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Ballade von Liebe, Verlust und Tod

Jhumpa Lahiri schrieb einen großen, Kontinente umspannenden Roman

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Früh schon wird in dem groß angelegten Roman der Jhumpa Lahiri in Kalkutta der junge Revolutionär Udayan Mitra von der Polizei gestellt und aus dem Sumpf geholt, wo er sich versteckt hatte. Triefend steht er auf dem Platz, vor den Augen seiner jungen Frau Gauri, vor den Augen der Eltern und der Nachbarn werden ihm Handschellen angelegt. Er wird abgeführt und gleich wieder freigelassen, damit sie ihn, gleichsam »auf der Flucht« (wie hundertfach in Kalkutta geschehen), hinterrücks erschießen können.

Es ist, als hätten die Kugeln, die Udayan Mitra niederstrecken, den Roman zerrissen - was hatte den jungen Mann aus wohlhabendem Haus bewogen, sich der kommunistischen Nexaliten-Bewegung anzuschließen, was hatte er in dieser Zeit für die Ärmsten der Armen ausrichten können, und war es zum Verlust der Finger seiner linken Hand durch einen Unfall oder gar bei der Herstellung einer Bombe gekommen?

Man weiß es nicht, niemand weiß es - über lange, sehr lange Strecken wird darüber nichts enthüllt. Es wird das Leben von Subhash Mitra dargestellt, dem Bruder Udayans, der Gauri, die schwangere Schwägerin, heiratet und sie mit sich in die Vereinigten Staaten nimmt, wo er als Meeresbiologe tätig ist. Die Ehe erfüllt sich selbst nach der Geburt der Tochter nicht, die sie Bela nennen und im Glauben lassen, Subhash sei ihr leiblicher Vater. Die Mutter verlässt die Tochter, gibt die Familie auf und zieht nach Kalifornien, wo sie ihr in Kalkutta begonnenes Studium fortsetzt und Hochschullehrerin wird. Deutsche Philosophie, deutsches Denken - sie schreibt Lehrbücher, hält Vorträge weltweit. Nur selten lässt sie Männer in ihr Leben. Eine wirklich sinnliche Bindung geht sie mit einer jungen, bei ihr Rat suchenden Studentin ein - aber auch diese Bindung hält nicht.


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* Jhumpa Lahiri: Das Tiefland. Roman. A. d. Engl. v. Gertraude Krueger. Rowohlt. 521 S., geb., 22,95 €.


Vom Gewissen geplagt, sucht und besucht sie schließlich ihre Tochter Bela in Rhode Island. Bela, die mittlerweile selbst Mutter ist, verzeiht der eigenen Mutter nichts, nicht das Verschweigen des leiblichen Vaters, nicht die Flucht an die Westküste, das Zerreißen der Familienbande, den Undank gegen Subhash, der ihr Geborgenheit gab und ihr ein Leben in den USA ermöglicht hatte. Sie, die selbst weit herumgekommen ist, in den Weiten Amerikas Erfahrungen gesammelt und sich Zeit gelassen hat, den richtigen Mann und Vater für ihr Kind zu finden, einen verlässlichen Farmer, verweist die eigene Mutter des Hauses, noch ehe die auch nur ein Wort mit Subhash wechseln oder gar eine Versöhnung mit ihm suchen konnte.

Bis dahin haben sich diverse Schicksale an der Ost- und an der Westküste Amerikas offenbart, auch im mittleren Westen, und rückblickend werden das Leben und das Sterben der Eltern von Udayan und Subhash in Kalkutta geschildert.

Endlich dann im Schlussteil des Romans und auf nur wenigen Seiten erinnert Jhumpa Lahiri bildhaft an das Wirken des von der Polizei ermordeten Udayan Mitra - »nachts lagerten er und seine Genossen im Verborgenen auf Pritschen und Getreidesäcken ... sie ernährten sich von dem, was man ihnen gab ... Udayan nahm an Kundgebungen teil, hängte Plakate auf, malte mitten in der Nacht Parolen ...« Bei all dem verzieh er sich nie, an der Ermordung eines Polizisten teilgehabt und die eigene Frau darin verwickelt zu haben - für ihn, der sein Leben für eine gerechtere Welt riskierte, konnte das Ziel die Mittel nicht heiligen …

Jhumpa Lahiri, die eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA von heute ist, hat mit »Das Tiefland« ein weiteres Mal ihre Meisterschaft bewiesen - ein ergreifende Ballade von Liebe, Verlust und Tod.

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