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Bellende Hunde

Thomas Rosenlöchers Tagebuch 1989/90

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Nun soll er schon wieder 25 Jahre her sein, jener kurze Herbst der Anarchie, in dem so vieles möglich schien, und dessen jäher Absturz in die parteipolitisch geprägte Realität kapitalistischer Landnahme zu Ernüchterung und Katerstimmung führte?

Der Griff zu Thomas Rosenlöchers »Dresdner Tagebuch« aus jener aufregenden Zeit, geführt vom 8. September 1989 bis zum 19. März 1990, lässt den damaligen Schmerz über Verlust und Vereinnahmung noch einmal nachwirken. Gut, dass es solche Zeitdokumente wie »Die verkauften Pflastersteine« oder die Arbeitsbücher »Werktage« von Volker Braun in der literarischen Landschaft gibt, zweifelte man doch sonst angesichts der bevorstehenden Jubelfeierlichkeiten anlässlich des Mauerfalls an der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit und dem eigenen Erinnerungsvermögen.

Nein, der Mauerfall, jener heftig dreinschlagende Blitz in der Geschichte, der kurzzeitig für (Ver-)Blendung sorgte, war durchaus nicht für jedermann jener pathetisch überzogene Klang der Freiheitsglocke, mit dem Uwe Tellkamp, Dresdner wie Thomas Rosenlöcher, seinen Roman »Der Turm« ausklingen ließ. Gleichwohl fehlten auch Rosenlöcher am 10. November 89 wegen der Grenzöffnung die Worte, wie er in sein Tagebuch notiert. Und einen Tag später kommt ihm das Märchen von Dornröschen in den Sinn. - Doch mit dem Erwachen setzte auch die Ernüchterung ein.

Anhand der wellenförmigen Stimmungslage, die Rosenlöchers Tagebuch auszeichnet, lässt sich Verlauf von Historie viel authentischer nachvollziehen als durch nachträglich geschönte Aufzeichnungen oder festgeschriebene Geschichtsbücher. Rosenlöcher nimmt den Leser zunächst mit in jene Zeit des Stillstands, in der noch »das gespenstige Schweigen der Zeitungen« (11.9.) den Alltag der DDR bestimmte. Ungarn hatte die Grenzen zu Österreich geöffnet, und viele, vor allem junge Menschen, sind diesem Ruf gefolgt. Und auch Rosenlöcher überlegt, ein Stipendium in Worpswede zu beantragen, »nicht gleich um zu bleiben, sondern um eben einen Fuß in den Westen zu setzen« (8.9.).

Doch dann kam alles anders. Die Menschen duckten sich nicht mehr, gingen mit ihren Forderungen auf die Straße und rüttelten so an den Grundfesten des starren Systems. Der Stillstand der Zeit schien endgültig vorbei zu sein.

Genau einen Monat später notiert Rosenlöcher: »Wer wollte im letzten Monat noch nach Worpswede? Noch nie war der Westen mir so fern wie jetzt« (8.10.). Eine nie gekannte »Hochstimmung« ergreift von ihm Besitz, »ähnlich dem Glücksgefühl des Kindes, das nach Weihnachten früh aufwacht und noch nicht weiß, wieso es so froh ist und erst überlegen muß, bis ihm einfällt, daß es eine elektrische Eisenbahn geschenkt bekommen hat« (23.10.). Die elektrische Eisenbahn für Rosenlöcher war der rasante Wandel in der Gesellschaft, ein Wandel, bei dem man sich tatsächlich die Augen reiben musste, um zu glauben, dass dieser Traum Realität ist. Und dass »die Utopie von der Volksherrschaft doch noch nicht ganz verschüttet« ist (26.10.). Mit dem Mauerfall scheint die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der Gesellschaft auf dem Höhepunkt angekommen zu sein.

Doch plötzlich weht auch ein anderer Wind durch Rosenlöchers Tagebuch. Der grelle Westen sorgt für Irritationen. Konsumverliese erzeugen »Kaufhausekel« (22.11.). Nein, das hatte nichts mehr mit jener Utopie zu tun, von der er wenige Tage zuvor noch geträumt hat. Im Gegenteil: Wenn mittlerweile Kommentatoren davon redeten, dass die einzige Chance für die DDR sei, sich vom Westen schlucken zu lassen, konstatiert Rosenlöcher, fast schon resigniert: »Das Schlimme ist, daß sie womöglich recht haben« (22.11.).

Mit den zunehmenden Enthüllungen über das Versagen des politischen Systems in der DDR kippt die öffentliche Stimmung, vor allem auch in Dresden, endgültig. Auf Demonstrationen beobachtet Rosenlöcher »grenzenlos jubelnden Haß« und zunehmend Deutschland-Rufe. Kälte umhüllt ihn. »Deutschland als Knüppelwort« (6.12.). Die Masse wirft sich Bundeskanzler Kohl als Heilsbringer vor die Füße. Rosenlöcher wird »aufzeichnungsmüde« (23.12.) und setzt, in der Tat, zwei Monate aus - leere Seiten als »eine verhältnismäßig ehrliche Tagebucheintragung« (22.2.). Er konstatiert, dass er die meisten seiner Nachbarn und Bekannten in den letzten Monaten nicht mehr gesehen hat! »Das hat es noch nie gegeben: Keiner hat wen gebraucht. Das ist nun wohl wirklich der Westen« (24.2.).

Und dann ist Wahlkampf, die Invasion der Parteien. Rosenlöcher in gereizter Stimmung - »Katastrophengefühl« (15.3.). Am Tag nach der Schock-Wahl (die aber doch gar nicht so überraschend war - grad so, »als ob Mutter zu Weihnachten gesagt hätte daß es diesmal zu Weihnachten nichts gäbe und dann gab es tatsächlich nichts« (18.3.).

Ein ironischer Abgesang: Rosenlöcher vor einem riesigen Kohl-Plakat stehend, wird vom Bundeskanzler direkt angesprochen: »›Rosenlöcher‹, sagt er. ›Das sind doch Träume. Ihre Landsleute haben längst begriffen, worum es geht. Schauen Sie sich um. Es gibt nichts Besseres, als das, was ich Ihnen zu bieten habe‹ ›Ja, Helmut‹«, kann Rosenlöcher noch antworten, da bricht ein Hund bellend hinter dem Plakat hervor, und Rosenlöcher seinerseits fängt vor Schrecken an zurückzubellen, dass es dem Hund die Sprache verschlägt (19.3.).

Welch symbolträchtiges Bild, mit dem Rosenlöcher sein Tagebuch ausklingen lässt! Es soll sich um Meyers Hund gehandelt haben, schreibt Rosenlöcher. Da bin ich mir nicht sicher, ob ihn seine Wahrnehmung nicht getäuscht hatte …

Thomas Rosenlöcher: Die verkauften Pflastersteine. Dresdner Tagebuch. Suhrkamp Verlag. 115 S., br., 7 €.

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