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Wenn der Stoffkittel straff sitzt

Heinrich Steinfests neuer Abenteuerroman ist ein Gemischtwarenladen

Am Anfang explodiert ein Wal. Sie haben richtig gelesen, und zwar in Taiwan, mitten auf der Straße, weil sich in ihm eine Menge an Gasen gesammelt hat, die sich während des Verwesungsprozesses bilden. Der junge, erfolgreiche Kölner IT-Manager Sixten Braun, Ich-Erzähler des Romans, der sich in der Nähe befindet, wird bei der Explosion von einem umherschwirrenden Teil des Kadavers mit voller Wucht am Kopf getroffen, woraufhin er im Krankenhaus erwacht und sich prompt in seine behandelnde Ärztin verliebt, Lana Senft.

Für den Leser wäre es jetzt an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen: Liest er den Roman weiter, obwohl sich hier unwahrscheinliches Zeug ereignet und obwohl der Autor sich die größte Mühe gegeben hat, seinen Figuren extrem alberne Namen zu geben? Ja. Kafkas Romane hat man schließlich auch weitergelesen. Und dort gibt es immerhin bizarre Gerichte, die in Dachkammern von Mietskasernen tagen, und Figuren, die ernsthaft »Josef K.« oder »Fräulein Bürstner« heißen und keine Vornamen haben. - Nun ja, zurück zum Roman, in dem es schließlich dazu kommen muss, dass unser genesender Patient sich den »kompakten, festen Körper« seiner Ärztin nackt vorstellt. »Wahrscheinlich war alles fest an ihr, auch der mittelgroße Busen, der den weißen Stoff ihres Ärztekittels straffte.« Jetzt müsste man wieder überlegen: Möchte man als Hochkulturfreund zweifelhafte erotische Männerfantasien in abgehalftertem Groschenheftstil lesen? Warum eigentlich nicht? Also weiter. Jedenfalls haben der leidenschaftliche Hürdenläufer Herr Braun und Frau Senft gemeinsam Sex. »Sodann zog ich Lanas Beine sachte auseinander, nahm die Hürde eines gestreckten Beins und drang in sie ein.« Hernach jedoch muss der junge Manager per Flugzeug eine wichtige Geschäftsreise machen, die schließlich zu einer James-Bond-Actionszene mutiert: Das Flugzeug stürzt ab, Braun überlebt. Zurück in Köln heiratet er dann eine Frau, die er nicht liebt, um sich kurz darauf von ihr scheiden zu lassen. Warum, fragen Sie? Egal. Erstens hat es der Leser hier offenbar mit einem Roman zu tun, durch den er sich bewegt wie durch einen unsortierten Gemischtwarenladen, und zweitens hat er ja noch nicht mal die ersten hundert Seiten durch von insgesamt fast vierhundert. Abwarten, bitte! Die Hauptfigur haben Sie ja noch gar nicht kennengelernt!

Also weiter, jetzt wird es nämlich richtig plemplem: Die lüsterne Gehirnspezialistin, Frau Doktor Senft, stirbt an einem Gehirntumor und verlässt so schnurstracks die Handlung. Zack! Das macht unseren Herrn Braun so traurig, dass er - jetzt kommt’s - nach Stuttgart zieht und dort zum Bademeister umschult. Was? Genau. Zum Bademeister. Außerdem adoptiert er einen schmächtigen, geheimnisvollen taiwanesischen Jungen namens Simon, der in einer Fantasiesprache spricht, die niemand verstehen kann, und der, wie sich herausstellt, auf mehreren Gebieten ein Genie ist - unsere Hauptfigur! Und da hat der Leser erst die erste Romanhälfte bewältigt.

Nun darf man aber nicht denken, Heinrich Steinfests Roman sei ein chaotisches Sammelsurium. Die Erzählerfigur plaudert zwischen und mitten in den verschiedenen episodenhaften Romanbauteilen allerlei Erbauliches und Lehrreiches vor sich hin, das gewissermaßen als Kitt fungiert, um die haarsträubenden Handlungselemente sachgemäß miteinander zu verkleben. Über die Funktion des Klassensprechers heißt es zum Beispiel: Ein »Trick« sei der, »innerhalb der Diktatur demokratische Formen zu kultivieren, wie man an einer bestimmten, unwichtigen Stelle des Gartens Unkraut wachsen lässt«. Mal taucht hier ein Aphorismus, dort eine Kalenderweisheit auf: »Geschwister sind die Leute, die man zu Weihnachten trifft.« Oder sowas: »Mit dreizehn Jahren geriet ich in das Fahrwasser der Normalität.«

Steinfest war bisher vor allem als preisgekrönter Krimiautor bekannt. Und vermutlich sind seine Abschweifungen auch in seinen Krimis vergnüglich zu lesen. Wenn es allerdings darum geht, eine Romanfigur zu beschreiben, von der gesagt werden soll, dass sie Ähnlichkeiten mit der oben genannten Lana Senft habe, hätte jemand wie Kafka gewiss eine elegantere sprachliche Lösung gefunden als das Wort »lanamäßig«. Was soll’s. Heute gibt’s nun mal keine Kafkas mehr.

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper-Verlag, 398 S., geb., 19,99 €.

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