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Prometheische Gier

Warum ein Kind spielt, es sei ein Motorrad

  • Von Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich fahre hundert!« kreischt der kleine Junge, der auf einem winzigen Fahrrad, wohlbeschützt durch einen knallroten Helm, seiner Mutter hinterherstrampelt, die sich besorgt nach ihm umdreht. Ich musste an einen anderen Dreijährigen denken, der mir bei einem Besuch bei seinen Eltern, besonnenen, konsumkritischen, aber auch liebevoll gewährenden Menschen, einen dicken Motorradkatalog brachte.

Die Eltern hatten ihm das Buch geschenkt, weil er bei jedem geparkten Motorrad stehen blieb und etwa fragte, ob das ein Chopper oder ein Rennmotorrad sei. Niemand schien zu wissen, woher diese Begeisterung bei dem knapp Dreijährigen kam. Niemand im Umkreis fuhr Motorrad. Aber unter den vielen Dingen, die das Kind sah, fesselte gerade dieses seinen Blick und seine Fantasie.

Wir verbrachten die nächsten Stunden damit, dass er mir die einzelnen Maschinen zeigte und ich ihm die technischen Daten vorlesen musste. Am meisten interessierte ihn die Höchstgeschwindigkeit, gefolgt von der PS-Zahl. Nachher gingen wir spazieren. Er lief voraus, brummte und röhrte wie ein Motor, der hochgeschaltet wird. Er war ein Motorrad und bestimmt kein schwaches, kleines, langsames!

Warum gerade ein Motorrad? Ich konnte mich dann doch in die Wahl einfühlen, obwohl meine eigene Karriere als Biker mit einem (zugegeben etwas frisierten) Kleinmotorrad begann und endete. Motorräder sind nackte Kraft, halb Mensch, halb Maschine, vergleichbar den Kentauren der Antike, einer mythischen Anspielung auf den mit seinem Pferd verwachsenen Reiter. Der Explosionsmotor ist hier näher am Menschen als überall sonst.

Der Philosoph Günter Anders hat über das prometheische Gefälle gesprochen und den Gegensatz zwischen der Schwäche des menschlichen Organismus und der Perfektion unserer Maschinen betont. Mir fiel ein Vers von ihm ein:

Täglich steigt aus Automaten

immer schöneres Gerät.

Wir nur blieben ungeraten,

uns nur schuf man obsolet.

Anders hat vermutet, dass dieser Kontrast vor allem Scham auslöst, die er »prometheisch« nannte. Davon konnte ich in meinen Beobachtungen aber nichts finden, im Gegenteil: Der Triumph der Kinder war doch sehr deutlich, sich selbst in eine mächtige Maschine zu verwandeln.

Der Prometheus des griechischen Mythos brachte den Menschen gegen das ausdrückliche Verbot der Götter das Feuer und leitete so die Entwicklung der Technik ein. Der Begriff der prometheischen Scham zeigt die ganze Distanz des gebildeten, kritischen Erwachsenen zu technischen Geräten. Aber die Art, wie Menschen diese Dinge erleben, wandelt sich mit jeder Generation. Scham ist selten geworden. Sie setzt Abstand voraus, die Bereitschaft zum nachdenklichen Vergleich. Heute überwiegt die prometheische Gier, den eigenen Wert, die eigene Macht und Geltung schnell zu steigern.

Die Dinge neben den Menschen bieten dem Kind wichtige Erfahrungen: Sie sehen es nicht, aber sie bewerten es auch nicht, sie loben nicht, aber sie nörgeln auch nicht. Sie lassen etwas mit sich machen. Manche Dinge sind gefährlich, aber in der Verschmelzung mit ihnen kann das Kind diese Gefahr bezwingen. Wenn es nur gute Menschen gäbe, müssten wir uns schämen, wenn wir sehen, dass unsere Kinder von Maschinen oft mehr fasziniert sind als von Menschen. Aber so lange das nicht der Fall ist, ist es doch wundervoll, wenn Kinder spielen, sie seien Dinosaurier, Bagger, Motorrad, Hund, Löwe, Elefant.

Die Bedeutung der Motorisierung für die Adoleszenz hat Wolfgang Schmidbauer in einem autobiografischen Buch beschrieben, das 1994 im Rowohlt-Verlag erschien: »Mit dem Moped nach Ravenna. Eine Jugend im Wirtschaftswunder.«

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