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Vom Arbeiterkind zum Akademiker?

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani über die Risiken des sozialen Aufstiegs

Die soziale Öffnung der Hochschulen vor mehr als 40 Jahren hat vielen Kindern aus Familien abseits eines akademischen und bildungsbürgerlichen Milieus den Bildungsaufstieg ermöglicht. Welche Strapazen und Verluste die Bildungsaufsteiger dafür in Kauf nehmen mussten, beschreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani in einer von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Studie. Im Interview mit Jens Wernicke erklärt er, mit welchen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen Bildungsaufsteiger oftmals belastet sind.

Was macht den »Bildungsaufstieg« von Kindern aus einem Arbeiterelternhaus so unwahrscheinlich?
Zunächst sind es die offensichtlichen Aspekte: Privilegierte Kinder wachsen in einem Milieu auf, in dem es weder an Geld noch an relevantem Wissen fehlt. Es ist selbstverständlich, dass man über die Eltern zahlreiche Akademikerfamilien kennt, was zum einen dazu führt, dass sich eine gewisse Selbstverständlichkeit manifestiert, so etwas auch zu können, und was zum anderen bedeutet, dass man Informationen aus erster Hand erhält, wenn man sie benötigt.

Kindern aus Arbeiterfamilien bzw. niedriger sozialen Herkunft fehlt ein solches Netzwerk?
Ja, benachteiligt Aufwachsenden fehlt aber nicht nur ein solches Netzwerk im engeren Sinne, sie erleben Ärzte, Anwälte, Unternehmer, Journalisten oder Künstler zudem, wenn überhaupt, dann nur in ihrer Funktion, nicht aber als »normale« Freunde der Familie. Dementsprechend fehlt es an Zutrauen und Selbstverständlichkeit, an Erfahrungen und Informationen aus erster Hand, an materiellen und immateriellen Unterstützungsleistungen. Das alles sind relevante Ressourcen. Aber neben diesen offensichtlichen Aspekten gibt es auch Probleme, die durch den Aufstieg überhaupt erst entstehen: Es gibt Risiken und Nebenwirkungen beim Aufstieg - man könnte auch sagen, man gewinnt nicht nur, man verliert auch etwas.

Was hat man als »Arbeiterkind« zu verlieren, schließlich steigt mit dem Aufstieg auch das soziale Prestige und in der Regel das Einkommen?
Man hat einiges zu verlieren. Während des Aufstiegsprozesses wechselt man nahezu das gesamte soziale Umfeld, verbringt viel Zeit in Institutionen höherer Bildung und erlebt praktisch permanent Neues, auf das die familiäre Sozialisation nicht vorbereiten konnte. Das erfordert Selbstdisziplin und Anpassungsfähigkeit, aber auch Trennungskompetenz. Man verändert sich grundlegend, verliert Kontakte zu Menschen aus dem Herkunftsmilieu. Überhaupt wird vieles, was in der Kindheit und Jugend wertvoll war, durch den Aufstiegsprozess entwertet.

Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus?
Eine große. Schon recht früh ist man den eigenen Eltern gegenüber überlegen, die Eltern können sogar als hilfsbedürftig und schwach wahrgenommen werden. Man entwickelt andere Interessen und Vorstellungen, Denk- und Handlungsmuster verändern sich grundlegend. Die Herkunftsfamilie kann kaum noch nachvollziehen, womit man sich beschäftigt. Die Verständigung fällt also immer schwerer und man distanziert sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich vom Herkunftsmilieu - ich bezeichne das als Habitustransformation. Diese Entfremdung kann insbesondere dann, wenn man »da oben« nicht aufgenommen wird bzw. sich nicht aufgenommen fühlt, zu Rückzugsgedanken führen. Wenn das in dieser Intensität erlebt wird, dann ist das ein deutlicher Hinweis auf starke - wenn auch unsichtbare - sozialstrukturelle Grenzen.

Wo könnte man ansetzen, um diese Barrieren zu überwinden?
Da geht es vor allem um zwei Aspekte von Chancengleichheit, die sich wechselseitig befruchten und ergänzen. Zum einen sollte man in Kindheit und Jugend natürlich präventiv fördern. Ideal wäre es, wenn Schulen mehr Verantwortung übernehmen würden und das Scheitern eines Kindes als eigenes Scheitern verstünden. Krisen in der Familie, aber auch adoleszenztypische Krisen sollten also nicht mehr die Bildungslaufbahn und damit die gesamte Biografie beeinträchtigen dürfen. Damit eine solche Haltung im Schulsystem verankert werden kann, bedarf es selbstverständlich weitreichender Reformen und Investitionen. Zum anderen müsste man es schaffen, diejenigen, die bereits auf einem vielversprechenden Weg sind, zu unterstützen. Beispielsweise jene, die bereits über die Hochschulreife verfügen, sich aber kein Studium zutrauen. In beiden Bereichen sind allerdings bereits gute Entwicklungen zu verzeichnen.

In Ihrer Studie stellen Sie auch fest, dass Bildungsaufsteiger eher unsicher und selbstkritisch sind. Inwiefern?
Die Unsicherheit der Betroffenen zieht sich praktisch durch den gesamten Aufstiegsprozess hindurch. Es lässt sich daher auch kein biografisches Motiv des Aufstiegs als solches rekonstruieren, sondern immer nur kleinere Ziele. In den Lebensläufen taucht insofern nicht die soziale Leiter auf, die man hochgeklettert ist, sondern stets nur die nächste Sprosse, weil sich die Akteure gar nicht sicher sein konnten, dass sie diese Herausforderung überhaupt bewältigen würden. Dies ist insbesondere auch deshalb der Fall, weil das eigene Handeln stets und ständig kontrolliert werden muss. Man bewegt sich in den höheren Milieus eben nicht wie ein »Fisch im Wasser«, hier fehlt es an »Natürlichkeit« und man gewöhnt sich gegebenenfalls dadurch sogar ab, der eigenen Intuition zu trauen, ist zumindest aber häufiger gezwungen, sich selbst zu reflektiert.

Wie gehen die »Aufgestiegenen« mit solchen Unsicherheiten um?
Zum Teil versuchen sie, diese Unsicherheit damit zu kompensieren, dass sie sich nach außen hin sehr selbstbewusst darstellen, ohne es wirklich zu sein. Auch ist feststellbar, dass die Aufsteiger auf »soziale Paten«, also auf die Unterstützung Dritter angewiesen sind. Ihnen gegenüber sind sie dann nachvollziehbarerweise sehr loyal. Die Gefahr besteht aber auch immer, dass diese Loyalität ausgenutzt wird. Oder aber sie erleben kein neues Zugehörigkeitsgefühl, was die Gefahr birgt, dass sie sich bestimmten Gruppen anbiedern. Daher kann es insgesamt sinnvoll sein, die Risiken und Nebenwirkungen des Aufstiegs zu kommunizieren.

Was heißt das konkret?
Alle müssen verstehen lernen, dass es sich beispielsweise bei der Entfremdung von der eigenen Familie nicht lediglich um ein individuelles Schicksal handelt, sondern zu weiten Teilen um typische Problemstellungen sozialer Mobilität. Dies kann immens befreiend sein, da man sich oder die eigenen Eltern weniger mit Schuld belastet.

Aladin El-Mafaalani: Bildungsaufstei᠆gerInnen aus benachteiligten Milieus, Springer VS, Wiesbaden 2012, 345 S., 39,95 €

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