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Omars Weg

Die Geschichte eines sahrauischen Aktivisten, der in der Wüste strandete

Er organisierte ein Protestcamp gegen die Besetzung der Westsahara durch Marokko. Dann musste er untertauchen und fliehen. Die Geschichte von Omar endet vorerst in einem Flüchtlingslager in Algerien.

Als er endlich auf algerischer Seite ankommt, ist von Erleichterung wenig zu spüren. Die Eintönigkeit der Wüste, die Perspektivlosigkeit - die ersten Tage im Flüchtlingslager sind eher ein Schock als eine Erlösung. Sein altes Leben, erzählt Omar, das hatte in El-Aiun gespielt, der quirligen Hauptstadt der Westsahara. Sich nun an sein neues Leben in einem Flüchtlingslager mitten in der Sahara zu gewöhnen, das sei ihm nicht leicht gefallen.

Aber der Reihe nach. Die Marokkaner waren schon da, als Omar geboren wurde. Sie kamen 1976 in die Westsahara, Omars Heimat, als sich die bisherige Kolonialmacht Spanien zum Rückzug entschloss. König Hassan II. von Marokko nannte es den »grünen Marsch«, womit er friedliche Absichten suggerieren wollte: Bauern, Frauen, Kinder, geschickt vom alewitischen Königshaus in Rabat, um die Ansprüche auf die »südlichen Provinzen«, wie Hassan II. die Westsahara bezeichnete, geltend zu machen. Doch tatsächlich kamen die Marokkaner als Besatzungsmacht. Die Siedler waren die Vorhut. Es folgte die hochgerüstete marokkanische Armee.

Bis heute ist die Westsahara de facto von Marokko annektiert. Den Sahrauis, den ursprünglichen Bewohnern der Westsahara, blieb nur ein schmaler Streifen entlang der Grenze zu Algerien und Mauretanien, in dem sich ihre Widerstandsarmee, die »Frente Polisario«, behaupten konnte. Ein Großteil der Sahrauis ist in die Wüste geflohen, hinüber in die Flüchtlingslager auf algerischer Seite. Omar wählt einen anderen Weg. Er geht nach Marokko und studiert Anglizistik und englische Literatur. Zurück in Al-Ayoun in der Westsahara, findet er, wie so viele Sahrauis, zunächst keine Arbeit. Die marokkanischen Firmen, die mit den Siedlern kamen, stellen nur Marokkaner ein. Er findet dennoch eine Anstellung, in einer Fischfabrik. Er verschweigt, dass er kein Marokkaner, sondern Sahraui ist. »In einer Fischfabrik zu arbeiten, das ist wie Sklaverei«, erzählt Omar. »Der Arbeitstag beginnt um sechs Uhr morgens und endet um Mitternacht. Zentnerschwere Kisten schleppen, Tag für Tag, auch an den Wochenenden. Wer krank wird oder nachlässt, wird gefeuert.«

Als die Fischfabrik Konkurs anmeldet, entschließt sich Omar zum Protest. Sahrauische Widerstandsgruppen schlagen ein Zeltlager südöstlich von Al-Ayoun auf, bei einem Dorf namens Gdeim Izik. Es ist der 10. Oktober 2010. »Anfangs waren wir keine 40 Personen, verteilt auf sechs Zelte«, erinnert sich Omar. »Eine Woche später waren es schon über tausend.« Einen Monat später, am 8. November 2010, befinden sich über 22 000 friedliche Demonstranten in 8000 Zelten auf dem Gelände. Es ist der Tag, an dem das marokkanische Militär das Lager mit äußerster Brutalität räumt. Omar ist nach der Auflösung des Protestcamps zur Flucht gezwungen, um der Verhaftung durch die marokkanische Polizei zu entgehen. Er flieht in die Wüste, wo er sich über zwei Wochen nur von Wasserreserven und dem wenigen Proviant ernährt, den er mitnehmen kann. Nachts, bei Temperaturen, die sich in der Sahara der Null-Grad-Marke nähern, friert er bitterlich. Als er sich endlich nach 15 Tagen, ausgezehrt und gesundheitlich angeschlagen, zurück nach Al-Ayoun traut, wird er beinahe von marokkanischen Sicherheitsbehörden aufgegriffen. Er flieht erneut in die Wüste. Diesmal will er sich bis nach Algerien durchschlagen, wie so viele Sahrauis vor ihm, die dort Schutz vor marokkanischen Attacken gefunden haben. Dieser Teil der Sahara, die Hamada, in der es nichts außer Sand und Geröll gibt, wird auch die »Wüste in der Wüste« genannt. Wieder ist Omar den lebensfeindlichen Bedingungen schutzlos ausgeliefert. Als er vor dem streng bewachten und verminten Grenzwall ankommt, den die Marokkaner aufgeworfen haben, um den von ihnen beanspruchten Teil der Westsahara von jenem Streifen zu trennen, den die Widerstandskämpfer der Frente Polisario behaupten konnten, droht seine Flucht endgültig zu scheitern.

