplizierte Bewegungen beim Schreiben zu koordinieren, neben den motorischen auch andere, sprich kognitiv bedeutsame Bereiche des Gehirns aktiviert. Verstärkt wird dieser Prozess durch die Tatsache, dass beim Schreiben zwangsläufig auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den geschriebenen Wörtern und Sätzen erfolgt.

Mit der Abschaffung der Schreibschrift ginge folglich mehr als nur eine Kulturtechnik verloren. Denn beim verbundenen Schreiben lernen Kinder, wie Silben und Wörter zusammenhängen. »So bekommen sie ein Gefühl für den Rhythmus ihrer Muttersprache«, betont die Rektorin der Astrid-Lindgren-Schule in Fulda, Gabrielis Steinberger. Auch die Schriftstellerin Cornelia Funke schwärmt von den Vorzügen des traditionellen Schreibens: »Eine fließende Handschrift fördert den Fluss der Gedanken und bringt die Gedanken zum Fliegen.« Dagegen besteht bei Menschen, die die Buchstaben zu langsam setzen, durchaus die Gefahr, dass sie beim Schreiben ihre Ideen aus dem Blick verlieren.

Nicht zuletzt deuten neuere Studien darauf hin, dass der Gebrauch der Schreibschrift das Gedächtnis fördert. In einem 2009 in den USA durchgeführten Experiment wurde eine Gruppe von Versuchspersonen gebeten, eine vorgegebene Liste von Wörtern mit einem Stift abzuschreiben. Eine zweite Gruppe tat das Gleiche am Computer. Anschließend mussten alle Probanden eine Reihe von einfachen Mathematikaufgaben lösen. Nachdem dies geschehen war, zeigte ein Test, dass sich die Versuchspersonen der Schreibschrift-Gruppe an mehr Wörter erinnern konnten als die Probanden der Computer-Gruppe.

Wie tragfähig solche Versuche sind, weiß derzeit natürlich niemand. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass selbst gute Argumente oft nicht ausreichen, um strittige Fragen zu entscheiden. Zwar wird die Abschaffung der Schreibschrift, sollte sie denn irgendwann stattfinden, nicht zum Untergang des Abendlandes führen. Ein Stück erfolgreich erprobter Pädagogik dürfte aber dennoch auf der Strecke bleiben.

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