Doch der Zufall kommt ihm zu Hilfe - in Form eines entlaufenen Kamels. Den heimischen Beduinenstämmen erlauben die marokkanischen Grenzsoldaten den Übertritt über die Grenzanlage, um entlaufene Tiere wieder einzufangen. Omar besticht die Beduinen mit 500 Euro - Geld, das er als eiserne Reserve mühsam angespart hatte, um eines Tages ein Eigenheim bauen zu können. Die Beduinen geben ihn daraufhin als einen der ihren aus. Sie geleiten ihn durch die tückisch verminte Pufferzone entlang des Grenzwalls. Wenig später wird er von einer Patrouille der Frente Polisario gefunden und in ein sahrauisches Flüchtlingscamp auf algerischem Boden gebracht.

Seitdem führt der 32-Jährige ein Leben im Exil, in einem der Lager rund um die algerische Garnisonsstadt Tindouf, so wie geschätzte 170 000 Sahrauis mit ihm. Viele seiner jüngeren Landsleute wurden hier geboren und kennen die Heimat nur aus dem Fernsehen oder dem Internet. Was sie dort sehen, ist entmutigend. »Die täglichen Schikanen, die Perspektivlosigkeit, die Gewalt, vor allem gegen unsere Frauen. Und wir müssen mit ansehen, wie unser Land, unsere Bodenschätze allmählich von den Marokkanern geplündert und verhökert werden.« In Omars Stimme schwingt Resignation mit; er hat die Geschichte seiner Heimat schon zu oft erzählt. Es ist eine Geschichte vom Reichtum eines Landes und davon, wie wenig davon bei den Menschen ankommt, die dort wohnen.

Erst im Dezember vergangenen Jahres verlängerten die Europäische Union und das marokkanische Königshaus ein Kooperationsabkommen zur Ausbeutung der reichen Fischgründe vor der Küste der Westsahara. Dass es sich dabei um völkerrechtswidrig annektiertes Gebiet handelt, hinderte in Brüssel niemanden an der Unterschrift. Hinzu kommen die riesigen Phosphatvorkommen der Westsahara, die als die zweitgrößten weltweit gelten - gleich nach denen Marokkos. Und mittlerweile wurden auch die bislang nur vermuteten Erdöl- und Erdgasfelder vor der südwestlichen Atlantikküste des Landes bestätigt. Die Westsahara könnte ein reiches Land sein. Was fehlt, ist die Unabhängigkeit, die Souveränität über den eigenen Reichtum.

Omar hat inzwischen eine Stelle im sahrauischen Kultusministerium gefunden, das sich, wie alle administrativen Einrichtungen der Sahrauis, in den Lagern in Algerien befindet. Dort arbeitet er im Mediendepartment, wo er sich um das kulturelle Leben in den Camps kümmert. »Das Highlight ist das alljährlich stattfindende internationale Filmfestival ›FiSahara‹«, erklärt Omar. »Auch die Vorbereitungen für das Kunstfestival ›ARTifariti‹, das jedes Jahr in der befreiten Zone stattfindet, nehmen mich sehr in Anspruch.« Und natürlich kümmere er sich darum, das Anliegen der Sahrauis in die Welt hinauszutragen, über RASD-TV, den sahrauischen Fernsehkanal, über »Radio Sahrawi«, über das Internet. Er habe endlich das Geld zusammen, um ein Haus zu bauen, berichtet Omar stolz. Er will es in einem der neueren Lager bauen, in Camp Boujdour, wo es demnächst flächendeckend Elektrizität geben soll. Ob das nun doch noch ein Happy End sei, hier, mitten in der Wüste? Ein Happy End, sagt er, wäre es, wenn er sein Haus in Al-Ayoun in der Westsahara errichten könnte.

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